„Im Stich gelassen“: Anwohner klagen über unhaltbare Zustände in Regensburger Wohngebiet

Anwohner der Ziegetsdorfer Straße in Regensburg leiden unter massivem Verkehr mitten im Wohngebiet. Seit zwei Jahren setzt sich ein 36-Jähriger für Linderung ein – und fühlt sich zunehmend im Stich und mit den Problemen alleine gelassen. Zumindest eine Maßnahme soll jetzt umgesetzt werden.
Bricht der Feierabend an, beginnt in der Ziegetsdorfer Straße das Hauen und Stechen. Jeder versucht, möglichst fix geparkte Autos zu umkurven. Um sich am Gegenverkehr vorbeizuzwängen, dient manch einem der Gehweg als gern gesehene Verbreiterung der Straße – selbst wenn dort ein Mensch steht. Will man als Fußgänger auf die andere Straßenseite, braucht man Geduld. Auto reiht sich an Auto. An Tempo 30 hält sich weiß Gott nicht jeder. Es braucht keine fünf Minuten vor Ort, bis alle Probleme offenbar werden, die ein Anwohner zuvor in einer ellenlangen E-Mail an die Redaktion geschildert hat.
Anlass für das Schreiben des Mannes, der seinen Namen aus beruflichen Gründen nicht in der Zeitung lesen will, war ein MZ-Bericht zur Baustelle in der Augsburger Straße und der damit einhergehenden Verkehrsbelastung für die Wohngebiete in Kumpfmühl. Betroffen ist auch der obere Bereich der Ziegetsdorfer Straße.
37.860 Fahrzeuge in acht Tagen in der Ziegetsdorfer Straße in Regensburg erfasst
Der Mann, der sich nun an unsere Redaktion gewandt hat, lebt mit seiner Familie im unteren Bereich der Ziegetsdorfer Straße. „Die geschilderten Zustände können wir leider vollumfänglich bestätigen – bei uns bestehen diese allerdings nicht nur während der Sperrung der Augsburger Straße, sondern dauerhaft“, schreibt er. Sobald die Autobahn dicht ist – praktisch an jedem Werktag in den Abendstunden – werde die Straße zur Ausweichroute für den Durchgangsverkehr. „In verkehrsarmen Zeiten, insbesondere sonntags oder spät abends, wird sie dagegen regelrecht zur Rennstrecke.“
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Beim Treffen vor Ort sagt der 36-Jährige: „Es gibt Eltern, die lassen ihre Kinder nicht mehr alleine zur Grundschule hochgehen, weil ihnen der Weg zu gefährlich ist.“ Auch für Radfahrer sei der Anstieg aufgrund der drängelnden Autos alles andere als angenehm. „Die meisten fahren deshalb auf dem Gehweg.“ Das bestätigt auch der Vater des Mannes. Er lebt schon seit 1964 hier. „Es wird immer mehr Verkehr“, sagt er. Alle zwei, drei Wochen komme es zu Beinahe-Unfällen mit Radfahrern, weil die den Gehweg benutzen. „Das wollen wir ihnen gar nicht vorwerfen. Sie haben Angst vor der Straße“, ergänzt sein Sohn. Auch er fühle sich hier auf dem Rad nicht wohl.

Im oberen Bereich der Ziegetsdorfer Straße hat die Stadt kürzlich Zahlen erhoben. Von 12. bis 20. Mai benutzten laut Stadtsprecherin Katrin Butz 37.860 Fahrzeuge die Straße. Auch die Geschwindigkeit wurde erfasst: Mit 1779 Überschreitungen lag die Verstoßquote bei 4,7 Prozent. Das entspricht in etwa dem, was der Verkehrsüberwachungsdienst seit Jahresbeginn feststellt. 36 Blitzer standen seitdem in der Ziegetsdorfer Straße, acht im oberen Bereich, 28 im unteren. Bei 10.411 kontrollierten Fahrzeugen lag die Beanstandungsquote bei 4,9 Prozent.
Auf einen „Hotspot für Geschwindigkeitsüberschreitungen“ ließen die Zahlen nicht schließen, sagt Butz. Damit scheidet auch ein dauerhafter Blitzer aus. Dafür fordere das Innenministerium Butz zufolge Beanstandungsquoten von zehn Prozent oder mehr.
Das sind keine guten Nachrichten für den 36-jährigen Anwohner, der aufgrund der Zustände schon seit zwei Jahren mit der Stadt in Kontakt steht und sich zunehmend im Stich und mit den Problemen alleine gelassen fühlt. Er setzt sich für bauliche Maßnahmen wie Poller, Geschwindigkeitstrichter oder andere verkehrsberuhigende Elemente ein – beispielsweise wie in der Alfons-Auer-Straße auf Höhe des SC Regensburg.
Kein Mensch weiß, warum das so ist. Immerhin soll der jetzt angehoben werden.Anwohner über den abgesenkten Gehweg
Das Tiefbauamt hält Poller oder vergleichbare Hindernisse für „verkehrsgefährdend“ und „nicht zulässig“, wie die städtische Pressestelle mitteilt. Für bauliche Einengungen biete die Ziegetsdorfer Straße keinen Spielraum, sagt Butz mit Verweis auf den Busverkehr. Geparkte Autos würden die Straße ohnehin punktuell einengen.
Verkehr in Regensburg: Wenn der Bus kommt bebt im Haus der Boden
Das mag stimmen, auf den Abschnitt vor dem Haus des 36-Jährigen trifft das aber nur bedingt zu. Hier ist der Bordstein auf einer Straßenseite über mehrere hundert Meter hinweg abgesenkt – weswegen der Gehweg dort so gern von Autofahrern benutzt wird. „Kein Mensch weiß, warum das so ist. Immerhin soll der jetzt angehoben werden“, sagt der Anwohner. Stadtsprecherin Butz bestätigt das. Die Erneuerung des Gehwegs sei für die zweite Jahreshälfte geplant. „Künftig sollen Absenkungen auf die Bereiche von Zufahrten beschränkt werden“, sagt sie.

Noch ein Problem treibt den 36-Jährigen um: der aus seiner Sicht desolate Zustand der Fahrbahn. „Immer wenn ein Linienbus oder ein schwereres Fahrzeug über die Schlaglöcher fährt, bebt in unseren Häusern der Boden“, schrieb er in seiner E-Mail. Beim Termin vor Ort zeigt er auf die Nachbarhäuser: „Die, die, die merken das, die da drüben auch.“
Vergangenen Freitag hatte der 36-Jährige einen Termin mit einem Mitarbeiter der Stadt. Zwar sei das Gespräch nett gewesen, aber die Auskunft ernüchternd. Immerhin sollen die Unebenheiten öfter ausgebessert werden, für mehr fehlt das Geld, bekam er zu hören. Butz bestätigt das. Angesichts begrenzter finanzieller Mittel müsse die Stadt Sanierungsmaßnahmen priorisieren. Es gebe zahlreiche Straßen, die sich in einem schlechteren Zustand als die Ziegetsdorfer Straße befinden. Eine Sanierung könne daher „weder eingeplant noch zeitnah in Aussicht gestellt werden“.