Eine Oper über George Orwells Dystopie

Das Royal Opera House Covent Garden in London, die Scala in Mailand, Palau de la Música de Valencia, Theater Regensburg. Diese Reihe liest sich doch gut. An den drei berühmten Häusern wurde die Oper des weltberühmten Dirigenten Lorin Maazel über den Roman „1984“ von George Orwell aufgeführt, mit mäßigem Erfolg, glaubt man den Berichten und Kritiken. Die Ambivalenz der Figuren fehle, eine kritische Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Strömungen der Nachkriegszeit, die Bitterkeit des Endes, das alles sei bei Maazel unter den Tisch gefallen. „Und ersetzt durch eine Musik, die ihren Ton nicht findet.“ Hymne, Fanfare, Schlager, Liebesschmonzette, all das kommt vor in dieser Oper.
Bildschirme, die niemals abgeschalten werden
Dass die Librettisten McClatchy und Meehan vereinfachen mussten, ist klar. Im totalitären Staat, der mit heimtückischen, psychologisierten Methoden der Menschenführung und Beobachtung arbeitet, leben und lieben Winston Smith, ein Angestellter im Wahrheitsministerium, der mit Geschichtsklitterung im Sinne der Partei beschäftigt ist, und Julia, Office Girl und Whistleblowerin. Aber Liebe und Sex sind halt verboten in Airstrip One, wie die britische Hauptstadt bei Orwell heißt. Der Gegenspieler der beiden Protagonisten ist O'Brien, Winstons Chef und Mitglied der Partei, die in jeden Bereich menschlichen Lebens und Denkens eingreifen will. Nicht abschaltbare Bildschirme sind überall installiert, Privatheit nicht existent. Jeder kennt diese Dystopie aus dem Jahr 1948 (Zahlendreher zum Entstehungsjahr) und jeder kennt das Zitat aus dem zweiten Absatz des Buches: „Big Brother is watching you.“
August Everding hatte die Oper für das Münchner Prinzregententheater bestellt, starb aber vor der Fertigstellung. 2000 griff London zu und erarbeitete die Uraufführung mit riesigem Apparat. Für Regensburg wurde nun eigens eine reduzierte Fassung hergestellt, über die Lorin Maazels Witwe, die Schauspielerin Dietlinde Turban Maazel, schreibt: „Ich kann dem Theater Regensburg nicht genug dafür danken, mich davon überzeugt zu haben, dass 1984 durch eine sanft angepasste Partitur für ein mittelgroßes Orchester ein neues Leben erhalten wird – und muss!“
Alles andere als ein lauschiges Liebesnest
Das Orchester ist auf ein Viertel reduziert, auch sonst fällt Manches weg. Der Weg durch die Oper führt Winston von einem „I hate Big Brother“ zu einem erzwungenen „I love Big Brother“, mit derselben Musik unterlegt. Die Handlung ist auf die Paarsituation fokussiert, aber deshalb nicht weniger aktuell. Die Privatsphäre von Winston und Julia über dem Antiquitätenladen wird in der Inszenierung von Intendant Sebastian Ritschel mit einem abgesenkten Plafond in Szene gesetzt, der von der Decke hängt, instabil, wackelig, nicht ungefährlich und alles andere als ein lauschiges Liebesnest. Maazels großangelegtes Panorama umfasst Musik für politische und pseudo-religiöse Rituale, zitiert Volksliedhaftes, 50er-Jahre-Pop ebenso wie Puccini-hafte Liebesepisoden. Er nutzt die Leitmotivtechnik, um seine Figuren zu charakterisieren und erklärt auf YouTube seine Oper so: Eine Oper kann theatralisch nur funktionieren, wenn sie sich auf Individuen konzentriert, auf Personen mit Leidenschaften, Schwächen und Sehnsüchten.
Man darf also gespannt sein auf die Premiere am 3. Juni im Theater am Bismarckplatz. Um 18.30 Uhr wird Dietlinde Turban Maazel für ein Gespräch mit dem Inszenierungsteam da sein, um 19.30 Uhr beginnt die Vorstellung. Tom Woods ist der musikalische Leiter.
