„Härtere Szene“ am Bahnhof: Streetworker bemerkt neue Stufe der Gewalt in Regensburg

Ben Peter kennt die Problemzone rund um den Regensburger Hauptbahnhof so gut wie kaum ein anderer. Der Streetworker berichtet von einer „härteren Szene“, die sich in den Grünanlagen breit gemacht hat.
Ein ganz normaler Vormittag in der Albertstraße: Am Bussteig B2 hat sich eine Menschentraube gebildet. Es regnet. Und es riecht nach Alkohol. Bierdosen säumen die Sitzbank. Auf den Bus wartet hier niemand, auch nicht Ben Peter. Seit 8 Uhr ist der Streetworker heute schon unterwegs, um Alkoholikern, Drogenabhängigen und Obdachlosen mit Rat, Tat und Wurstsemmeln zur Seite zu stehen. Er kennt die Probleme rund um den Hauptbahnhof genau – und bemerkt seit Monaten eine ganz neue Art von Kriminalität.
„Hi Ben, ich wollte noch meine Schulden zurückzahlen“, sagt ein Mann aus der Gruppe und drückt Peter einen Geldschein in die Hand. Wie der Streetworker später erzählt, kann der Mann seine Stromrechnung nicht bezahlen, weil er kein Konto hat. Deshalb habe er das übernommen. Wenn die Menschen mit Peter sprechen, liegt plötzlich eine Herzlichkeit in der Luft, die fast den Alkoholgeruch übertüncht.
Seit 2010 geht der Sozialwissenschaftler für die Caritas in Regensburg auf die Straße. Viele der Menschen, die am Bahnhof ihre Zeit totschlagen, kennt er. „Es gab schon immer kleine Konflikte“, sagt er mit Blick auf die Kriminalität im Bahnhofsumfeld. Verbotene Substanzen, Diebstähle und Schlägereien zählt er auf.
Neue Tätergruppe rund um den Hauptbahnhof Regensburg: „Abgekapselte Szene“
Vergangenen Sommer sei die Situation „ein bisschen heftiger“ geworden, berichtet Peter. Eine Gruppe von Flüchtlingen – eine „völlig abgekapselte Szene“ – habe angefangen, in den Parkanlagen Kokain zu verkaufen. „Auch wenn Regensburg eine Heroin-Hochburg ist, war das für viele Abhängige natürlich reizvoll“, sagt Peter. Die Dealer seien sehr aggressiv aufgetreten. Das habe auch zu Konflikten mit seinen Klienten geführt.
Die Gruppe sei den Suchtkranken haushoch überlegen: nüchtern, jünger und teils mit Messern ausgestattet. „Klar, in der Szene kam es schon immer zu Schlägereien, aber auf faire Weise, selbst wenn illegale Geschäfte gemacht wurden“, sagt Peter. Das habe sich mit der neuen Gruppe – es seien nicht mehr als zehn Leute – geändert. Auch Passanten hätten die Männer aggressiv angesprochen. Alle Versuche des Streetworkers, mit der Flüchtlingsgruppe in Kontakt zu treten, sind hingegen gescheitert. „Wir haben versucht, ihnen Essen und Trinken anzubieten. Aber die tragen teure Klamotten. Die brauchen nichts von uns“, erzählt der Streetworker. Peter berichtet von „gewissen Attacken“ und einer „härten Szene“, die sich plötzlich etabliert habe.
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Polizeipräsident Thomas Schöniger sprach Anfang Dezember von einer „teilweise deutlich erhöhten“ Zahl an Delikten der Straßenkriminalität seit Sommer – und kündigte unter anderem mehr Polizeipräsenz an. Dass in diesen Tagen mehr Streifen im Bahnhofsumfeld unterwegs sind als sonst, bemerken auch Peters Schützlinge. Auch der Fokus der Beamten scheint sich verschoben zu haben. „Meine Klienten wurden früher viel häufiger kontrolliert“, sagt der Streetworker. Für diese Menschen sei es eine ganz neue Erfahrung, „nicht mehr so stark die Kriminalisierten zu sein“.
Zwei Vergewaltigungen in Bahnhofsnähe angezeigt: Zwei Tunesier in Haft
Peter hat schon so manch brenzliche Situation am Bahnhof erlebt. Schlägereien wie Messerattacken. Sexualisierte Gewalt sei erst seit Kurzem ein Thema. „Im Sommer haben wir uns darüber noch gar keine Gedanken gemacht“, sagt er.
Mitte Januar sollen binnen weniger Tage zwei Frauen in Grünanlagen entlang der Maximilianstraße vergewaltigt worden sein – in der Fürst-Anselm-Allee und an der Römermauer. In einem der beiden Fälle klickten kurz nach der mutmaßlichen Tat die Handschellen. Zwei Tunesier im Alter von 20 und 22 Jahren sitzen in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen der Polizei dauern in beiden Fällen an. Neue Erkenntnisse konnte Polizeisprecher Claus Feldmeier am Donnerstag nicht vermelden.
Streetworker am Hauptbahnhof Regensburg: Frauen vertrauen sich Ben Peter an
Wie Ben Peter erzählt, habe sich ihm Ende vergangenen Jahres eine Frau anvertraut, die ebenfalls sexualisierte Gewalt erfahren haben will. „Vergewaltigungen sind schon das Heftigste, was ich als Streetworker bisher erlebt habe“, sagt Peter. Auch Marion Santl, Leiterin der ambulanten Suchthilfe der Caritas, erzählt, sie habe von weiteren sexuellen Übergriffen im Bahnhofsumfeld gehört. Konkreter wollten sich die beiden nicht äußern, auch weil die Gemengelage schnell unklar erscheint, wenn Drogen im Spiel sind. „Man geht davon aus, dass mindestens 60 Prozent der Frauen, die Suchtmittel konsumieren, Gewalt erlebt haben“, sagt Santl. Die Dunkelziffer sei wohl viel höher.