„Staatstheater Regensburg, das ist traumhaft“

Für Sebastian Ritschel endet seine erste turbulente Saison in Regensburg. Der Intendant spricht im Interview über neuen Glanz, frisches Geld, Teamgeist, ein experimentierfreudiges Publikum – und über Machtmissbrauch und eine immer sensibilisierte Gesellschaft.
Herr Ritschel, Sie sind mit dem Versprechen angetreten: Wir bringen Theater in die Stadt, hautnah, barrierefrei, für alle. Zum Ende Ihrer ersten Spielzeit in Regensburg: Haben Sie Ihr Versprechen gehalten?
Sebastian Ritschel: Aus meiner Sicht: Unbedingt! Die Saison endet mit „Wahrheiten“, einem Projekt, das das Publikum auf einen Parcours durch die Stadt führt und auch noch klimaneutral ist. Oder denken Sie an Matineen, Vor- und Nachgespräche, an unser Balkonsingen – ein Gratiskonzert einmal im Monat um 21.30 Uhr vom Balkon am Bismarckplatz. Die Angebote kamen phänomenal an.
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Haben Sie dazu Zahlen?
Ritschel: Unser Balkonsingen hörten zuletzt bis zu 1000 Menschen, im Schnitt waren es 350 Besucher, die zum Beispiel extra bis aus Cham kamen und die selbst Regen und Kälte nicht abhielten.
Das Balkonsingen scheint ein Must-have geworden zu sein. Zuletzt sah ich schicke Damen, eine Frau im Rollstuhl, einen Alt-Hippie mit Silbermähne, eine Komplett-Tätowierte: Alle lauschten hingerissen. Wie erklären Sie das Phänomen?
Ritschel: Das ist die verbindende Kraft von Kunst und Kultur und ich möchte barriereärmere Begegnungen schaffen. Intern mit Premierenfeiern oder Weißwurstfrühstück, genau wie draußen. Wir haben das große Glück eines Theaters mitten in der Stadt, dieses Potenzial nutzen wir. Beim Bürgerfest rissen uns die Besucher draußen am Stand die Flyer quasi aus der Hand. Und da kommt auch Feedback. Ein älterer Herr mit strengem Blick etwa, langjähriger Abonnent, sagte: „Das war die beste Spielzeit, die ich je erlebt habe.“ So etwas freut natürlich.
Die neue Abo-Struktur sorgte aber auch für einig Empörung.
Ritschel: Das ist richtig. Aber mit rund 5000 Aboplätzen sind wir in dieser Saison auf dem Stand der Vorsaison und für die neue Saison liegen bereits jetzt über 200 Neuabschlüsse vor. Es gibt Kündigungen, auch wegen Krankheit oder Alter, aber es kommt auch neues Publikum. Zwei der profiliertesten öffentlichen Kritiker der Abo-Struktur haben übrigens inzwischen wieder gebucht – und zwar gleich zwei statt eines Abos.
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Im Trailer zum Saisonauftakt seufzt Gerhard Herrmann immer wieder, gespielt bekümmert: „Kein Schiller!“ Eine witzige Szene. Klassiker blieben in Ihrer ersten Spielzeit eher rar. Wie halten Sie’s künftig?
Ritschel: Klassiker sind durchaus zu erleben, wie „Ariadne auf Naxos“, „Draußen vor der Tür“, „Rusalka“ – die Oper wurde allerdings hier seit Jahrzehnten nicht mehr inszeniert – oder „Michael Kohlhaas“, ein klassischer Stoff, der als Opern-Uraufführung auf die Bühne kommt. Ich fühle mich nach der ersten Saison bestärkt: Das Publikum folgt uns auf dem Weg, nicht in erster Linie Klassiker auszuwählen. Ich bin stolz auf mehr als 80 Prozent Auslastung bei rund 700 Veranstaltungen in dieser Saison – und wir reden hier nicht über populäre Stücke wie „Die Fledermaus“. Die Haltung: Wir schauen uns das an und machen uns selbst ein Bild, die zeichnet das Regensburger Publikum aus.
Was lief gut, was lief schlecht?
Ritschel: Die Saison lief gut. Schlecht jedenfalls lief keine einzige Produktion. Wenig bekannte Titel wie „Der Prozess“, die Uraufführung „Zukunftsmusik“ oder „Putting it together“ zum Start brauchten etwas Anlauf, aber dann gab es auch hier volle Vorstellungen, begeisterte Reaktionen und standing ovations.
„Putting it together“ setzte den Startpunkt für Musical, dem Sie mehr Bühne bieten. Sie haben extra drei Musical-Profis eingestellt. Wie kommt das an?
Ritschel: Es war der richtige Schritt und es deckt sich mit meinem Ansatz, Sparten zusammenzubringen. Die drei Musical-Profis sind vollständig integriert, auch bei „1984“, „Parade“ oder „Maria de Buenos Aires“. Tanz, Schauspiel, Musical, Orchester, Chor: Alle Ensembles haben voneinander gelernt. Ich bin 43, ich mache seit 20 Jahren professionell Theater und ich habe lange überlegt, wie wir hier miteinander arbeiten wollen. Das Konzept geht auf, auch am Jungen Theater, wo so viele verschiedene Sparten wie noch nie vertreten waren, inklusive Tanz und Puppenspiel.
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Sie sprechen viel vom Miteinander. Die bundesweite Theater-Debatte läuft aber gerade in die andere Richtung: Eine Umfrage belegt an deutschen Bühnen ein Klima der Angst und Machtmissbrauch. Wie sehen Sie das?
Ritschel: Das Thema wird glücklicherweise breit besprochen. An Theatern gibt es mehrere Entscheidungsinstanzen: die Intendanz, die Geschäftsleitung, die Spartenleitungen. In künstlerischer Hinsicht tragen die Spartenleitungen die Verantwortung für ihre Sparte und ihr Ensemble, um mit der Geschäftsleitung Entscheidungen zu treffen. Nicht jeder Schritt, nicht jede Entscheidung kann vollständig „demokratisch“ entschieden werden. Man muss stets das Gesamtgefüge sehen und differenzieren. Missbrauch ist aber stets falsch.
Differenzierung wird ja ständig gefordert, genau wie Sensibilisierung. Erleben Sie die Menschen als kränkungsbereiter?
Ritschel: Wir erleben ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Wahrnehmung verändert sich. Das ist begrüßenswert, einerseits, aber auch gefährlich, weil das sich das Empörungspotenzial teils unkontrollierbar überschlägt. Wir bemühen uns jedenfalls um respektvollen Umgang. Schauen Sie aus dem Fenster: Wir haben den Pride-Monat. Auf dem Bismarckplatz flattern unsere Regenbogen-Fahnen.
Stichwort respektvoller Umgang: Für „Parade“, das Musical um den Lynchmord an einem jüdischen Fabrikdirektor, erhielten Sie Gegenwind von stramm Rechts. Polizisten mussten Vorstellungen schützen. Hatten Sie die Wirkung zu wenig bedacht?
Ritschel: „Parade“ legt den Finger in eine Wunde. Es war sehr erschreckend, wie aktuell Theater sein kann. Wir überlegen sehr intensiv die Wirkung auf unser Publikum. Bei „1984“ diskutierten wir ausgiebig über die Folterszene. Wir deuten sie nur an, wie bei Hitchcock: Alle Schrecken spielen sich im Kopf ab. Dabei wurde uns bewusst: Bei „Macbeth“ nehmen wir das Gemetzel, all die Morde, in Kauf. Was wir kennen, kann so grausam sein, wie es will.
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Ihrer ersten Saison hat Ministerpräsident Markus Söder die Krone aufgesetzt: Regensburg wird Staatstheater. Hatten Sie den Titel so bald erwartet?
Ritschel: Nein! Meine Ziele waren längerfristig: Innerhalb von fünf Jahren ein neues spartenübergreifendes Miteinander am Haus zu etablieren und die außergewöhnliche Leistungsfähigkeit dieses Theaters zu zeigen. Das ist gelungen. Mit „Wahrheiten“ haben wir gerade unsere 36. Premiere gefeiert, ein extrem hoher Output. Ich kann nur den Hut ziehen vor dem Team! Unser zweites Ziel war es, die Finanzlage für die Zukunft dauerhaft zu sichern. Dazu muss man mit Qualität überzeugen. Dass das so schnell gelungen ist, noch in der ersten Saison, ist einfach traumhaft.
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Wie haben Sie das geschafft?
Ritschel: Unsere ersten „Reisen“ seit September 2022 führten vor allem nach München, zu Kunstminister Markus Blume und in die Staatskanzlei: um für unser Haus zu werben. Dass wir so rasch überzeugt haben, hatte ich nicht gedacht. Und: Das heißt nicht, dass nicht schon zuvor viel unternommen worden wäre.
Als Staatstheater wird Regensburg in wenigen Jahren rund 30 Millionen Euro Budget haben, etwa 10 Millionen mehr als heute. Was machen Sie mit dem vielen schönen Geld?
Ritschel: Der Freistaat möchte, dass wir in Qualitätssteigerung investieren. Klar, wir könnten dann etwas höhere Honorare zahlen. Höhere Tarife und höhere Energiekosten verlangen uns aber viel ab. Das aktuelle Budget ist auf Kante genäht. Denken Sie allein an Ausstattung und Personal. Bei „Parade“ oder „Alles Schwindel“ müssen unzählige Mitwirkende aufwändig kostümiert oder mikrofoniert werden. Dazu brauchen Sie Personal und finanzielle Mittel.
Staatstheater bedeutet auch eine andere Grundausstattung. Was fehlt am dringendsten?
Ritschel: Als das Velodrom und das Junge Theater als Spielstätten neu dazu kamen, erhöhte sich die Zahl der Mitarbeitenden nur minimal. Wir wollen wachsen, aber unser Kokon ist dazu noch zu eng. Die Distanz zur Interimsspielstätte Antoniushaus zum Beispiel: Sie macht viele Abläufe äußerst herausfordernd! Personal, Ausstattung, Digitalisierung, soziale Medien, Nachhaltigkeit: Das sind alles Bereiche, die Investitionen brauchen. Die zukünftige Förderung des Freistaats macht uns sehr viel leistungsfähiger und freier.
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36 Premieren waren extrem viel. Wird die nächste Spielzeit ähnlich anstrengend?
Ritschel: Wir zeigen ab September 2023 30 Premieren, auch dank der Inszenierungen, die wir in die kommende Saison übernehmen. Es wird also deutlich entspannter.
Und wie entspannen Sie selbst in den Ferien ab Ende Juli?
Ritschel: Bewährt hat sich ein Häuschen in der Mitte von Nirgendwo. Ich brauche eine Insel, ein paar Wochen keine großen Anreize von außen. Da komme ich zur Ruhe.
Das Interview führte Marianne Sperb
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Das Publikum strömt
Bedeutung: Das Theater Regensburg ist mit Musik, Musical, Schauspiel, Tanz, Jungem Theater, Puppenspiel und Philharmonie das größte kommunale Mehrspartenhaus Bayerns. 2022/2023 waren rund 700 Veranstaltungen geboten. Die Auslastung lag bei mehr als 80 Prozent, im Bundesvergleich eine sehr gute Quote. Mit 36 Premieren, darunter zahlreiche Uraufführungen, ragt das Regensburger Theater ebenfalls heraus.
Staatstheater: Das Haus wird sukzessive in ein Staatstheater überführt, das bedeutet Wertschätzung, Prestige und vor allem: mehr Etat. Bislang gibt Regensburg pro Jahr rund 15 Millionen Euro, Bayern legt aktuell 35 Prozent obendrauf. Der Freistaat erhöht seinen Anteil nun um jährlich fünf Prozent, bis er einen Anteil von 50 Prozent erreicht hat.
Finale: Die erste Spielzeit des neuen Intendanten und seines Teams endet mit „Wahrheiten“, einem klimaneutralen Theaterexperiment. Das Publikum zieht in Gruppen an ungewöhnliche Orte in der Altstadt und erlebt dort Tanz, Musik und Schauspiel sowie am Kohlenmarkt die Komposition „Glauben“ von Thomas E. Woods als spektakuläres Finale. Aufführungen sind noch am 8. und 9. Juli, Info: www.theaterregensburg.de.