Regensburger Psychotherapeuten warnen vor Gesundheitsreform: „KI kann uns nicht ersetzen“

Die Honorarkürzungen, die im April beschlossen wurden, waren erst der Anfang: Zwei Psychotherapeutinnen aus Regensburg warnen vor weiteren Einschnitten durch die Gesundheitsreform. Nicht nur wirtschaftlich handle es sich um „eine Katastrophe“. Auch für Patienten seien die Auswirkungen gravierend.
Über Psychotherapeuten wie Barbara Hartmann schwebt derzeit eine riesige „Drohwolke“, wie sie sagt. Die Sorge der psychologischen Psychotherapeutin aus Regensburg hängt mit den aktuellen Entwicklungen in der Bundespolitik zusammen – genauer gesagt mit der geplanten Gesundheitsreform. „Es gibt verschiedene Szenarien, wie es für uns laufen könnte“, sagt die Diplom-Psychologin. „Keines davon ist gut.“
Bereits im März schlug ihre Berufsgruppe Alarm. Hintergrund waren drohende Honorarkürzungen in Höhe von 4,5 Prozent. Auch in Regensburg sahen Psychotherapeuten darin langfristig die Versorgung von Patienten gefährdet. Diese Kürzungen, die mittlerweile in Kraft getreten sind, seien aber nur der Anfang, warnt Hartmann. Für ein Gespräch mit unserer Zeitung hat sie sich mit der Regensburger Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Dr. Susanne Sauer zusammengetan. Das von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken angestoßene Sparpaket könnte für Psychotherapeuten in der Region existenzgefährdend werden, warnen beide.
Budgetierung: Ein nicht kalkulierbares Risiko
„Es ist nicht nur so, dass Zuschläge beispielsweise für Kurzzeittherapien gestrichen werden sollen. Dazu kommt noch das Thema Budgetierung“, sagt Sauer. Vereinfacht erklärt gehe es darum, dass es bislang einen großen Finanztopf gegeben habe, aus dem gearbeitet werde. Deshalb habe bislang jeder Psychotherapeut so viel arbeiten können, wie er wolle. Eine Begrenzung habe es nicht gegeben. „Wenn eine Budgetierung kommt, könnte es sein, dass ab einer bestimmten Patientenzahl nicht mehr oder nicht mehr vollständig gezahlt wird. Für uns stellt sich das derzeit als absolut unkalkulierbar dar.“
Wie streng die Budgetierung ausfallen soll, sei aktuell noch nicht festgelegt. „Im allerschlimmsten Fall könnten wir sogar bis zu 35 Prozent weniger bekommen“, sagt Hartmann. „Ich glaube, da muss man nicht groß erklären, dass wir so nicht mehr arbeiten können.“
Praxisaufgabe als drohende Konsequenz
Für Psychotherapeuten sei das „eine Katastrophe“. „Wir sind ja kleine Mini-Wirtschaftsunternehmen“, sagt Hartmann, die ebenso wie Sauer einen Kassensitz hat und vor allem gesetzlich Versicherte behandelt. Mit einer Zusatzqualifikation arbeitet sie zusätzlich zu Erwachsenen auch mit Kindern und Jugendlichen. „Wenn Psychotherapeuten mit Kassensitz Minus machen, werden viele versuchen, das mit Privatpatienten auszugleichen.“
Nicht ausgeschlossen sei, dass Psychotherapeuten ihren Kassensitz ganz aufgeben und nur noch Privatpatienten behandeln oder etwa Coachings für Selbstzahler anbieten würden. „Das möchte ich eigentlich gar nicht“, sagt Hartmann. „Ich bin Psychotherapeutin und habe einen ärztlichen Versorgungsauftrag.“
Ich weiß jetzt schon nicht, wie vielen Eltern ich in der Woche am Telefon erklären muss, dass wir dieses Jahr keine Therapieplätze mehr frei haben.Dr. Susanne Sauer, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin
Dramatisch seien die Konsequenzen auch für die Patienten. „Bei Erwachsenen gibt es bereits sehr lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz. Für Kinder sind sie noch länger“, sagt Sauer. „Ich weiß jetzt schon nicht, wie vielen Eltern ich in der Woche am Telefon erklären muss, dass wir dieses Jahr keine Therapieplätze mehr frei haben.“
Lange Wartezeiten haben gravierende Folgen
Bei langen Wartezeiten würden sich Erkrankungen verschlechtern oder chronifizieren. „Vielleicht kommt es dann dazu, dass ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik notwendig wird – oder im aller-, allerschlimmsten Fall zum Suizid. Das ist tatsächlich die häufigste Todesursache bei Jugendlichen.“
Dass man das so in Kauf nimmt, Menschen mit psychischen Erkrankungen derart ins Messer laufen zu lassen, erschreckt mich.Barbara Hartmann, Psychologische Psychotherapeutin
Eine psychische Erkrankung könne jeden treffen, fügt Hartmann hinzu. „Dass man das so in Kauf nimmt, Menschen mit psychischen Erkrankungen derart ins Messer laufen zu lassen, erschreckt mich.“ Aus ihrer Sicht sei gerade ihre Berufsgruppe besonders stark von den geplanten Sparmaßnahmen betroffen. Begründet würden diese damit, dass das Gesundheitssystem wirtschaftlicher aufgestellt werden müsse.
Einen Platz am Verhandlungstisch bekommen
„Vielleicht liegt es daran, dass wir eine verhältnismäßig kleine Gruppe sind. Unser Widerstand fällt geringer aus“, sagt sie. Bei Psychotherapeuten handle es sich außerdem überwiegend um Frauen. „Viele von uns haben Kinder und sind gleichzeitig selbstständig. Mit dieser Doppelbelastung fehlen oft die Ressourcen, um sich berufspolitisch zu engagieren.“ Ihr Eindruck sei außerdem, dass man in der Bundespolitik versuche, „auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen“ und in ihrem Arbeitsbereich verstärkt auf Künstliche Intelligenz (KI) setze. „Es wird unglaublich viel Geld in digitale Gesundheitsanwendungen gesteckt. Diese können aber keine Psychotherapie ersetzen. Es geht dabei um Beziehungsarbeit – und gerade bei Kindern und Jugendlichen funktioniert das nicht.“
Die jüngsten Entwicklungen haben Hartmann und Sauer dazu veranlasst, „laut zu werden und an die Öffentlichkeit zu gehen“ (siehe Info-Teil). „Uns ist wichtig, einen Platz am Tisch der Verhandlungen zu bekommen“, sagt Hartmann. „Wir möchten mit anderen Fachärzten auf Augenhöhe sein.“
Info: Demonstration in Regensburg am 21. Mai
• Bündnis: Barbara Hartmann und Dr. Susanne Sauer engagieren sich im Aktionsbündnis Psychotherapie, dem nach eigenen Angaben größten selbstorganisierten Bündnis von Psychotherapeuten in Deutschland. Hartmann ist eine der Sprecherinnen der neu gegründeten Regionalgruppe für die Region Regensburg.
• Aktion: Am 21. Mai findet eine Demonstration des Aktionsbündnisses um 16 Uhr auf dem Haidplatz statt. Weitere Infos sowie eine Petition zur Sicherstellung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung gibt es unter www.aktionsbuendnis-psychotherapie.info.