Junkies, Spritzen und Dealer: Anwohner der Donaulände trauen sich nachts nicht mehr raus

Hat sich die Drogenszene vom Regensburger Hauptbahnhof an der Donaulände breit gemacht? Zwei Anwohnerinnen haben Verstörendes gesehen – und trauen sich nachts nicht mehr raus.
10 Uhr. Kapuzinergasse. Sichtlich mitgenommen wankt ein Mann am städtischen Kinderhort vorbei in Richtung Ostengasse. Sein Blick ist leer, der Rucksack hängt auf Halbmast. „Der ist hier dauernd unterwegs“, sagt Hanna Freisleben (Name geändert, der Redaktion bekannt). Sie sorgt sich um ihr Viertel. Immer öfter beobachtet sie beim Spazierengehen Drogendeals und stößt auf Spritzbesteck. Ihre Nachbarin berichtet von einem Junkie, der sich auf offener Straße einen Schuss gesetzt hat und zusammengesackt ist. „Kein schöner Anblick. Schon gar nicht für mein Kind“, sagt sie. Auch sie will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen – aus Angst vor zwielichtigen Gestalten.
Idyllisch ist es an der Donaulände, gerade jetzt im Herbst. Die paar Sitzbänke, die unter den großen Kastanien stehen, sind heiß begehrt – jedoch nicht nur bei Spaziergängern, wie die Anwohnerinnen erzählen. „Hier läuft einiges ab. Es ist erschreckend“, sagt Freisleben. Zu quasi jeder Bank hat sie eine Geschichte. Mal sitzen dort „Burschen“, die mauschelnd Geschäfte machen, mal übermannt Konsumenten der Schlaf und mal liegen Spritzen neben dem Abfalleimer.
Regensburgs Dealer entdecken Donaulände für sich: Anwohner haben Angst im Dunklen
„Da hinten, in der Sackgasse, habe ich zwei Typen gesehen, die sich auf den Boden gesetzt haben und Drogen in Tütchen abgepackt haben“, erzählt Freisleben der MZ beim Spaziergang. „Einfach so. Am helllichten Tag“, schiebt sie hinterher. Abends trauen sich die beiden Anwohnerinnen nicht mehr runter zur Donaulände. Das war beileibe nicht immer so.
Seit 20 Jahren lebt Freisleben im Inneren Osten. Der Villapark sei schon immer verrufen gewesen, sagt sie. Doch nun – insbesondere seit diesem Sommer – breite sich der Drogenkonsum aus. „Es wird immer schlimmer“, schlägt die Rentnerin Alarm. Nicht nur an der Donaulände, auch unten am Marc-Aurel-Ufer oder vorne am Donaumarkt hat sie schon Spritzbesteck gefunden. „Es wird immer mehr“, sagt auch Freislebens Nachbarin. Sie sorgt sich vor allem um die Kindergartenkinder von der Kapuzinergasse. „Jetzt im Herbst sammeln sie Kastanien. Es kann nicht sein, dass dort lauter Spritzen rumliegen.“
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Freisleben vermutet, dass die verstärkte Polizeipräsenz rund um den Regensburger Hauptbahnhof (siehe auch Info-Teil am Textende) Dealer und Abhängige gen Osten „vertrieben“ hat. Das passt zu einer anderen Tendenz: In der Maxstraße verzeichnet die Regensburger Polizei heuer steigende Fallzahlen entsprechender Delikte. Die Folge: mehr Streifengänge in der problembehafteten Flaniermeile. Verdrängt das die Leute noch weiter nach draußen?
Laut Polizeisprecher Michael Zaschka machten die Maßnahmen rund um den Bahnhof „einen Verdrängungseffekt sehr wahrscheinlich“. Um neue Hotspots auszumachen, sei es jedoch noch zu früh.
Drogenszene in Regensburg: Immer wieder Ausreißer vom Hauptbahnhof
Marion Santl, Leiterin des Referats für Suchthilfe und Sozialpsychiatrie bei der Caritas, möchte sich nicht zu Drogen-Hotspots abseits des Bahnhofs äußern – um keine „Attraktionen“ zu schaffen, wie sie erklärt. Eine direkte Verschiebung der Szene stellt sie bislang nicht fest. Aber: „Immer wieder suchen kleinere Grüppchen oder Einzelpersonen auch Orte abseits der Hotspots auf.“ Santl zufolge sind das „gewöhnliche Prozesse“. Bahnhofsnahe Parkanlagen und Brücken stünden hoch im Kurs.
Die Anwohnerinnen der Kapuzinergasse wünschen sich, dass Polizei und Ordnungsamt öfter in ihrem Viertel vorbeischauen. „Ich habe einfach Angst“, sagt Freisleben. „Es gehört mehr kontrolliert“, meint ihre Nachbarin. Santl plädiert für mehr Streetwork, Sozialarbeit und Konsumräume. „Überwachung alleine löst weder die Suchterkrankung der Menschen noch eine Drogenszene auf.“
„Gemeinsam stark für Regensburg“: So soll das Bahnhofsareal sicherer werden
• Zusammenarbeit: „Gemeinsam stark für Regensburg“ – so heißt eine behördenübergreifende Arbeitsgruppe, die das Regensburger Bahnhofs- und Diskothekenumfeld sicherer machen soll. Vertreten sind die Justiz (Polizei, Staatsanwaltschaft und Amtsgericht), die Stadt Regensburg und die Regierung der Oberpfalz, das Landesamt für Asyl und Rückführung sowie die Universität Regensburg.
• Maßnahmen: Polizei und Ordnungsamt haben ihre Präsenz rund um den Hauptbahnhof Regensburger erhöht, die Justiz macht Intensivtätern den Prozess im Turboverfahren und die Stadt gestaltet die Parkanlagen um. Die nächsten größeren Maßnahmen sind mehr Licht im Fürst-Anselm-Park und die Ausweitung der Videoüberwachung im Bahnhofsumfeld.