Verkommt der Regensburger Hauptbahnhof zum „Angstraum“?

Von Marion Koller · 29. November 2023 um 05:00

Ein Tritt in den Rücken eines Kontrahenten, ein Messerstich im Streit, ein schwerer sexueller Übergriff eines 19-Jährigen gegen einen anderen Mann: Das ist in den letzten Wochen am Regensburger Hauptbahnhof passiert. Die CSU spricht von einem „Angstraum“. Trifft das zu?

Die Liste ließe sich verlängern. Abends und nachts machen viele Regensburger einen großen Bogen um den Bahnhof und dessen Umfeld. Die CSU spricht von einem „Angstraum“. 2022 kam es dort zu 136 Gewaltdelikten.

Berthold Lorenz findet, dass das Areal an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist. Durch die irrwitzige Verkehrsberuhigung sei der Bahnhofsvorplatz zum „leblosen Schandfleck“ geworden. Als Regensburger schäme er sich für die unansehnlichen Absperrungen, sagt der 66-Jährige. Werner S. schreibt in einem Leserbrief, die Zustände an der Albertstraße und am Hauptbahnhof hätten sich in letzter Zeit dramatisch verschlechtert. Er moniert Drogenhandel, Müll und Ratten.

Bürgermeisterin Astrid Freudenstein (CSU) sieht ein massives Sicherheitsproblem. Durch die Verkehrsberuhigung und weil Handel sowie Dienstleistungen fehlten, habe der Bereich an Frequenz verloren. Schwierige Personengruppen prägten zunehmend das Areal. Sie nennt Suchtkranke, Obdachlose und Dealer.

Miserables Sicherheitsgefühl?

Für die Drogenabhängigen und die Streetworker fordert Reinhard Kellner von den Sozialen Initiativen seit drei Jahren, das Peterskirchlein als vormittäglichen Treff freizugeben. Die Stadt ist aufgeschlossen dafür, doch eine Lösung zieht sich hin.

Nach Wahrnehmung von CSU-Stadtrat und MdL Jürgen Eberwein ist das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen rund um den Bahnhof miserabel. „Leider berechtigt – der Bereich ist objektiv ein Kriminalitätsschwerpunkt, ein gefährlicher Ort im Sinne des Polizeiaufgabengesetzes.“ Das heißt auch, dort können Personen jederzeit kontrolliert und durchsucht werden. Das geschieht, die Polizei hat ihre Präsenz erhöht.

CSU kritisiert Verkehrsberuhigung

Dass der motorisierte Verkehr vor dem Bahnhof ausgebremst wird und nicht mehr durchfahren kann, kritisiert die CSU, die der Koalition angehört, weiterhin scharf. Freudenstein erkennt gar einen verkehrlichen, sicherheitspolitischen und städtebaulichen Scherbenhaufen. Bei der Jahrespressekonferenz soll das thematisiert werden. Die Brücke im Stadtrat, die Industrie- und Handelskammer sowie Faszination Altstadt haben schon im Frühjahr die freie Durchfahrt verlangt.

Grundsätzlich ist die von der Stadtspitze angestrebte Verkehrsberuhigung der Altstadt jedoch eine gute Sache. Wenn die Autos draußenbleiben, können die Fußgänger entspannt flanieren. Die Radfahrer sind sicherer unterwegs.

Junge Leute plädieren für Verkehrsberuhigung

Alle jungen Leute, die die MZ befragt, plädieren für die Verkehrsberuhigung. Sina Voges wohnt an der Bahnhofsstraße und genießt die Ruhe. Der Bahnhof sei für alle erreichbar. Man könne außen herum fahren. Ihr Auto parkt die Studentin (25) am Stadtrand. Eine 18-Jährige aus dem Landkreis freut sich darüber, dass sie vor dem Bahnhof nicht mehr an der Ampel warten muss. Die Verkehrsberuhigung komme der Sicherheit zugute. Jeta Smajli, eine 18-jährige Schülerin, sagt, das Bussystem sei gut, deshalb sei die Sperrung für Autos kein Problem. Die Parks meidet sie, seit sie dort an der Jacke gepackt und um Geld angebettelt wurde.

Lilian Jackwerth aus der Altstadt legt alle Strecken zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurück. An sich begrüßt sie die Verkehrsberuhigung. Aber die 20-Jährige jobbt im „Schwammerl“ in der Fürst-Anselm-Allee und kritisiert deshalb, dass die Busse – und zum Teil Autos – wegen der Sperrung dort rollen. „Oft bleiben Fahrer stehen und fragen, wie sie zum Bahnhof kommen.“

Zum jetzigen Zeitpunkt, wo es bis auf weiteres keinen dauerhaften Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) und keine Tiefgarage beim Hauptbahnhof geben wird, weil die Vorhaben aus finanziellen Gründen verschoben wurden, macht die Verkehrsberuhigung aber kaum Sinn. Da ein Gesamtkonzept fehlt und der Umweg über die Friedenstraße viele Autofahrer nervt, weichen sie in den St.-Peters-Weg und von dort auf Emmeramsplatz, Ägidienplatz und Wiesmeierweg aus, um in die Schottenstraße einzubiegen. Regelmäßig kommt es zu Staus. Während der Weihnachtsmärkte wird sich die Lage zuspitzen.

Neue Busroute geplant

Außerdem wird die Stadt den Busverkehr vom Westen zum Übergangs-ZOB bald wieder am Bahnhof vorbeileiten, weil die Albertstraße für den Begegnungsverkehr eng ist. Das heißt, vor dem Bahnhof werden laufend Busse rollen.

Die CSU fordert in einem Maßnahmenkatalog eine bessere Ausleuchtung des öffentlichen Raums, die Schaffung von Sichtachsen in der Fürst-Anselm-Allee durch Auslichten von Sträuchern. Der Kommunale Ordnungsservice solle stärker eingesetzt werden.

Fraktionsvorsitzender Daniel Gaittet von den Grünen, der größten Oppositionspartei, der für die Verkehrsberuhigung ist, setzt auf Kriminalitäts-Vorbeugung durch mehr Streetwork. „Wer suchtkrank ist und keinen anderen Platz hat, braucht Hilfe.“ Zugleich sollten die Parkbänke befestigt, mehr Müllbehälter aufgestellt und die Beleuchtung verbessert werden.

Die Stadt plant „Anpassungsmaßnahmen“, bis wieder großräumige Planungen aufgenommen werden können. Der Bahnhofsvorplatz bleibe den Fußgängern und Radfahrern vorbehalten – bis auf die Busse. Die weiteren Pläne: Pflanzkübel, einheitlicher Asphalt, zwei Fahrradabstell-Anlagen und eine Bringzone für Bahnfahrgäste auf der Westseite.

Von einem Schandfleck spricht der Pensionär Berthold Lorenz. Foto: Carolin Lorenz
Schwierige Gruppen prägen nach Meinung von Bürgermeisterin Astrid Freudenstein das Bahnhofs-Areal. Foto: Stadt Regensburg, Stefan Effenhauser
Sieht die Sperrung für Autos als Schikane: Joachim Wolbergs Foto: altrofoto.de
Bedauert, dass die Stadt die Neugestaltung des Bahnhofsumfelds abgebrochen hat: Daniel Gaittet, Fraktiomnschef der Grünen Foto: Haala