Streetworker Ben Peter: „Wir bieten jeden Tag Überlebenshilfe“

Von Marion Koller · 19. April 2023 um 12:00

Der Sozialpädagoge Ben Peter löst viele alltägliche Probleme Drogenkranker – Das Robert-Koch-Institut hat 175 Regensburger Betroffene befragt. Forscherinnen stellen die Ergebnisse im Landratsamt vor.

Mit seinem Lastenrad strampelt Ben Peter jeden Vormittag zur Regensburger Bahnhofstraße. Meistens bringt er gespendete Sandwiches mit, die er bei Bäckereien abgeholt hat. Die Drogenkranken warten oft schon auf ihn. Der 46-Jährige ist einer der wichtigsten Ansprechpartner. Die Klienten kommen mit amtlichen Schreiben, für deren Beantwortung ihnen die Kraft fehlt.

Wenn eine Stromsperrung oder der Rauswurf aus der Wohnung angekündigt wurde, ruft Ben Peter schon mal den Energieversorger oder den Vermieter an und vereinbart Ratenzahlung. Er händigt steriles Drogenbesteck aus und vermittelt Gespräche mit der Drogenberatung der Caritas.

Rund 2000 Menschen in Stadt und Landkreis sind abhängig von harten Drogen, vor allem Heroin. Crystal Meth spiele hier keine so große Rolle. Kokain sei auf dem Vormarsch, beobachtet der Sozialpädagoge Ben Peter. Etwa 300 Süchtige ersetzen die Drogen durch Methadon oder Subutex, um einen halbwegs normalen Alltag leben zu können. Bei der Jugend nehme der Cannabis-Konsum zu – an sich eine sogenannte weiche Droge, sagt Ben Peter. Aber wer auf dem Schwarzmarkt künstliches Cannabis erwischt, riskiere eine tödliche Überdosis.

Sex meistens ohne Kondom

Die Drogenprobleme in Regensburg und dem Landkreis, wo etwa ein Viertel der Betroffenen wohnt, sind also massiv. Wer Heroin spritzt, hat zugleich ein hohes Risiko, an Hepatitis C zu erkranken.

175 Regensburger haben sich an der „DRUCK-2.0-Studie“ des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) zu sexuell und durch Blut übertragene Infektionen von Drogenkonsumenten beteiligt.

Dem RKI geht es um HIV, Hepatitis B und C sowie Syphilis. Auf diese Krankheiten wurden die Befragten auch getestet.

Die Studie lief in Bayern und Berlin mit insgesamt 650 Teilnehmern. Die Beteiligung in Regensburg war höher als in den anderen bayerischen Großstädten. Deshalb stellten die Forscherinnen Gyde Steffen und Amrei Krings von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI am Montag die Ergebnisse im Landratsamt vor: bei der Plenumssitzung des Suchtarbeitskreises Regensburg mit Prof. Norbert Wodarz an der Spitze.

Forscherin Gyde Steffen lieferte zahlreiche Daten zur Regensburger Drogenszene. Der Altersmedian der 175 Befragten lag bei 37 Jahren. Rund 70 Prozent waren Männer, 80 Prozent deutsch, 92 Prozent hatten mindestens die Mittelschule abgeschlossen und 64 Prozent waren schon einmal obdachlos gewesen. Wer obdachlos ist, sei „abgehängt“, stellte Steffen fest.

Die ersten Drogen konsumierten die Teilnehmer durchschnittlich mit 19 Jahren. Der erste Griff zur Spritze lag im Schnitt 15 Jahre zurück. Beinahe 90 Prozent hatten im Monat vor der Befragung Drogen gespritzt. Gebrauchte Konsumutensilien hatte schon ein Großteil benutzt.

Gyde Steffen betonte, in Regensburg spritzten 98 Prozent Heroin, 56 Prozent schluckten Crystal Meth und 49 Prozent schnupften Kokain. Mehr als zwei Drittel der Befragten gaben an, schon einmal eine Überdosis genommen oder gespritzt zu haben. Sex hatten im Jahr davor 80 Prozent, mehr als 50 Prozent verzichteten auf Kondome.

„Da haben wir einen großen Ansatzpunkt, denn das ist ein wichtiger Übertragungsweg“, sagte die RKI-Forscherin Gyde Steffen. Während in Regensburg HIV-Infektionen kaum eine Rolle spielten bei den Drogenkranken und es keine Hepatitis-B-Ansteckungen (HBV) gab, waren 31 Prozent der Befragten aktuell an Hepatitis C (HCV) erkrankt und 36 Prozent berichteten von einer ausgeheilten HCV-Infektion.

„Unser Fokus liegt also weiterhin auf Hepatitis C“, sagte Steffen. „Die aktiven HCV-Infektionen nehmen ab. Die Situation bessert sich, aber sie ist noch lange nicht da, wo wir sie haben wollen.“ Es existiert noch keine Impfung gegen Hepatitis C. Viele Menschen sterben an einer chronischen HCV-Infektion. Für Hepatitis B dagegen gibt es eine Impfung. „Man muss über die Impfung aufklären“, forderte Gyde Steffen.

Keine Impfung für Hepatitis C

Zusammen mit Amrei Krings erläuterte sie das Ziel der „DRUCK-2.0-Studie“. Das RKI will ein nationales Monitoringsystem zu sexuell und durch Blut übertragene Infektionen entwickeln.

Auch Streetworker Ben Peter erschien auf der Konferenz. Er erfährt jeden Tag, dass sterile Drogen-Utensilien Leben retten. „Wir Streetworker bieten Überlebenshilfe. Wenn wir sehen, dass manche Klienten nach zehn Jahren noch leben, ist das ein Erfolg.“

Hepatitis C unbedingt vermeiden

Sterile Konsum-Utensilien:Helga Salbeck vom Gesundheitsamt für Stadt und Land Regensburg plädierte für „Impfen, Testen und Ausgabe von Konsum-Utensilien“. Auch Hans-Peter Dorsch von der Aids-Beratungsstelle Oberpfalz unterstrich, die Ausgabe von Konsum-Utensilien an Süchtige sei extrem wichtig, um Hepatitis-C-Ansteckungen zu vermeiden.

Kosten:Für 1000 Drogenkranke brauche man laut Weltgesundheitsorganisation 300 000 Konsum-Utensilien wie Kanülen und Spritzen pro Jahr. Das koste 90000 Euro. Nur drei Hepatitis-C-Behandlungen kosten laut Hans-Peter Dorsch auch 90000 Euro. „Im Moment sind wir leider unterfinanziert und haben lediglich 40 000 Euro Fördermittel.“

Gyde Steffen vom Robert-Koch-Institut stellte die Studie im Landratsamt vor. -Foto: Hermansky