Gärtnern über dem Abgrund: Industriekletterer hängen bei Kelheim in den Seilen

Das halbwegs kühle Nass wäre ganz nah – aber leider senkrecht in der Tiefe gelegen. Über der Donau sind die Felswände der Weltenburger Enge ab spätem Vormittag ein Glutofen. Wie man darin trotzdem noch für den Naturschutz arbeiten kann und wie dabei ein kleines Tier zur großen Gefahr wird, verrät Industriekletterer Armin Ilgenfritz.
An diesem Morgen hat Armin Ilgenfritz den Joker: Der Chef von „Moscito-Seiltechnik“ hängt heute nicht in den Seilen, sondern steuert das Boot des Teams über die Donau. Mit an Bord heute, zur Lagebesprechung: Franziska Jäger von der Verwaltung des Nationalen Naturmonuments Donaudurchbruch.
Die frühere Gebietsbetreuerin kennt das NNM wie ihre Westentasche und weiß, wo das zur Verfügung stehende Budget für die „Felspflege“ am besten eingesetzt ist: an den hitze- und kälte-exponierten Felsköpfen, wo Hungerblümchen, Aurikel und andere „Extremsportler“ unter den Pflanzen seit der Eiszeit ihre Rückzugsorte haben. Sie drohen trotzdem immer wieder von Brombeeren und Gebüsch überwuchert zu werden; ebenso wie Felsnischen und -spalten, in denen Uhu oder Wanderfalke Brutplätze finden. Auch diese Stellen kennt Jäger; dort wird in der Brutzeit natürlich nicht gearbeitet.

Das Boot ist dabei – es rettet im Ernstfall das Leben
Ansonsten hat die Moscito-Truppe in den vergangenen zwei Wochen wieder fleißig an den Felsen „gegartelt“ und unerwünschten Pflanzenaufwuchs entfernt – sowie lockeres Gestein, das in die Donau herabstürzen und etwa Kanuten gefährden könnte. Gezielt lassen die Felsputzer immer wieder mal Felsbrocken krachend herunterpoltern. Auch deshalb ist immer einer aus dem Team als Kapitän dabei.
„Wenn man oben im Seil arbeitet, wo Felsen überhängen, sieht man oft gar nicht aufs Wasser“. Der „Bootsmann“ passt daher unten auf, dass nicht doch noch ein Wassersportler die mit großen Warn-Plakaten gekennzeichneten Sperrzonen ignoriert. Und: Im „worst case“ kann das Boot fürs eigene Team zum Lebensretter werden. Was vor ein paar Tagen beinahe nötig wurde.

Lockere Haufen von Buchenblättern, das mögen sie, die Erdwespen. Was sie gar nicht mögen: wenn ein Wanderschuh in ihr „Wohnzimmer“ hineintappt. Das ist einem der „Moscitos“ versehentlich passiert, und das hat ihm eine ganze Armada an Wespen buchstäblich auf den Leib gehetzt. Abseilen konnte er sich noch – aber unter den Steilhängen am Südufer würde keinerlei Weg hinführen, also auch kein Rettungswagen hinkommen. „Mit dem Boot konnten wir ihn bis zu einer befahrbaren Stelle bringen“, schildert Armin Ilgenfritz. Den Rettungsdienst brauchte sein hartgesottener Kollege zwar dann doch nicht. Aber mit Stichen übersät und mit dem Kreislauf im Keller war für ihn definitiv Feierabend an diesem Tag!
Wobei der Feier“abend“ in den vergangenen Tagen sowieso spätestens am frühen Nachmittag eingeläutet wurde (und der Start in die Arbeit um fünf Uhr morgens). Zwar versuchen die Fels-Gartler, mit ihren Einsatzstellen jeweils dem Schatten zu folgen.
Fünf Liter Wasser und 200 Meter Seil im Gepäck
Aber irgendwann hilft alles nichts mehr, bei Temperaturen über 30 Grad und einer voller Ausrüstung, die von Einsatzstelle zu Einsatzstelle zu schleppen ist: Essen und vor allem an die fünf Liter Wasser pro Mann, dazu 160 bis 200 Meter Seil, mit dem sich jeder doppelt sichert, Klettergurte und -helm, Erste-Hilfe-Ausrüstung und kleineres Werkzeug wie Schere oder kleine Säge. Nur so viel: Für die fünf Liter Input muss man sich trotzdem höchstens ein Mal ins Gebüsch schlagen – der Rest fließt als Schweiß. „Aber so lange man schwitzt, ist noch alles gut“, meint Ilgenfritz lakonisch.

Der Lohn der Mühen sind Felsen, die hell in der Sonne gleißen, mit Federgras und anderen trockenheits-erprobten Gräsern und Blumen bewachsen, dazwischen die geschützten dunkelgrüne Eiben und etwas helleren Donau-Mehlbeeren sowie Sträucher wie Diptam und Seidelbast. Mittlerweile alles „gute Bekannte“ für die Industriekletterer, die neben dieser Zusatzausbildung meist Handwerksberufe mitbringen. Die Moscitos absolvieren schon an die zwanzig Jahre Einsätze im Donaudurchbruch, in Absprache mit den Staatsforsten als „Hausherren“ sowie dem Kelheimer Landschaftspflegeverband und jetzt auch mit der NNM-Verwaltung.
„Über die lange Zeit merkt man schon, dass die Verbuschung schwächer wird“, bilanzieren Armin Ilgenfritz und Franziska Jäger. Zu tun bleibt trotzdem alljährlich genug – und nicht nur an der Donau: Die nächsten Arbeitstage gehören den Felsen im Altmühltal, bevor das rund zehnköpfige Team dann dem „Kini“ aufs Dach steigt: Wartungsarbeiten auf Schloss Neuschwanstein stehen als nächstes im Dienstplan…