Das Theater bringt Lynchmord an einem Juden auf die Bühne – und die Polizei muss anrücken

Das Musical „Parade“ erzählt den Lynchmord an einem Juden im Jahr 1915 im tiefen Süden der USA. Die Geschichte über Rassismus und Antisemitismus trifft den Nerv: In Regensburg musste die Premiere am Samstag von Polizei geschützt werden.
Leo Frank, Jude aus Brooklyn und Boss einer Bleistiftfabrik in Georgia, wird 1915 vom Lynchmob gehängt, weil er ein Mädchen vergewaltigt und getötet haben soll. Das Musical „Parade“ erzählt die wahre Geschichte ausführlich und eindringlich nach. Muss man sie heute noch auf die Bühne bringen? Falls es eines Beweises bedurft hätte: Der Antisemitismus der Gegenwart lieferte ihn selbst. Polizei musste am Samstag die deutschsprachige Uraufführung im Theater am Bismarckplatz schützen.
Neonazis agitierten am Broadway
Ein Anrufer hatte das Theater im Vorfeld gewarnt, einem „jüdischen Kinderschänder“ eine Bühne zu bieten, und Störungen angekündigt. Das Haus informierte die Sicherheitsbehörden. Die Polizei nahm die Drohung ernst. Am Theater waren am Samstag mehrere Streifenwagen postiert, Beamte kontrollierten die Lage.
Der Abend blieb ruhig – anders als am New Yorker Broadway, wo „Parade“ gerade parallel läuft. Die Vorschau zum Musical im Februar 2023 wurde dort von Neonazis torpediert, berichteten Medien wie die „Los Angeles Times“. Rassisten von „The National Socialist Movement“ schwenkten Hassplakate, schrien Besucher an, wollten Gästen antisemitische Flyer aufdrängen.
Lesen Sie mehr über das Musical in Regensburg:Der rechte Mob geht auf Menschenjagd
Der Einsatz in Regensburg verlief also entspannt. „Aber die Sache zeigt, dass es gut und wichtig ist,dieses Stück zu spielen“, sagt Matthias Schloderer, Finanzchef des Theaters, vor der Vorstellung. „Wir sind politisch relevant“, betont Intendant Sebastian Ritschel. Und das Publikum geht mit, wenn das Theater brennende Themen auf der Bühne verhandelt. DieKammeroper „Die Weiße Rose“um die Widerstandsgruppe von Hans und Sophie Scholl im Theater am Haidplatz oder der Konzertabend überdie Holocaust-Überlebende Éva Fahidiein paar Tage zuvorim Neuhaussaal, waren weitgehend ausverkauft. Auch bei „Parade“ am Samstag ist jeder Platz im Saal besetzt und am Ende gibt es langen, leidenschaftlichen, stehenden Beifall für eine aufwühlende Inszenierung in maximaler Ausstattung.
Ein Mord am Memorial Day
Die Geschichte beginnt vor fast genau 110 Jahren. Am 26. April 1913 liegt im Keller einer Bleistiftfabrik in Atlanta die 13-jährige Mary Phagan, vergewaltigt und ermordet. Draußen feiert das Volk fahnenschwenkend den Memorial Day. Der Feiertag zu Ehren der Gefallenen des amerikanischen Bürgerkriegs wühlt in einer Wunde: Mit Krieg und Sklaverei war 1865 auch die Südstaatenherrlichkeit zu Ende gegangen. Die ritterlichen Gentlemen haben alles verloren, verbitterte Menschen schuften, hungern – und lauern auf Schuldige für den Niedergang.
Skrupellose und machtgeile Akteure
Nach dem Mord an Mary geraten zunächst Hausmeister Jim Conley und Nachtwächter Newt Lee, zwei Persons of Color, in Verdacht. Aber bald nehmen machtgeile, skrupellose Politiker, Juristen, Polizisten und Reporter einen anderen Außenseiter ins Visier. Leo Frank wird als ideales Opfer ausgemacht. Er wird erst zum Tod verurteilt, dann begnadigt, aber der Mob kriegt ihn am Ende doch.
Das Theater Regensburg zieht für „Parade“ alle Register. Orchester, Chor, Cantemus-Chor und 18 Solisten setzen das Musical um. Auf der Bühne am Bismarckplatz hat man noch selten so viele Menschen gesehen und hinter der Bühne greift allein für die Wechsel der 300 Kostüme eine tollkühne Logistik ineinander.
Rasante Schnitte, raffinierte Bühne
Regisseur Simon Eichenberger bleibt dicht an den Fakten und in der Zeit, verzichtet auf aktuelle Bezüge zu medial befeuerter Hysterie, zu Judenhass in Deutschland oder zu Proud Boys in den USA. Er erzählt „Parade“ breit ausgemalt, fast filmisch. Sein Ansatz ist stimmig, weil gerade die historische Treue deutlich macht: Geschichte wiederholt sich, von 1915 trennt uns ein Wimpernschlag. Auch die Kostüme von Aleš Valášeks verweisen auf die Mode der Zeit, mit langen Röcken und Rüschenblusen, Anzügen und Strohhüten.
Die Bühne von Sam Madwar ist ein Kunstwerk für sich. Der Aufbau funktioniert als Fabrik, Büro, Gerichtssaal, Bankett, Straße, Wohnung, Zelle. Räume und Möbel klappen präzise wie ein Uhrwerk auf und zu, schrauben sich hoch oder sinken nach unten. Die ausgeklügelte Lichtführung (Martin Stevens) switcht von Drinnen nach Draußen, von Tag zu Nacht, alles in schnellen Schnitten zwischen vielen kurzen Szenen. Das Publikum folgt diesem Krimi atemlos.
Das Musical von Komponist und Texter Jason Robert Brown wurde 1998 am Broadway uraufgeführt. Wolfgang Adenberg hat es ins Deutsche übersetzt. Das geht überraschend gut auf und vor allem: Die deutsche Fassung wird der Produktion sicherlich Aufmerksamkeit und Publikum bringen.
Im Saal fließen Tränen
Die Musik ist sehr komplex. Sie schenkt fast jedem Solisten eine eigene Stimme, nimmt Anleihen bei Ragtime, Dixie, Jazz, Gospel und Marschmusik, mal knallig und laut, mal zart und innig. Alistair Lilley am Pult dreht auf, manchmal zu sehr, führt Orchester und Chor aber jederzeit souverän, verzahnt peitschende Takte, unheilkündende Trommelwirbel, schrille Bläserklänge und berührende Balladen. Als Leo und seine Frau Lucille schon Hoffnung sehen und singen „So viel Zeit vertan“, fließen im Saal Tränen.
Das Ensemble zeigt eine Glanzleistung, singt, spielt und tanzt mit vollem Einsatz und großer Virtuosität, auch wenn die anspruchsvolle Musik in ein paar Solos an Grenzen führt. Alejandro Nicolás Firlei Fernández als rational-korrekter Leo ragt heraus, genau wie Fabiana Locke als erst verwöhnte, dann emanzipierte Lucille, Felix Rabas als rachsüchtiger Frankie Epps und Mario Mariano als durch und durch zynischer Newt Lee.
Ein Lehrstück ohne Schablonen
„Parade“ ist ein Lehrstück, wie aus Gefühlen erst Worte, dann Taten werden, wie ein übles Gebräu aus Gerüchten, Hetze und Hass eine Gesellschaft vergiftet. Aber das Musical ist viel zu klug, um dem Publikum die simple Einteilung in hier Gut, dort Böse zu erlauben. Haumeister und Nachtwächter sind hier nicht Opfer von Rassisten, sondern Handlanger von Antisemiten. Die Freundinnen von Mary sind keine unschuldigen jungen Dinger, sondern manipulative Biester. Und selbst Leo ist nicht nur der ehrenhafte Boss und Ehemann, sondern zeigt auch unsympathische Züge.
1982, fast 70 Jahre nach dem Mord an Mary, gibt ein ehemaliger Bürojunge der Bleistiftfabrik zu, dass er gesehen hat, wie Hausmeister Jim Conley die Leiche des Mädchens beiseite schaffte. 1986 wird Leo Frank vom Staat Georgia posthum begnadigt, aber nicht rehabilitiert. Die Schuldigen werden nie zur Rechenschaft gezogen.


