Regensburger Medizinrechtlerin klagt an: „Die Kassen sparen immer härter“

Die Regensburger Juristin Alexandra Glufke-Böhm ist Fachanwältin für Medizinrecht. Im Interview schildert sie, wie der Spardruck im Gesundheitssystem Patienten konkret gefährdet. Zum Thema Zahnersatz hat sie eine ganz eigene Meinung.
Sie vertreten als Anwältin Patienten gegenüber Ärzten, aber auch gegenüber Krankenkassen. Nehmen die Probleme zu, weil den Kassen das Geld fehlt?
Alexandra Glufke-Böhm: Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den Kassen. Manche tauchen bei uns praktisch nie auf, andere täglich. Oft hängt es auch vom jeweiligen Sachbearbeiter ab. Insgesamt spüren wir aber einen klaren Trend: Es wird härter gespart, auch in schweren Fällen. Diese Auseinandersetzungen zermürben die Betroffenen. Viele geben irgendwann auf. Diese Tendenz gab es früher schon, aber sie hat sich deutlich verschärft.
Spielt der Kostendruck dabei eine zentrale Rolle?
Glufke-Böhm: Ja. Man merkt, dass Vergleichslösungen immer seltener funktionieren. Besonders drastisch zeigt sich das bei schwer Erkrankten, auch im Krebsbereich. Da entscheidet dann ein Sachbearbeiter sinnbildlich mit Daumen hoch oder runter, ob eine Therapie noch genehmigt wird.
In einem konkreten Fall, den Sie vertreten, ging es um eine nichtinvasive Beatmung und um die Frage, ob zu Hause eine Pflegekraft nötig ist, damit die Maske nicht verrutscht. Bemerkenswert war, dass selbst der behandelnde Chefarzt den Bedarf bestätigt hat – die Kasse aber trotzdem nicht gezahlt hat.
Glufke-Böhm: Die Patientin kam zunächst in die Klinik, wurde dort behandelt und musste schließlich auf die Intensivstation, weil die Versorgung zu Hause nicht sichergestellt war. Entlassen werden konnte sie aber genau aus diesem Grund nicht. Solange sie nicht entlassen werden konnte, blieb sie im Krankenhaus – obwohl sie eigentlich nicht mehr akut behandelt wurde. Für die Klinik war das ein echtes Dilemma. Ich habe dann mit der Krankenkasse telefoniert. Dort hieß es sinngemäß, wir könnten doch zufrieden sein, die Frau sei ja versorgt, und man müsse nicht mehr zahlen. Ich habe entgegnet, dass dann eben das Krankenhaus auf den Kosten sitzen bleibt. Genau das wurde mir auch bestätigt.

Wer sind die Akteure in diesem System und wer zieht am Ende den Kürzeren?
Glufke-Böhm: Zum einen stehen sich Krankenkassen und Versicherte gegenüber. Leistungen werden nicht bewilligt, Betroffene müssen in Vorleistung gehen oder bleiben auf den Kosten sitzen. Das passt in ein größeres Bild: Kassenärzte werden immer seltener, das System kippt zunehmend in Richtung privat. Gleichzeitig geraten auch Ärzte unter Druck. Wenn sie etwas verordnen, drohen ihnen Regressforderungen. Die Kliniken wiederum kämpfen vielerorts ums Überleben, weil sie massive Kürzungen hinnehmen müssen und permanent überlegen, wo sie noch sparen können. Dabei sitzen sie zwischen allen Stühlen. Behandeln sie einen Patienten nicht umfassend oder entlassen ihn früher, gibt es Ärger von der einen Seite. Tun sie alles medizinisch Sinnvolle, müssen sie sich sofort rechtfertigen, warum. Dieses pauschalierte System funktioniert so nicht – und das schadet am Ende allen Beteiligten.
Wo geht das ganze Geld im System eigentlich hin?
Glufke-Böhm: Die Menschen werden älter, damit auch kränker, und es wird mehr behandelt. Gleichzeitig wird nicht in dem Maß eingezahlt, wie Leistungen entnommen werden. Was aber oft unterschätzt wird, sind die enormen Verluste in der Verwaltung. Wir haben derzeit rund 140 Krankenkassen. Der angebliche Konkurrenzgedanke trägt aus meiner Sicht kaum.
Wo ließe sich aus Ihrer Sicht konkret sparen?
Glufke-Böhm: Ich halte das System für aufgebläht, fast wie eine Krake, die immer weiterwächst. Hier ließe sich ansetzen, etwa durch klare gesetzliche Vorgaben und deutlich weniger Strukturen. Auch die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Versorgung gehört auf den Prüfstand. In manchen Regionen gibt es kaum noch Kassenärzte, etwa bei Hautärzten. Viele wechseln in den Privatbereich, weil sie die Bürokratie leid sind und kaum noch Zeit für Patienten haben. Hinzu kommt, dass Krankenhäuser immer mehr zur Anlaufstelle werden, weil die ambulante Versorgung an ihre Grenzen stößt. Das verstopft die Notaufnahmen. Besonders dramatisch ist die Lage etwa in der Psychotherapie: Menschen mit schweren Traumata warten monatelang auf einen Platz. Wird in dieser Phase nicht geholfen, bleiben die Schäden oft dauerhaft. Das ist menschlich tragisch und wirtschaftlich kurzsichtig. Mit einer früheren, besseren Versorgung ließe sich am Ende sogar Geld sparen.
Wäre es sinnvoller, volkswirtschaftlich stärker auf Prävention zu setzen – etwa durch regelmäßige Vorsorge?
Glufke-Böhm: Ja, das halte ich grundsätzlich für sinnvoll. Prävention wird stark an Bedeutung gewinnen. Wenn man sich internationale Entwicklungen anschaut, etwa in China mit ersten KI-Kliniken, dann sieht man, wohin die Reise geht. Gerade im Präventionsbereich kann viel automatisiert und systematisch erfasst werden. Dort, wo Erkrankungen deutlich zunehmen, sollte man früher ansetzen. Wenn inzwischen jeder zweite Mensch an Krebs erkrankt, muss man sich fragen, was man präventiv tun kann.
In der Diskussion sind die Zahnarztleistungen. Wie entwickelt sich dieser Bereich?
Glufke-Böhm: In der Zahnmedizin explodieren die Kosten. Ich sehe Rechnungen bis knapp 100 000 Euro. Praxen überbieten sich mit Design und Ausstattung, Behandlungen werden immer teurer. Die Folge ist: Man sieht Armut im Mund. Mit einem Durchschnittsgehalt ist Zahnersatz kaum noch zu bezahlen, 20 000 Euro gelten fast schon als normal. Und die Qualität ist nicht immer entsprechend. Die Quote der Fehlbehandlungen ist in der Zahnmedizin deutlich höher als in vielen anderen Bereichen. Politisch läuft es darauf hinaus, dass immer mehr selbst gezahlt werden muss. Das ist ein Markt, in dem sehr viel Geld umgesetzt wird – und in dem manche Patienten regelrecht gemolken werden.
Ist Ihre Wahrnehmung, dass große Kassen besser arbeiten als kleine?
Glufke-Böhm: Nein, nicht zwingend. Es gibt durchaus kleinere Kassen, die bei uns praktisch nie auftauchen. Dort ist oft noch ein persönlicherer Umgang spürbar, der Versicherte wird noch gesehen. Gleichzeitig beobachten wir eine Dynamik: Wird eine Kasse gut bewertet, wechseln viele dorthin. Dann nehmen aber auch dort die Ablehnungen zu, weil sich das Klientel verändert und kostenintensiver wird. Am Ende gleichen sich viele Kassen wieder an.
In Regensburg wurde kürzlich eine radiologische Praxis von Investoren übernommen, seither ist die Möglichkeit für die Brustkrebsvorsorge für Frauen deutlich eingeschränkt. Wie bewerten Sie solche Tendenzen?
Glufke-Böhm: Das ist eine Entwicklung, die mir große Sorgen macht. Investmentgesellschaften sichern sich lukrative Bereiche und richten Entscheidungen zunehmend nach Rendite aus. Medizin darf aus meiner Sicht nicht spekulationsgetrieben sein. Krankheit und Behandlung müssen leistbar bleiben. Wenn Vorsorge oder bestimmte Leistungen nicht mehr angeboten werden, weil sie sich wirtschaftlich nicht lohnen, dann fallen genau die Menschen durchs Raster, die Hilfe brauchen.
Dann heißt es: 20 000 Euro auf den Tisch oder der Nächste ist dran. Am Ende steht der Patient immer ganz unten.Alexandra Glufke-Böhm
Erleben Sie, dass Patienten ihr Vermögen verlieren, um Behandlungen zu finanzieren?
Glufke-Böhm: Ja, das passiert reihenweise. Menschen mit gutem Einkommen, mit Ersparnissen, verlieren alles. Wenn Krankenkassen Leistungen verweigern, stehen viele vor der Wahl: zahlen oder sterben. Hinzu kommt, dass manche Anbieter gezielt Lücken im System nutzen und teure Behandlungen nur ambulant anbieten. Dann heißt es: 20 000 Euro auf den Tisch oder der Nächste ist dran. Am Ende steht der Patient immer ganz unten.
Gibt es international ein Gesundheitssystem, das diese Probleme besser gelöst hat?
Glufke-Böhm: Es gibt sicher Länder, die in einzelnen Punkten besser sind, viele sind aber deutlich schlechter. Vom medizinischen Niveau her gehört Deutschland zur Weltspitze. Unsere Ärzte leisten enorm viel. Das Problem sind die Rahmenbedingungen: zu viel Bürokratie, zu starke Ökonomisierung, zu wenig Fokus auf das, was Patienten wirklich hilft. Solange sich daran nichts ändert, wird sich der Druck weiter verschärfen.