„Für mich ein Schock“: Gertrud Maltz-Schwarzfischer äußert sich zur Lage am Hauptbahnhof

Von Jonas Raab · 31. Januar 2024 um 19:16

Zwei angezeigte Sexualdelikte, die sich im Bereich des Regensburger Hauptbahnhofs ereignet haben sollen, sind Stadtthema geworden. Im Interview spricht Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer über die Grünanlagen und Maßnahmen gegen die sich ballende Kriminalität.

Wie fühlen Sie sich, wenn Sie am Hauptbahnhof unterwegs sind?

Gertrud Maltz-Schwarzfischer: Das hängt davon ab, wo ich bin. Direkt am Bahnhof fühle ich mich sicher – weil ich weiß, dass die Bahnpolizei da ist. Seit sich im vergangenen Jahr im Bahnhofsumfeld eine offene Drogenszene etabliert hat, wo aggressiv kriminelle junge Männer unterwegs sind, habe ich bei Dämmerung kein besonders gutes Gefühl in den Grünanlagen.

Ist dieses ungute Gefühl mit den beiden angezeigten Sexualdelikten in den vergangenen Tagen stärker geworden?

Maltz-Schwarzfischer: Wie für viele andere war es für mich ein Schock, dass es in unserer Stadt – in der ich mich eigentlich immer sicher gefühlt habe – tagsüber zu solchen Vorfällen kommen kann. Am helllichten Tag, das muss doch jemand gesehen haben? Ich hoffe sehr, dass die Täter ermittelt werden können und angemessen bestraft werden. Unser Rechtsstaat muss zeigen, dass er handlungsfähig ist.

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Sie haben vor knapp zwei Monaten von einer „Eskalation“ im Bahnhofsumfeld gesprochen. Ist jetzt eine weitere Eskalationsstufe erreicht?

Maltz-Schwarzfischer: Es ist Eskalation genug, wenn Passantinnen begrapscht und angepöbelt werden. Auch das kann nicht toleriert werden.

Können Sie sich erklären, warum die Zahl der Straftaten derart explodiert ist?

Maltz-Schwarzfischer: Das sehe ich wie die Polizei: Um den Bahnhof herum war es schon immer schwierig mit Alkohol und Drogen. Auch Diebstähle waren immer wieder Thema. Aber so übergriffig, aggressiv und höchst kriminell, das gab es in dieser Ballung bisher noch nicht. So etwas hatten wir in dieser Form in unserer Stadt noch nie. Manche meinen, dass das Ankerzentrum dafür verantwortlich sei. Für mich ist das keine Erklärung. Das Ankerzentrum gibt es ja schon etliche Jahre. Abgesehen davon kann man Asylbewerber nicht unter Generalverdacht stellen. Es ist eine bestimmte Tätergruppe, die sich plötzlich etabliert hat. Das gab es auch in anderen Städten. Es darf sich aber jetzt hier nicht weiterentwickeln.

Was tut die Stadt dagegen?

Maltz-Schwarzfischer: Der Kommunale Ordnungsservice hat seine Präsenz in den Grünanlagen rund um den Bahnhof drastisch verstärkt und kontrolliert dort mehrere Stunden am Tag. Zudem haben wir die Sitzbänke rund um den Obelisken entfernt. Wenn sie im Frühjahr wieder aufgestellt werden, dann fest im Boden verankert, damit man sie nicht herumtragen kann. Die Sitzgelegenheiten sollen weniger werden, aber nicht ganz verschwinden. Um das Peterskirchlein soll die Aufenthaltsqualität verbessert werden, damit dort Veranstaltungen wie Kunstaktionen im Freien möglich werden. Es ist wichtig, dass wir bestimmte Bereiche nicht aufgeben oder komplett meiden. Belebung ist immer auch gut für die Sicherheit.

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In Aussicht gestellt wurden auch mehr Licht und Kameras, dafür weniger Gebüsch. Wie steht es um diese Maßnahmen?

Maltz-Schwarzfischer: Das Gartenamt hat bereits Büsche und Bäume beschnitten. Wenn die Polizei, die für die Videoüberwachung zuständig ist, ihre Planung konkretisiert hat, werden wir weitere Sichtachsen schaffen. Dasselbe gilt für das Thema Beleuchtung. Wir stehen eng im Austausch mit der Polizei und warten auf die Anforderungen. Licht ist ja auch Voraussetzung für eine sinnvolle Videoüberwachung. Da brauchen wir aber noch Geduld, weil die Beleuchtung nicht nur mit der Polizei, sondern auch mit den Naturschutzbehörden abgestimmt werden muss.

Apropos Licht. Eines der mutmaßlichen Sexualdelikte hat sich am helllichten Tag ereignet. Braucht es noch drastischere Maßnahmen?

Maltz-Schwarzfischer: Absolute Sicherheit wird es nie geben, in keinem Bereich der Stadt. Zudem muss man den Verdrängungseffekt beachten. Das haben wir ja gesehen, als die Videoüberwachung direkt vor dem Bahnhof verstärkt wurde. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, dass wenn wir an einer Stelle für Sicherheit sorgen, plötzlich die ganze Stadt sicher ist.

Was bedeuten die Vorfälle für die ohnehin aufgeheizte Stimmung? Momentan gehen ja so viele Menschen für ihre Belange auf die Straße wie lange nicht – auch Menschen aus der rechten Ecke.

Maltz-Schwarzfischer: Ich warne davor, eine bestimmte Gruppe unter Generalverdacht zu stellen. Die allermeisten Bewohner des Ankerzentrums sind einfach bemüht, hier anzukommen. Die Täter schaden denen, die wirklich bei uns Schutz brauchen. Ich finde das ausgesprochen bedauerlich. Und natürlich ist das Wasser auf die Mühlen von Rechtsextremen.

Das Interview führte Jonas Raab

Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer spricht im Interview über die Vorfälle rund um den Regensburger Hauptbahnhof. Foto: altrofoto.de