Weniger Straftaten, aber mehr Sexualdelikte: So hat sich die Nacht in Regensburg verändert

Die Sperrzeit steht vor dem Aus. Seit Juni 2023 dürfen Regensburger Altstadtwirte ihre Lokale bis zur Putzstunde um 5 Uhr aufgesperrt lassen und müssen Gäste nicht mehr um 2 Uhr auf die Straße setzen. Ende des Monats läuft die Pilotphase aus. Ob aus dem Test eine Dauerlösung wird – und danach sieht es aus –, entscheidet der Stadtrat am Donnerstag.
Der Beschlussvorlage zum Aus der Sperrzeit liegt ein ausführlicher Erfahrungsbericht aus knapp eineinhalb Jahren „Party bis in die Puppen“ in Regensburg bei. Das sind die zentralen Erkenntnisse.
Nachtleben in Regensburg: Die Meinungen der Anwohner gehen auseinander
1100 Erwachsene, die an Gastro-Hotspots der Altstadt leben, hat das Amt Wirtschaft und Wissenschaft angeschrieben, um ihre Erfahrungen mit der ausgesetzten Sperrfrist abzufragen. 331 von ihnen beteiligten sich an der Umfrage. 60 Prozent der Befragten lehnten eine Rückkehr zur Sperrzeit um 2 Uhr ab. Abseits der Kernfrage gehen die Meinungen auseinander: 164 Personen stellten keinen fühlbaren Anstieg des nächtlichen Lärms fest, 105 Personen schon.
Es seien „durchaus“ auch negative Entwicklungen in Sachen Vandalismus, Dreck und Gewalt wahrgenommen worden, heißt es in der Sitzungsvorlage, jedoch ohne konkrete Personenzahl; die „größte Gruppe“ (150) habe aber keine Verschlechterung festgestellt, was das betrifft. Knapp ein Viertel der Befragten (23 Prozent) überlegt, der Kneipen und Clubs wegen wegzuziehen; 40 Prozent gaben an, genau deswegen in der Altstadt zu leben.
Mehr Party, mehr Straftaten? Die Regensburger Polizei will sich nicht festlegen
Die Polizei berichtet der Verwaltung laut Beschlussvorlage von einem „differenzierten Lagebild mit diversen Einflussfaktoren“. Von Juli 2023 bis Juni 2024 sei es im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu weniger Einsätzen gekommen. Jedoch sei die Zahl bestimmter Straftaten angestiegen: Genannt werden Körperverletzungen, Diebstähle und Sexualdelikte. Die Beamten tun sich schwer damit, diese Entwicklungen auf die Sperrzeit zurückzuführen – da sich die Kriminalitätslage in der Innenstadt insgesamt verschlechtert habe.
Was die Polizei aber festgestellt hat: Das Partyvolk sei nachts nicht mehr vornehmlich im Diskothekenviertel unterwegs, sondern verteile sich auf die gesamte Innenstadt. Personen, die es mit der Polizei zu tun bekommen, seien weniger stark alkoholisiert als früher. Das entspreche einem Wandel in der Gesellschaft. Die Polizei weist darauf hin, dass es sich bei den Beobachtungen um eine Momentaufnahme handle. Die Lage könne sich auch ändern.
Sperrstunde ausgesetzt: Die Regensburger Wirte freuen sich über ihre neue Freiheit
Auch aus der Gastronomie holte die Verwaltung Stimmen ein. 32 Betreiber, insbesondere von Kneipen und Bars, nahmen an der Befragung teil, jedoch waren nur 21 der Rückmeldungen „verwertbar“. 14 Wirte gaben an, die Öffnungszeiten ausgeweitet zu haben, wobei fünf davon eine Rolle rückwärts gemacht haben. Sieben Betriebe ließen alles beim Alten. Der meist angeführte Grund dafür: wenig Nachfrage nach 2 Uhr, dafür mehr Kosten.
Von allen Befragten lassen elf Wirte ihr Lokal bis 3 Uhr aufgesperrt, nur vier noch länger. 15 Gastronomen stellten eine „Entzerrung“ der gehenden Gäste fest, was zu „spürbar weniger Konflikten“ (14 Nennungen) geführt habe. Elf Wirte gaben an, dass sich die allgemeine Lage – weniger Lärm, Müll, Gestank und Vandalismus – in der Pilotphase verbessert habe.
Party bis um 5 Uhr – Der Ordnungsservice ist schon im Feierabend
Das Ordnungsamt registrierte während der Pilotphase laut der Beschlussvorlage „keine markante Erhöhung an Beschwerden“. Auch der Kommunale Ordnungsservice (KOS) konnte „keine unmittelbaren Auswirkungen“ feststellen – „da sich mögliche Änderungen nach Dienstschluss des KOS zeigten“.
Erkenntnisse konnten die Ordnungshüter dennoch gewinnen: So hätten sich neue, aber nicht näher benannte „Beschwerdepunkte“ im Altstadtbereich herauskristallisiert. Zudem stellte das Ordnungsamt zunehmende „Verstöße gegen die genehmigte Betriebsart“ fest. Heißt: Um Gäste länger in der Kneipe zu behalten, „verwandeln sich viele Gaststätten (...) selbst in Diskotheken“. Begleiterscheinungen laut Ordnungsamt: Pulks und Vermüllung an Orten, die vorher eher wenig betroffen waren.
Regensburger Altstadtvertreterin läuft gegen Sperrzeit-Aus Sturm
Auch ein vierseitiger Brandbrief von Johanna Bayer-Riepl, die am „Runden Tisch Altstadt“ die Anwohner und das Aktionsbündnis „Fair feiern“ vertritt, findet in den Unterlagen für den Stadtrat Niederschlag. Wie berichtet, kritisiert Bayer-Riepl einen nachts „mittlerweile unerträglich“ gewordenen Lärm.
„Es ist ein Trugschluss, dass sich der Lärm reduziert, wenn die Feiernden bis in die frühen Morgenstunden nach Hause gehen können“, schreibt Bayer-Riepl in ihrer Stellungnahme. Der zufolge ziehe das Partyvolk nun „meist lautstark und angetrunken“ von einer Bar zur anderen. Vor dem Wegfall der Sperrzeit habe sich der Lärm – zumindest außerhalb des Obermünsterviertels – zwischen 1 und 2 Uhr aufgelöst.
Alkohol, Müll, Lärm: Automatenläden ein Problem in Regensburg?
Bayer-Riepl kritisiert zudem die steigende Zahl an Automatenläden, an denen es rund um die Uhr Alkohol zum kleinen Preis gibt. Auch das Ordnungsamt stellte fest, dass Müll und Lärm im Umfeld der Läden zugenommen haben.
Nach derzeitiger Gesetzeslage gebe es jedoch keine Möglichkeit, die Öffnungszeiten einzuschränken. Das Ordnungsamt verweist auf das Bayerische Ladenschlussgesetz, das derzeit auf den Weg gebracht wird. Das sei abzuwarten.
Sperrzeit vor dem Aus: Grünes Licht am „Runden Tisch Altstadt“
Die Evaluation der Testphase wurde Ende Oktober am „Runden Tisch Altstadt“ vorgestellt und laut Beschlussvorlage „kontrovers diskutiert“. Die folgende Abstimmung war ziemlich eindeutig: Neun von elf Teilnehmern (eine Gegenstimme und eine Enthaltung) sprachen sich für das dauerhafte Aus der Sperrzeit aus.
Zusatz-Info: Fraktionsübergreifender Antrag auf der Zielgeraden
Ausgangslage: In der Regensburger Innenstadt galt seit 2005 eine der strengsten Sperrzeiten in Bayern. Sie begann um 2 und endete um 6 Uhr. Für Betriebe außerhalb des Zentrums und für Freisitze galt die Sperrzeit zwischen 22 und 6 Uhr. Wer länger öffnen wollte, brauchte eine Ausnahmegenehmigung.
Vorstoß: Nach einem fraktionsübergreifenden Antrag beschloss der Stadtrat im Mai 2023 einstimmig, die Sperrzeit in Regensburg ein Jahr lang auf die Putzstunde von 5 bis 6 Uhr zu reduzieren. Das Ansinnen: einen „Impuls für die innerstädtische Kultur“ setzen und Betrieben „wirtschaftliche Erholung“ von der Pandemie ermöglichen.
Entscheidung: Im Juni wurde der Test bis Jahresende verlängert, um den Sommer in die Auswertung einfließen lassen zu können. Die Fraktionen zogen da längst ein durchwegs positives Zwischenfazit. Am Mittwoch und Donnerstag sollen Verwaltungsausschuss und Stadtrat das Provisorium zum Definitivum machen.