Durchfahrtsverbot im Regensburger Obermünsterviertel ist da: Aber funktioniert es?

Von Juliana Ried · 23. Mai 2026 um 05:00

Das Schild ist jetzt da. Seit 22. April ist die Obermünsterstraße eine Wohnverkehrsstraße, offiziell tabu für den Durchgangsverkehr – 20 Jahre nach Beginn der Sanierungsplanung für das Viertel und gut eineinhalb Jahre, nachdem der Planungsausschuss des Stadtrats auf Druck der Brücke-Fraktion „Sofortmaßnahmen“ zur Verkehrsberuhigung beschlossen hatte. Deren Umsetzung sorgt jetzt allerdings für Unmut im Viertel – und das nicht nur bei denen, die hier wohnen und ihr Auto brauchen.

Die Wohnverkehrsstraße ist eine Regensburger Besonderheit. Hineinfahren dürfen neben Anwohnern etwa auch alle, die hier ein Fahrzeug be- oder entladen müssen, Handwerker, Taxen und Ärzte.

Anwohner: „Man kann Auto nicht legal beladen“

Tilman Grimm (45) gehört zwar gleich zu zwei dieser Kategorien, sieht aber durch die Verkehrsberuhigung trotzdem seine berufliche Existenz bedroht. Er wohnt hier, braucht für seine Teilzeit-Stelle im öffentlichen Dienst bei Amberg und seine selbstständige Tätigkeit als Multimedia-Produzent aber ein Auto, mit dem er regelmäßig umfangreiche und empfindliche Technik transportieren müsse. Als „gravierende Veränderung“ nimmt er wahr, „dass man nicht mal legal eine halbe Stunde sein Fahrzeug beladen kann“. Er operiere damit immer in einer Grauzone: Die offiziellen Halteplätze seien ständig belegt, beispielsweise von Handwerkern, zudem dürfe er auch hier eigentlich nur zehn Minuten stehen. Es gebe „zu wenig Optionen für den Bedarf, der da ist“, dasselbe gelte für Anwohnerparkplätze. Zum Teil gehe eine Stunde für das Einparken inklusive Hin- und Rückweg zu Fuß drauf, das sei Zeit, die einem Selbstständigen niemand bezahle und „wirklich eine schädigende Sache. Es wird einem der Boden unten den Füßen weggezogen.“ Dass es nun so viele Freisitze gebe, sei schön, aber die sehr stark auf Passanten und Fahrräder ausgerichtete Lösung auch „sehr einseitig“. Er habe den Eindruck, „dass das Design wichtiger ist, als dass es funktioniert“, sagt Grimm, der diesbezüglich auch mehrere Fraktionen im Stadtrat anschrieb.

Oft fahren Ortsunkundige in die Obermünsterstraße

Grafikerin Birgit Kulawik (56), die sich in der Obermünsterstraße ein Büro mit anderen Solo-Selbstständigen teilt, hat dagegen eine völlig andere Perspektive auf die Entwicklung des Obermünsterviertels, wandte sich mit einer Kollegin aber trotzdem mit einer kritischen Mail an die Stadt. Sie seien „totale Fans“ der Verkehrsberuhigung, sagt Kulawik. Die Neugestaltung mit Bäumen und vielen Sitzmöglichkeiten sei „ein echter Gewinn“. „Die Leute nutzen das für die Mittagspause und sitzen da. Es gehen auch viel mehr Touristen durch.“ Natürlich sei die Neugestaltung auch „ein bisschen unpraktisch“, aber nötig, um der Hitze in der Stadt entgegenzuwirken. Die Beschilderung aber sei „wirklich ein Witz“ und führe dazu, dass Ortsunkundige oft in die Obermünsterstraße fahren, wo sie umkehren müssen, um zurückzufahren. Auf das „unter dem Baum versteckte“ Sackgassen-Schild bei der Zufahrt vom St.-Peters-Weg folge ein Linksabbiegepfeil in die für den Durchfahrtsverkehr gesperrte Obermünsterstraße. Das an deren Einfahrt angebrachte Wohnverkehrsstraßenschild schließlich sei „nicht auf die Blickrichtung der Autofahrer ausgerichtet“. „Man könnte schon fast meinen, dass der Wille zur Umsetzung fehlt“, mutmaßt sie. Und auch sie sieht den Bedarf derer, „die auf das Auto angewiesen sind“, das Problem müsse gelöst werden, sagt sie.

Was die Beschilderung angeht, so teilt Stadtsprecherin Katrin Butz mit: Bezüglich des Wohnverkehrsstraßen-Schilds müsse erst eine andere Lösung für den an dieser Ecke angebrachten Sensor gefunden werden, „damit an dieser Stelle nachgebessert werden kann“. Der Sensor erfasst Bewegungen, Lärm und Umweltinformationen. Die Stadt will auf dieser Grundlage bewerten, „wie sich die Sofortmaßnahmen im Quartier vor Ort auswirken“.

Prinzipiell gilt laut Butz: „Grundsätzlich benötigen Änderungen im Straßenverkehr immer mehrere Wochen, bis sich das Verhalten der Verkehrsteilnehmer den neuen Regelungen angepasst hat.“ Weil es hier aber keine öffentlichen Stellplätze mehr gebe – sie fielen bereits vor einem Jahr weg – habe sich der „Parksuchverkehr“ schon reduziert. Für die Anwohner werde „aktuell angestrebt, im Bereich des Emmeramsplatzes einen Ausgleich für die entfallenen Bewohnerstellplätze zu schaffen“.

Die Sanierungsplanung

Vorgeschichte: 2006 begann die Stadt mit der Sanierungsplanung für das Viertel. 2011 wurde ein 60 Seiten starker Plan dafür veröffentlicht. In der Folge wurde auch ein Quartiersbüro eingerichtet, das Fragen und Anregungen der Bürger aufnahm. Dann kam die Planung aber zum Erliegen, die Stadtverwaltung begründete das später mit „dringend notwendigen Maßnahmen“ in anderen Straßenzügen der Altstadt.

Protest: 2022 demonstrierte ein Bündnis um die Altstadtfreunde für ein grünes Obermünsterquartier – unter anderem mit Palmen.

Planung: 2023 beschloss der zuständige Stadtratsausschuss, die Neugestaltung von Obermünsterstraße und -platz samt erneuter Bürgerbeteiligung an eine Bietergemeinschaft zu vergeben. 2028 soll die Sanierung zum Viertel mit Park und Spielbach beginnen.