Ein Abend im „Angstraum“: Wie reagieren Behörden auf angezeigte Vergewaltigungen am Bahnhof?

Von Jonas Raab, Philip Hell · 29. Januar 2024 um 18:24

Zwei angezeigte Vergewaltigungen binnen weniger Tage schockieren die Stadt. Während Polizei und Staatsanwaltschaft mit Hochdruck ermitteln, diskutiert Regensburg über den „Angstraum Bahnhof“. Wie gefährlich ist es dort wirklich? Und wie reagieren die Behörden auf die Vorfälle?

Stockfinster ist es am Sonntagabend in der Fürst-Anselm-Allee. Am Obelisken, wo kürzlich eine Frau am helllichten Tag vergewaltigt worden sein soll, sieht man die Hand nicht vor den Augen. Der westliche Teil der Parkanlage ist völlig verlassen. Eine Viertelstunde lang kommt kein einziger Mensch vorbei. Etwas belebter – und heller – ist der Weg, der vom Milchschwammerl in Richtung Innenstadt führt. Ein Paar läuft vorbei. Einige Sprachfetzen schnappt man auf: „Demo“ und „Vergewaltigung“.

Zu der Tat im Fürst-Anselm-Park vor rund anderthalb Wochen gibt es keine neuen Erkenntnisse, wie Polizeisprecher Claus Feldmeier sagt. Die Ermittlungen liefen weiter. „Festnahmen gab es in diesem Zusammenhang bislang nicht.“

Angezeigte Vergewaltigung am Hauptbahnhof Regensburg: Festgenommene waren polizeibekannt

Sonntagabend an der Römermauer unweit des Ernst-Reuter-Platzes. Ein Ehepaar spaziert durch die Nacht: „Hier muss es gewesen sein“, sagt die Frau zu ihrem Mann und deutet auf das antike Denkmal. Auch an dieser Stelle kam es vor wenigen Tagen zu einem mutmaßlichen Sexualdelikt. Zwei Männer sollen eine Frau missbraucht und ausgeraubt haben. Wenige Stunden nach der Tat wurden die beiden mutmaßlichen Täter festgenommen. Bei den Männern handelt es sich um Tunesier. Beide sind der Polizei schon länger bekannt – auch weil sie sich bei ihrer Einreise strafbar gemacht haben. Einer der beiden soll zudem durch Ladendiebstähle aufgefallen sein, wie Polizei und Staatsanwaltschaft der MZ bestätigen. Die Ermittlungen in dem Fall dauern an, wie Polizeisprecher Feldmeier mitteilte. „Eine detaillierte Vernehmung der Geschädigten steht noch aus.“

Während Regensburg über den „Angstraum Bahnhof“ diskutiert, geht dort das Leben weiter. Die Menschen warten auf Busse, decken sich im Edeka mit Lebensmitteln ein – oder sitzen Bier trinkend zusammen. Wie reagieren die Behörden auf die Situation? Polizeisprecher Claus Feldmeier betont: „Die Polizei gewährleistet weiterhin eine möglichst hohe Präsenz im Bahnhofsumfeld sowie den umliegenden Grünanlagen.“ Die Beamten wollen demnächst wieder mit einer Reiterstaffel auf Streife gehen. „Eine dauerhafte polizeiliche Präsenz in den Parkanlagen kann nicht gewährleistet werden.“ Ziel sei es, durch eine enge Zusammenarbeit mit den anderen Behörden und Sicherheitspartnern weitere Maßnahmen zu prüfen, zu entwickeln und schließlich auch umzusetzen, sagt Feldmeier.

Nach Sexualdelikten am Regensburger Bahnhof: Kameraüberwachung soll ausgeweitet werden

Die beiden Tunesier, die eine 29-Jährige an der Römermauer vergewaltigt haben sollen, gingen der Polizei aufgrund von Videoaufzeichnungen ins Netz. Die Beamten wollen die Kameraüberwachung nun ausweiten, wie Polizeisprecher Feldmeier sagt. Konkret werden Kameras am Schwammerl geprüft – auch weitere Areale kommen in Frage. In dieser Frage arbeitet die Stadt eng mit der Polizei zusammen. Wann mehr Kameras kommen, ist unklar.

Ebenso offen ist, wann die Parkanlagen rund um den Bahnhof besser beleuchtet werden, wie aus einer Antwort der städtischen Pressestelle auf eine MZ-Anfrage hervorgeht. Darüber hinaus prüft die Stadt derzeit, ob noch weiteres Gebüsch im Bahnhofsumfeld abgeholzt werden muss.

Der Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung an der Römermauer wirft ein Schlaglicht auf die Tätergruppe der Tunesier, die die Regensburger Justiz seit geraumer Zeit intensiv beschäftigt. Eine eigens geschaffene Ermittlungsgruppe bei der Staatsanwaltschaft Regensburg beschäftigt sich mit Mehrfachintensivstraftätern. Inzwischen fallen 29 Kriminelle in diese Kategorie – 27 von ihnen sind Tunesier, wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Oberstaatsanwalt Thomas Rauscher, der MZ sagt. Die mutmaßlichen Vergewaltiger von der Römermauer fallen jedoch nicht in diese Kategorie. Für derartig schwere Vorwürfe sei die Ermittlungsgruppe nicht zuständig.

Staatsanwaltschaft beschäftigt sich mit Mehrfachintensivstraftätern: „Bemerkenswerte Erfolge“

Generell ist die Behörde zufrieden mit den bisherigen Intensivtäter-Ergebnissen: „Die Ermittlungsgruppe bei Staatsanwaltschaft und den Polizeibehörden Regensburg arbeitet mit Hochdruck und bemerkenswerten Erfolgen. In kaum zwei Monaten ist es gelungen, fast 30 Mehrfachintensivstraftäter umgehend der Justiz zuzuführen. Allerdings bleibt festzustellen, dass uns die Beschuldigten nicht ausgehen.“

Zurück am Bahnhof: Kurz vor 20 Uhr blinkt am Sonntag in der Albertstraße Blaulicht. Die Polizei rückt mit zwei Streifen an. Während sich die Beamten mit einem sichtlich eingeschüchterten Jugendlichen unterhalten, packt an einer der Bushaltestellen ein Mann seinen Rucksack und sucht das Weite. Die Polizisten stoppen den erkennbar berauschten Mann, durchsuchen seinen Rucksack. Verbotenes finden sie offenbar nicht. Auch mit den Leuten, bei denen der Mann saß, sprechen die Beamten. Verstohlen beobachten die Leute am Bussteig den Einsatz. Nach einer guten Viertelstunde ziehen die Polizisten ab – und der Durchsuchte macht sich umherschreiend in Richtung Bahnhof auf.

„Ein Pärchen hat so aufbrausend gestritten, dass sich Passanten Sorgen gemacht haben“, berichtet Markus Reitmeier, Sprecher der Polizeiinspektion Regensburg Süd, am Montag. Eine Straftat habe man nicht festgestellt. Es sei der einzige Fall gewesen, in dem am Sonntag die Polizei zum Bahnhofsareal gerufen worden sei. „Aber wir fahren dort verstärkt Streife und kontrollieren Leute“, sagt Reitmeier.

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Im Hauptbahnhof selbst ist die Bundespolizei rund um die Uhr vor Ort. Am Sonntagabend warten vor den Rolltreppen eine Handvoll Beamten und ein Polizeihund auf rund 900 Eishockey-Fans, die nach dem Spitzenspiel gegen die Regensburger Eisbären ihre Heimreise nach Kassel antreten. Ein Fan sucht sich hinter einem Busch im Fürst-Anselm-Park bewusst ein dunkles Plätzchen, um sich zu erleichtern.