Der Kelheimer Donaudurchbruch und das Wasser: Wer zehrt vom knappen und begehrten Gut?

Von Martina Hutzler · 22. Juli 2026 um 19:00

Im Donaudurchbruch bei Kelheim herrscht seit Wochen Niedrigwasser. Das belastet die Natur, die Schifffahrt und beider Verhältnis zueinander. Und es verschärft die Debatten um mögliche Ursachen. Ihnen gehen wir in unserer kleinen Serie zum Thema Dürrestress auf den Grund.

Video ansehen

Monatelang gab es kaum Niederschläge: der Hauptgrund für das anhaltende Niedrigwasser. Doch was beeinflusst den Pegel noch? Dazu kursieren viele Thesen. Fachliche Auskunft und Einschätzungen geben uns Patrik Giebel, Leiter des Wasserwirtschaftsamts Landshut, sowie Christian Orschler und Theodoros Reumschüssel vom Kraftwerksbetreiber Uniper.

Bremst Vohburg den Wasser-„Nachschub“ ?

Flussaufwärts am nächsten zur Weltenburger Enge (WBE) sind das Gaskraftwerk Irsching und das Wasserkraftwerk Vohburg; beide vom Eon-Tochterkonzern Uniper betrieben.

In Irsching werden zwei der Kraftwerksblöcke mit Wasser gekühlt, aber per Durchlauf-Kühlung: Das Donau-Wasser wird dabei wärmer, aber nicht nennenswert weniger. Dieses Kraftwerk hat also keinen Einfluss auf den Wasserstand.

Das Gaskraftwerk Irsching (Bildmitte) liegt direkt an der Donau bei Vohburg, in Nachbarschaft zur dortigen Raffinerie (vorne) - Foto: Oliver Schwadtke

Nächster „Verdächtiger“ ist das Wasserkraftwerk (WKW) Vohburg. Dort werde zeitweise Wasser zurückgehalten, um die Stromerzeugung zeitlich zu optimieren, ist des öfteren zu hören. Das weisen aber sowohl WWA-Leiter Patrik Giebel als auch Theodoros Reumschüssel, Sprecher der Uniper Kraftwerke GmbH, zurück. „Der Bescheid fürs Kraftwerk sieht keine Stauhaltung vor“, erklärt Giebel. Dementsprechend werde „das zufließende Wasser 1:1 und ohne Zeitverzug weitergegeben“ bekräftigt Reumschüssel. Patrik Giebel bestätigt, dass der Kraftwerksbetrieb in Vohburg „keinen Einfluss auf die Weltenburger Enge“ hat.

„Verschwindet“ Wasser oberhalb von Kelheim ?

Uniper-Sprecher Theodoros Reumschüssel weist darauf hin, „dass zwischen dem Kraftwerk Vohburg und dem für die Schifffahrt in der Weltenburger Enge maßgeblichen Pegel Kelheim eine 30 Kilometer lange Fließstrecke mit weiteren Einflussfaktoren außerhalb unseres Zugriffs liegt“. Welche Faktoren könnten das sein? Christian Orschler, der Leiter des Produktionsmanagements der deutschen Wasserkraftsparte von Uniper, nennt als Beispiele „eine sich verändernde Gewässerstruktur, Seitenzuflüsse, Einleitungen und Entnahmen, Wasserstände in Altwässern und Auwäldern“. Auf all dies habe Uniper keinen Einfluss.

Welchen Einfluss haben andere Kraftwerke?

Allein zwischen der Einmündung des Lechs bei Marxheim bis Ingolstadt befinden sich, beginnend mit Bertoldsheim, vier weitere Kraftwerke in der Donau. Auch an diesen erzeugt Uniper Strom für die Bahn AG, sie dürfen aber, anders als Vohburg, im „Schwellbetrieb“ gefahren werden: also Wasser aufstauen und es dann durch die Turbinen laufen lassen, wenn die Nachfrage – konkret der im Tages- und Wochenverlauf stark schwankende Bahnstrom-Bedarf – hoch ist.

Mehrere Skalen-Tafeln sind beim Donaupegel Kelheim aufgestellt. Aktuell hingegen reicht nur die tiefstgelegene gerade noch, um den Niedrigwasserstand anzuzeigen. - Foto: Martina Hutzler

Wie Christian Orschler erklärt, finden diese künstlichen, bedarfsgesteuerten Pegelschwankungen aber nur zwischen den vier Kraftwerken statt. Ab dem WKW Vohburg sind sie sozusagen wieder „ausgemerzt“: Ab hier bilden die Schwankungen dann die wechselnden Donau-Wasserstände wieder so ab, wie sie der Fluss bei seiner Ankunft im Stauraum oberhalb von Bertoldsheim mitgebracht hatte, so Orschler.

Generell seien wechselnde Wasserstände für den Fluss gut, „besser als eine gleichmäßig dahinplätschernde Donau“, sagt Patrik Giebel. Grundsätzlich sei der Schwellbetrieb an Kraftwerken, der in (meist historisch gewachsenen) Betriebsgenehmigungen geregelt ist, rechtskonform und legitim für ein Wirtschaftsunternehmen, das den europäischen Strommarkt bediene, gibt der Behördenleiter zu bedenken. Seine Behörde könne darauf nur begrenzt Einfluss nehmen, auf Basis der Wasser-Rahmenrichtlinie.

Das gilt analog auch für die Lechwerke AG, die zwischen Augsburg und der Lechmündung mehrere WKW am Lech betreibt sowie einige an der Donau oberhalb von Bertoldsheim. Lech-aufwärts von Augsburg ist dann wieder Uniper am Zug – bis hin zum ersten Lech-WKW: Roßhaupten, direkt unter dem Forggensee gelegen.

Gräbt der Forggensee Kelheim das Wasser ab?

Luftlinie gut 160 Kilometer von Kelheim entfernt, ist Deutschlands größter künstlichen Stausee dennoch sehr bedeutsam dafür, wieviel Wasser zum Donaudurchbruch gelangt. An der Staustufe Roßhaupten wird Strom erzeugt und Stauhaltung zugunsten der danach folgenden Kraftwerke betrieben. Dem See sind aber, ganz offiziell, noch weitere Aufgaben zugewiesen.

So soll er einerseits vor Hochwasser insbesondere bei Schneeschmelze schützen, andererseits Niedrigwasser ausgleichen und explizit den Donau-Wasserstand regulieren. Obendrein ist er als Tourismus-Magnet angelegt.

Auch der Forggensee wird touristisch genutzt. - Foto: Hillenbrand, dpa

Und so wird dem See jährlich ab Mitte Oktober der „Stöpsel gezogen“, sein Wasserstand über die Wintermonate um bis zu 16 Meter abgesenkt: Das schafft Platz für neues Schmelzwasser. Bis Ende Juni muss der See dann, so die Vorgabe, wieder aufgestaut sein, damit Ausflugsschiffe, Bootsbetrieb und weitere touristische Nutzungen starten können.

Liefert indes der Lech, wie etwa 2025, nur wenig Niederschläge und Schmelzwasser aus den Alpen an, dauert der Anstau des Sees im Frühjahr lang, und der Wasser-Nachschub vom Lech in die Donau schwächelt. Was wiederum die Kelheimer Schifffahrt zu spüren bekommt. Das sie darunter leidet, kann WWA-Leiter Patrik Giebel durchaus nachvollziehen. Aber das Wasser-Management am Forggensee sei „Recht und Pflicht von Uniper“; man könne es dem Unternehmen daher nicht vorwerfen.

Strom versus Schiff – wer hat die Oberhand?

Im Kern gehe es im Donaudurchbruch um eine Abwägung zwischen dem nationalen Interesse, Strom aus Wasserkraft zu gewinnen, und dem regionalen touristischen Interesse an Ausflugs-Schifffahrt, resümiert Patrik Giebel. Einen Rechtsanspruch auf Schiffbarkeit der WBE gebe es nicht: „Die Donau ist an der Stelle keine Wasserstraße“, betont der Behördenleiter. Folglich sei in den Genehmigungsbescheiden des Landratsamts für die Schifffahrt – „die sowieso absolute Ausnahmegenehmigungen sind!“ – auch keinerlei Recht auf einen bestimmten Mindest-Durchfluss verankert. Die Bescheide sind, wie mehrfach berichtet, seit Jahren Gegenstand eines Rechtsstreits zwischen Behörde und Naturschutzverbänden.

Aus Sicht von Wasserwirtschaftler Giebel ist es Sache der Kelheimer Schifffahrt, auf die immer häufigeren Niedrigwasser-Phasen zu reagieren, mit schlankeren, flacheren Schiffen. Das sei natürlich eine große Investition und damit Herausforderung. „Aber angesichts des Klimawandels dürfte es keinen anderen Weg geben.“ Oder doch – ein Abbaggern störender Kiesbänke im Donaudurchbruch?

„Grundsätzlich eine Naturschutz-Entscheidung“, reicht WWA-Leiter Giebel die Frage an die Naturschutzbehörden weiter und erinnert an die hohen Naturschutzkategorien der WBE. Hingegen die Richtschnur der Wasserwirtschaft, die Wasser-Rahmenrichtlinie, wäre durch ein Ausbaggern wohl kaum tangiert, schätzt er.

Wirkt sich die „Wasserspende“ an Franken aus?

Der Main-Donau-Kanal ist nicht nur Wasserstraße, sondern auch ein Dauerspender ans niederschlagsarme Franken: rund 125 Millionen Kubikmeter Donau- und Altmühlwasser werden pro Jahr laut Wasser- und Schifffahrtsverwaltung in Richtung Rothsee bei Nürnberg gepumpt, von wo es in die Rednitz geleitet werden kann. Zum Vergleich: Der Forggensee hat 164 Mio. Kubikmeter Stauraum. Nicht zuletzt in Schifffahrtskreisen wird befürchtet, dass dieses Überleiten von Wasser in den Kanal gewissermaßen rückwirkend am Donaupegel Kelheim kratzt.

Christian Orschler winkt ab: Solche potenziellen Auswirkungen „können von mir nicht eingeschätzt werden“. WWA-Leiter Patrik Giebel verneint indes die Frage; das sei schon bei einem „Runden Tisch“ 2019 klargestellt worden, ergänzt er. Denn Donau-Wasser werde ja erst unterhalb des Durchbruchs für den Kanal abgezweigt, beginnend mit der Pumpe an der Gronsdorfer Schleuse. Wieviel abgepumpt werden kann, hänge vom Durchfluss in der Donau ab. Fällt dieser unter 140 Kubikmeter pro Sekunde, „werden die Pumpen ganz abgeschaltet“.

Gutachten soll Verbesserungsmöglichkeiten prüfen

Niedrigwasser beeinträchtigt zunehmend die Ausflugsschifffahrt durch die Weltenburger Enge. Zusätzlich sorgen natürliche und menschengemachte Einflüsse für schwer vorhersehbare Sprünge beim Pegelstand.

Verbesserungsmöglichkeiten soll ein Prüfauftrag aufzeigen, auf den sich Behörden, Uniper und Schifffahrt verständigt haben. Das bayerische Umweltministerium lässt demnach per Gutachten klären, „ob es rechtssicher umsetzbare Möglichkeiten gibt, Schwankungen des Wasserstands am Pegel Kelheim noch weiter zu dämpfen“, so Christian Orschler; Uniper habe zugesagt, „im Rahmen des Möglichen“ an entsprechenden Simulationen oder dann echten Modellierungen mitzuwirken, so der Leiter Produktionsmanagement der deutschen Wasserkraftsparte von Uniper. Als Wasserkraft-Nutzer sei man selbst betroffen von Niedrigwasser und habe „großes Verständnis für die Sorgen und Anliegen der Schifffahrtsunternehmen“.