645 Bustickets für Regensburgs Obdachlose: Genug oder „ein Tropfen auf den heißen Stein“?

Freie Fahrt für Obdachlose: Seit Mitte Dezember gibt die Caritas kostenlose Bustickets an wohnungslose Regensburger aus. Das Ansinnen: vor allem Teilhabe – nicht zuletzt geht es aber auch darum, Haftstrafen zu vermeiden. Geht das auf?
„Beim täglichen Pendeln zwischen Ämtern, Behörden und Übernachtungsmöglichkeiten sind obdach- und wohnungslose Menschen auf Busse angewiesen“, sagt Christian Hierold, Caritas-Fachreferent für besondere Lebenslagen. Mobilität sei ein ganz wesentliches Element auf dem Weg zurück in die Gesellschaft. „Die Kosten für die Tickets sind aber für die Betroffenen oftmals nicht zu bezahlen.“
Wer beim Schwarzfahren erwischt wird, muss dem Regensburger Verkehrsverbund (RVV) ein sogenanntes erhöhtes Beförderungsentgelt von 60 Euro zahlen. Wer das nicht kann, muss irgendwann ins Gefängnis – denn bei Wiederholungstätern behält sich der RVV rechtliche Schritte vor. Es drohen Strafanträge, die für Mittellose nicht selten in Ersatzfreiheitsstrafen enden. „Obdachlose fallen durchs Raster“, sagt Hierold.
Kostenlose Bustickets für Obdachlose in Regensburg: „Sind glücklich“
29 Streifentickets hat die Caritas in den vergangenen knapp zwei Monaten ausgegeben. Zu haben sind sie im Innenstadtbüro des Wohlfahrtsverbands in der Obermünsterstraße und in der Noah-Unterkunft in der Landshuter Straße. Berechtigt sind ausschließlich obdach- und wohnungslose Menschen. „Sie sind glücklich, dass es die Möglichkeit gibt und nutzen die Bustickets für ihre Wege zum Arzt, zum Jobcenter oder auch, um zum Beratungstermin bei der Caritas zu kommen“, berichtet Hierold.
Dass der Fachberater kostenlose Bustickets ausgeben kann, hat er seinem Kollegen Ben Peter zu verdanken. Der Streetworker setzt sich als Begründer des Netzwerks „Kostenloser ÖPNV“ seit einem guten Jahr dafür ein, Busfahren für Obdachlose gänzlich gratis zu machen. Im Februar 2024 wurde Peter mit seinem Anliegen erstmals bei Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein (CSU) vorstellig. Damals wie heute ist sie der Auffassung: „Jeder, der mit dem Bus fahren will, braucht ein gültiges Ticket.“ Von dieser Pflicht könne die Verwaltung nicht einfach eine bestimmte Gruppe ausnehmen – schon aus rechtlichen Gründen.
Im März nahm sich die Brücke-Fraktion Peters Anliegen an und stellte im Stadtrat einen Antrag, wonach der RVV darauf verzichten soll, Strafanzeigen gegen Schwarzfahrer zu stellen. Die Mehrheit des Verwaltungsausschusses war dagegen. Die Stadt wollte daraufhin nach einer anderen Lösung für das Problem suchen – und fand sie nach einem runden Tisch, zu dem alle Beteiligten zusammengekommen waren. Freudenstein bat die Caritas, sich um Mittel der Stiftung Obdachlosenhilfe Bayern zu bewerben. Dort sitzt sie im Kuratorium. Knapp 15.000 Euro für Bustickets sollten nach Regensburg gehen, stellte Freudenstein in Aussicht. Am Ende sind es 8000 Euro geworden.
Davon hat die Caritas 645 Streifentickets gekauft, die zwei Jahre lang reichen sollen. RVV-Geschäftsführer Kai Müller-Eberstein begrüßt die Initiative der Caritas. „Dieses Engagement kann einen wichtigen Beitrag zur sozialen Teilhabe leisten und Betroffenen den Zugang zu Mobilität erleichtern.“ Ob die Zahl der Schwarzfahrer seit der Ausgabe der kostenlosen Tickets gesunken ist, vermag Müller-Eberstein noch nicht zu sagen.
Muss „noch mehr“ kommen?
Die Quote werde über mehrere Monate hinweg errechnet, da die Anzahl der ohne Ticket angetroffenen Fahrgäste von Tag zu Tag und von Woche zu Woche stark schwanke.
Und was sagt der Vordenker? „Es ist gut, ein erster Schritt, aber ein Tropfen auf den heißen Stein“, meint Streetworker Peter zur Ticket-Ausgabe seines Arbeitgebers. Bei 100 Obdachlosen bekomme jeder drei Streifentickets pro Jahr, rechnet er vor. „Das sind ungefähr 15 Freifahrten. Das reicht nicht einmal für einen Monat. Ein kostenloser ÖPNV ist das nicht.“
Peter will am Ball bleiben und die Gespräche mit der Stadt wieder intensivieren. „Seit bekannt wurde, dass die Caritas Geld für Bustickets bekommt, liegen die Gespräche ein bisschen auf Eis, weil die Stadt wissen will, ob das Angebot schon reicht“, erklärt er. Es müsse aber „noch mehr“ kommen. „Wir brauchen einen kostenlosen ÖPNV für Obdachlose.“