Die neuen Wege des Theaters Regensburg in Richtung CO2-Neutralität: Spektakulär und überzeugend

Von Michael Scheiner · 3. Juli 2023 um 09:36

Das Experiment „Wahrheiten“ des Theaters Regensburg hat überzeugt. Das begeisterte Publikum zog bei der Premiere durch die Altstadt, zu einer Uraufführung von Tom Woods am Kohlenmarkt und zum spektakulären Finale am Bismarckplatz.

Womit anfangen? Mit dem Strom, der verbraucht wird? Klimaneutral. Mit den schrillen, businessmäßigen, altmodischen Kostümen und Ausstattungen? Alles aus dem Fundus, also klimaneutral. Mit den Wegen zwischen den Spielorten des „spartenübergreifenden Stadtraumprojektes“, wie das Experiment „Wahrheiten“ vom Theater Regensburg mit einem Wortungetüm bezeichnet wird? Na klar, klimaneutral, die Zuschauenden wandern zu Fuß durch die Altstadt.

Vom Bismarckplatz durch die Viereimergasse zur Maximilianstrasse und über Neupfarrplatz und Wahlenstrasse zurück zum Kohlenmarkt. Dort blasen sich am Ende Alphornspieler mit anderen Blech- und Holzbläsern die Seele aus dem Leib. Keineswegs klimaneutral, denn selbst ein zarter Ton auf Klarinette oder Flöte erklingt nur, wenn die Musiker in der Uraufführung von Tom J. Woods heterogenem Stück „Glauben“ ausatmen.

Ein mehrfaches Spektakel

Der Abschluss des „großen Experiments“ vor großem und begeistertem Publikum war ebenso spektakulär wie der Start im Theater. Die Zuschauenden konnten von der Drehbühne aus als ersten Akt die Arie „Schaut her, ich bin‘s“ aus Leoncallos „Bajazzo“ verfolgen, klangmächtig gesungen von Seymur Karimov. Eine Viertel Drehung weiter spielte sich auf den Rängen und im Parkett eine vergnügliche Collage aus Szenen der gesamten Spielzeit zur schlagkräftigen „Fanfare for the Common Man“ von Aaron Copland ab.

Unterhaltsam, lehrreich und übermütig bis an die Grenze zum Klamauk ging es an mehreren Stationen des theatralischen Parcours durch leerstehende Räume und Gebäude zu. Im kunterbunten „Frauenzimmer“, der Laden ist umgezogen, lud eine mit Süßkram eingedeckte Kaffeetafel zum imaginären Tee ein. Der Hutmacher (Johanna Kunze) aus Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ brabbelte aus der absurden Geschichte, wies das Publikum zurecht und bot schließlich Intendant Sebastian Ritschel einen Job an: „Für zwei Euro in der Woche“. Für die großartige Schauspielerin war es sicher ein Vergnügen, dem Chef mit herablassender Ernsthaftigkeit eine solche Offerte zu unterbreiten.

Eine Station weiter konnte sich Ritschel bei sanft pluggernder elektronischer Musik (Audionaut: Max Zeller) und farbigem Licht auf einer Liege im M26 von dem unmoralischen Angebot erholen. Unterlegt von spacigen Sounds las Jonas Julian Niemann aus „Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone“ von Mark Haddon. Wie bei allen Stationen dieser innerstädtischen Theaterreise ging es um das Thema Wahrheit, denn der Protagonist, ein 15-jähriger Autist und Science-Fiction-Fan, kann nicht lügen. Niemann verkörperte den Jungen perfekt als Astronaut.

„Wallstreet“ in Bankfiliale

In ein regelrechtes Tohuwabohu einer Welt höchst skurriler Geldmanager und absurd gieriger Banker tauchten die Zuschauergruppen in der entvölkerten Bankfiliale in der Tändlergasse ein. Mit Sprüchen wie von Gordon Gekko aus „Wallstreet“ und zu Songs von Hanns Eisler bis Abba wurden die Besucher „Willkommen im Team“ (der Geldscheffler) geheißen. Eine herrliche Parodie, die im Erdgeschoss von der absurden Tragik von George Perec‘ „Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten“ in einem szenisch-tänzerischen Bild mit Michael Heuberger und zwei Tänzern noch übertroffen wurde.

Einen der spannendsten Beiträge steuerte Chefchoreograf Wagner Moreira mit seiner Tanz Company im ehemaligen Gloria-Kino bei. Zum Kyrie und Gloria aus Arvo Pärts schwerer „Berliner Messe“ und Philipp Glass‘ dramatischem Streichquartett No. 2 „Company“ zeigte das Ensemble in einheitlich weiten schwarzen Kleidern seine große Klasse. Anrührend und wunderbar unterhaltsam gestalteten Roger Krebs (Bass) und Svitlana Slyvia (Mezzosopran) ihre Annäherungsversuche mit Ananas nach John Kanders „Cabaret“ im Obstladen von Herrn Schulze in der Wahlenstrasse. In den ausklingenden Walzer (Yona Bong, Klavier) des Paars klinkte sich Ritschel gleich mit ein.

Etwas zu viel an Input wurden die über Kopfhörer übertragenen „7 Monologe“ von Guides, darunter Michael Haake und Lilly-Marie Vogler, während der Wege zu den temporären Spielstätten. Ansonsten ein überwiegend gelungenes Experiment, dessen CO2-Neutralität sicher über genaue Berechnungen nachprüfbar wird.