Das sind die neuen Knüller am Theater Regensburg

Von Marianne Sperb · 13. März 2023 um 13:30

Der Spielplan für die neue Saison wartet mit Überraschungen und einer spannenden Personalie auf

Die Latte hängt hoch. Das Theater Regensburg, kulturelles Flaggschiff der Region, erhielt in der ersten Spielzeit unter neuer Leitung mit Intendant Sebastian Ritschel und Finanz-Chef Matthias Schloderer von Publikum und auch in überregionalen Feuilletons viel Beifall – für ein Programm, das Klassiker mied, dafür viele Entdeckungen und neue Formate bot. Das Haus steht, was Anerkennung und Auslastung betrifft, vorzüglich da und: Das Prädikat Staatstheater scheint greifbar.

Neuer Generalmusikdirektor

Was bringt die Saison ab September 2023? Zum einen einen neuen Generalmusikdirektor: Stefan Veselka wurde als Sohn tschechischer Eltern im norwegischen Stavanger geboren, studierte Klavier am Salzburger Mozarteum und an der Hochschule der Künste in Berlin. Veselka bringt reichlich internationale Erfahrung mit: Zahlreiche Auftritte als Solist sowie auch als Kammermusiker führten Veselka in fast alle europäischen Länder, nach Japan und in die USA. Aus mehreren internationalen Klavierwettbewerben ging er als Preisträger hervor. Als Pianist realisierte er mehrere CD-Einspielungen. Seine Engagements führten ihn in verschiedene deutsche Städte. Am Theater Regensburg dirigierte er im Februar „Amor und Psyche“, das vierte Konzert des Philharmonischen Orchesters.

Mit der Spielzeit 2023/ 24 übernimmt Veselka das Amt des Generalmusikdirektors des Theaters Regensburg sowie des Chefdirigenten des Philharmonischen Orchesters Regensburg.

30 Premieren sind geplant

Zum anderen wartet das Theater Regensburg auf mit 30 Premieren, darunter zwölf Uraufführungen und einigen faustdicken Überraschungen. Der Spielplan trägt das Motto „Identitäten“. Menschen definieren sich über viele Rollen, Zugehörigkeiten und Zuschreibungen: sozial, familiär, finanziell, sexuell, religiös, politisch und was einem sonst als Merkmal einfallen will. Wer wir sind, woher wir kommen, wie wir uns sehen und wie andere auf uns blicken: Das Theater klopft grundsätzliche Fragen ab.

Das Theater tanzt

Auf, nach draußen: Die Stadt und ihre Menschen einbeziehen, bleibt eine Leitlinie, vom Auftakt im September 2023 mit offenen Spielstätten bis zum Finale im Juli 2024 mit einem Sommernachtsball, der drinnen Gäste mit Ticket und draußen am Bismarckplatz alle zum Tanz auffordert. Alle Menschen der Gesellschaft mitnehmen, ist auch der Ansatz für die Uraufführung von „Come as you are“, einem zwanglosen, inklusiven Tanztheater, im Sitzen, Liegen oder Stehen zu erleben ist.

„Ariadne auf Naxos“, Richard Strauss’ „Oper in der Oper“, rüttelt – urkomisch und berührend – die Genres von U- und E-Kultur durch und eröffnet die Saison. Mit „Die Rückkehr von Peter Pan“ findet die Familienoper, die in dieser Saison mit „Pinocchios Abenteuer“ ein Ausrufezeichen setzte, als Familienmusical mit viel ohrwurmtauglicher Musik von Stephen Keeling ihre Fortsetzung. In der Uraufführung begegnen Peter Pan und Captain Cook Teenagern von heute, die erst allmählich erkennen: Jedes Kind braucht ein Nimmerland.

Romantik und Rammstein

Der Liederabend „Mein Herz brennt“, ebenfalls eine Uraufführung, paart unheilschwangere Texte von Rammstein mit Schauerromantik-Musik von Thorsten Rasch. Eine weitere Uraufführung, komponiert von Stephan Heuke, widmet sich mit der Oper „Michael Kohlhaas“ der Wandlung vom Bürger zum Wutbürger.

Ein Sensationsfund

Einen Coup präsentieren Intendant Ritschel und Chefdramaturg Ronny Scholz mit „Der Prinz von Schiras“, der exotischen Operette von Joseph Beer. Sie stöberten den verschollen geglaubten Klavier-Auszug in einem Berliner Antiquariat auf, gaben die Re-Orchestrierung des Sensationsfunds in Auftrag und bohrten parallel bei Erben des jüdischen Komponisten in den USA nach dem Original – und das tauchte überraschend doch noch in Archivkellern auf. 90 Jahre nach der Uraufführung kehrt das Werk, das in Nazi-Deutschland verboten war, nun als Deutsche Erstaufführung auf die Bühne zurück. Auf die Musik darf man sich freuen: Sie schillert zwischen George Gershwin und Kurt Weill und zur Regensburger Produktion ist sogar eine CD angedacht.

Maestro Eötvös am Pult

Ein zweiter Knüller, eingefädelt von Ritschel und Scholz, wird „Valuschka“. Der ungeheuer produktive ungarische Komponist und Dirigent Peter Eötvös, der von Echo Klassik bis Gold-Löwe in Venedig so ziemlich alles an Preisen geholt hat, komponiert für Häuser in London, Paris – und jetzt für Regensburg. Seine groteske Oper über einen Ordnungsstaat – eine bitterböse Parabel auf das heutige Ungarn – führt in eine Kleinstadt, in der ein Zirkus samt ausgestopftem Wal und dreiäugigem Direktor ankommt und in der sich eine Katastrophe zusammenbraut. Bei der Uraufführung von „Valuschka“ soll Maestro Eötvös am Bismarckplatz persönlich am Pult stehen.

Hungerkünstler auf Insta

Antje Thoms, Leiterin des Schauspiels, eröffnet die Saison mit einem Brüller: „Der nackte Wahnsinn“, Kult-Komödie von Michael Frayn, taucht ab ins Chaos einer Theaterprobe. Auf der Bühne geht schief, was schief gehen kann – und das Publikum kringelt sich. „Nach dem Essen“, Uraufführung von Simone Kucher, hinterfragt das Rollenspiel in sozialen Netzwerken. Ein 14-Jähriger, der Fisch verweigert, wird auf Instagram zum Hungerkünstler hochgejazzt. Wer wir sind und wer wir werden: Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ zeigt, wie ein Mann nach dem Krieg heimkehrt – als anderer. Den Mythos von Iphigenie klopft das Solo „Iphigenies Rache“ ab, in dem Lilly-Marie Vogler in der Retterin und Humanistin auch die wütende Frau entdeckt. Weibliche Selbstbestimmung ist auch das Thema in „Stolz und Vorurteil* (*oder so)“, Regensburger Erstaufführung der Komödie von Isobel McArthur: Der Jane-Austen-Roman mutiert im Zugriff von fünf Dienstmädchen zur irrwitzigen Pop-Komödie.

Die Suche nach Identität greift Antje Thomas in zwei Klassikern auf – in „Die Verwandlung“ von Franz Kafka und „König Ödipus“ von Sophokles – und in einem zeitgenössischen Stück: „Anleitung ein anderer zu werden (AT)“ destilliert aus fünf biographischen Büchern von Bestseller-Autor Edouard Louis die Suche einer Selbstfindung – eine Uraufführung.

Ankommen und Weggehen

Tanz-Chef Wagner Moreira folgt in „Transit“ dem rastlosen Leben von Künstlern und der Erfahrung von Ankommen und Weggehen, zu Musik des Argentiniers Osvaldo Golijov. „Panoptikum“ von Lena Vagnerová öffnet die Tür in eine skurrile Zirkuswelt. Neben „Come as you are“ ist „Dance Lab“, der Tanzabend der jungen Choreographen, als Uraufführung zu erleben, sowie „Hello Stranger“: Wagners Tanzstück am Jungen Theater kreist um junge Menschen, die auf dem Weg zum Erwachsenwerden damit klar kommen müssen, wie sie sich permanent verändern.

Ab in die Tiefe

Oda Zuschneid, Leiterin des Jungen Theaters, führt zum Auftakt der Saison in die faszinierende Welt „20000 Meilen unter dem Meer“, einer Uraufführung auf der Basis von Jules Verne. Mit „Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner und „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ von Andreas Steinhöfel (als Puppenspiel) holt Oda Zuschneid zwei Publikumslieblinge auf die Bühne. „Bilder einer großen Liebe“ nach Wolfgang Herrndorf erzählt von Isa, die ihre Tabletten verweigert und versucht, Splitter eigener Wahrnehmung mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen.