Unsichere Zukunft für Psychotherapeuten: Regensburger Studierende zweifeln an Berufswunsch

Ein anspruchsvolles Studium, danach viele offene Fragen: In der Psychotherapie-Ausbildung kämpfen Regensburger Studierende mit unklarer Finanzierung und fehlenden Weiterbildungsplätzen. Auch für Patienten könnte das Folgen haben – denn die Versorgung gerät zunehmend unter Druck.
Ein anspruchsvolles Studium, gefolgt von einer Ausbildung, die oft mehr als 20 000 Euro kostete: So sah der Weg zum Beruf des Psychotherapeuten jahrzehntelang aus. Mit einer Reform im Jahr 2020 sollte sich das grundlegend ändern. Ein umstrukturiertes Studium bereitet seither direkt auf die psychotherapeutische Tätigkeit vor, die anschließende Ausbildung wurde zu einer Weiterbildung umgestaltet.
Diese umfasst theoretische Module, praktische Arbeit unter Supervision sowie Selbsterfahrung und wird tariflich vergütet. Doch ein zentraler Punkt blieb ungeklärt – die Finanzierung. In der ambulanten Weiterbildung in Praxen und Institutsambulanzen übernehmen Krankenkassen bislang vor allem die direkte Arbeit am Patienten. Kosten für Supervision, Selbsterfahrung und Theorie bleiben ungedeckt.
Sechs Jahre nach Reform: Absolventen in der Sackgasse
In der stationären Weiterbildung in Kliniken fehlt es zugleich an ausreichend Weiterbildungsstellen, da viele Einrichtungen diese nicht zusätzlich schaffen können. Insgesamt sehen sich viele Praxen, Kliniken und Weiterbildungsinstitute nicht in der Lage, die entstehenden Kosten zu tragen. Sechs Jahre nach der Reform zeigt sich: Immer mehr Absolventen geraten in eine Sackgasse, da sie keine Weiterbildungsplätze finden.
Das Studium ist sowieso schon sehr stressig und herausfordernd – und jetzt gibt es noch zusätzlichen Druck.Ronja Schäfer, Psychologie-Studentin
An der Universität Regensburg ist die Unsicherheit deshalb groß. Ronja Schäfer, im fünften Semester Psychologie, hatte ursprünglich den Plan, Psychotherapeutin zu werden. Inzwischen zweifelt sie. „Das Studium ist sowieso schon sehr stressig und herausfordernd – und dann noch der zusätzliche Druck und die Unsicherheit durch die unklare Weiterbildung“, sagt sie. Ähnlich geht es vielen Kommilitonen. Michael Mehner, Student im sechsten Semester, hält an seinem Berufswunsch fest.
Doch auch er sieht wachsende Hürden: „Die Ausbildung dauert etwa zehn Jahre und ist mit großem Leistungsdruck verbunden. Da sollten einem nicht noch zusätzlich Steine in den Weg gelegt werden.“ Besonders frustrierend sei die fehlende Planungssicherheit. „Man weiß derzeit nicht einmal, ob man am Ende wirklich Psychotherapeut wird.“
Auch Patienten könnten die Folgen spüren
Neben den Sorgen um die eigene Zukunft sehen Studierende auch die Folgen für Patienten. Carolin Reis, im siebten Semester und in der Fachschaft aktiv, betont: „Für die Patienten ist die Situation fatal. Wenn sich nichts ändert, müssen sie noch länger auf Therapieplätze warten und werden weiterhin allein gelassen.“
Dr. Nikolaus Melcop, Psychologischer Psychotherapeut und Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, kritisiert die politische Untätigkeit. „Es war von Anfang an klar, dass die Finanzierung geregelt werden muss. Doch bisher hat sich der Gesetzgeber davor gedrückt. Es braucht dringend eine finanzielle Förderung für die Weiterbildungsstellen.“ Ohne klare Zuständigkeiten gebe es aber kaum Weiterbildungsplätze. Dabei sei der Bedarf hoch: Rund 400 Absolventen kämen jährlich allein in Bayern dazu. „Und die werden auch dringend gebraucht“, betont Melcop.
Schon jetzt sei die Versorgungslage angespannt. Sollte sich nichts ändern, werde sich die Lage verschärfen. „Der Blick ist derzeit sehr kurzfristig“, sagt er. Fehlende ambulante Angebote führten langfristig zu mehr stationären Behandlungen – und damit zu höheren Kosten. „Jeder Euro in ambulante Psychotherapie ist gut investiert.“
Regensburger Abgeordnete nehmen Stellung
Auch politisch wird das Thema kontrovers diskutiert. Der Regensburger CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Aumer verweist auf erste Fortschritte etwa bei der Vergütung von direkten Leistungen am Patienten. Gleichzeitig betont er die begrenzten Möglichkeiten des Bundes. Viele Aspekte der Weiterbildung lägen in der Verantwortung der Länder, zudem seien die finanziellen Spielräume im Bundeshaushalt und in der gesetzlichen Krankenversicherung begrenzt.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete Carolin Wagner bewertet die Reform grundsätzlich als Fortschritt gegenüber der früheren Ausbildung. Die Finanzierung sieht sie geklärt, da es sich bei der Weiterbildung um ein Beschäftigungsverhältnis handele und die Lösung für den Mangel an Weiterbildungsplätzen in den Händen der Kassenärztlichen Vereinigungen und der Krankenkassen läge.
Betroffene wollen Druck auf die Politik erhöhen
Kritik kommt vom Bundestagsabgeordneten Stefan Schmidt (Bündnis 90/Die Grünen). Er hält die Reform für unzureichend: „Ich finde es wirklich bitter, dass CDU/CSU und SPD es nicht geschafft haben, die Finanzierung ordentlich zu regeln.“ Seine Partei fordere eine nachhaltige Lösung für die Finanzierung. Auch Carina Schießl (AfD) sieht Handlungsbedarf: „Es ist zentral, dass wir zu einer tragfähigen Lösung kommen.“ Verlässliche Rahmenbedingungen seien entscheidend für die Zukunft des Berufs.
Während die Politik noch ringt, wächst der Druck von unten. Studierende engagieren sich, organisieren Demonstrationen und hoffen auf Veränderung. Für viele steht einiges auf dem Spiel – beruflich wie persönlich. Michael Mehner bleibt trotz allem entschlossen: „Ich werde weiterhin alles geben, um Psychotherapeut zu werden, da mich die Arbeit so sehr erfüllt.“ Auch Carolin Reis gibt sich kämpferisch: „Wir müssen weiter dafür kämpfen, dass die Finanzierung langfristig geregelt wird.“
Von Carlotta Wortmann