Versorgung gefährdet? Regensburger Psychotherapeuten schlagen Alarm

Von Marion Neumann · 24. März 2026 um 05:01

Schon jetzt sind die Wartezeiten für Kassenpatienten auf einen Therapieplatz lang – doch die Lage könnte sich weiter verschärfen, warnt der Regensburger Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Stefan Hetterich. Gemeinsam mit vielen Kollegen schlägt er wegen geplanter Honorarkürzungen Alarm.

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50 Namen – so viele stehen bei Stefan Hetterich auf der Warteliste für einen Therapieplatz. „Letzte Woche habe ich ein Mädchen neu in Therapie genommen. Ihre Familie hat zehn Monate darauf gewartet“, sagt der tiefenpsychologische Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut mit Praxis in der Rote-Hahnen-Gasse. „Gerade in diesem Alter ist das ein wahnsinnig langer Zeitraum.“

Dass Therapieplätze für Kassenpatienten knapp sind, ist nichts Neues. Doch nun könnte sich die Situation weiter verschärfen, sagt Hetterich. Hintergrund ist eine Honorarkürzung für Psychotherapeuten, die ab April in Kraft treten soll. Konkret sieht der Beschluss vor, dass die Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent abgesenkt werden. Die gleichzeitige Erhöhung sogenannter Strukturzuschläge – etwa zur Anstellung von weiterem Personal – könne das nicht auffangen. „Das kann nicht ausgleichen, was dadurch verloren geht.“

Honorarkürzungen „sehr kurzfristig gedacht“

Gerade für Kollegen, die nicht in Vollzeit arbeiten, könnten die Kürzungen bedeuten, stärker abzuwägen, welche Fälle sie aufnehmen, sagt er. „Für Kurzzeittherapien bekommen wir mehr als für Langzeittherapien. Das könnte dazu führen, dass lange, aufwendige Fälle künftig noch schwerer einen Platz bekommen.“

Der neue Beschluss sei daher sehr kurzfristig gedacht. „Ich kann nachvollziehen, dass gespart werden muss. Aber es ist bekannt, dass der Bedarf an Psychotherapie steigt. Gleichzeitig wird aber an den Therapeuten gespart und der Beruf damit nicht attraktiver gemacht, ganz im Gegenteil.“ Ob Petitionen oder Demonstrationen wie zuletzt bei einem Protest am Samstag in München noch etwas ändern, weiß Hetterich nicht. „Trotzdem ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit darauf aufmerksam gemacht wird“, sagt er.

An betroffene Familien, die einen Therapieplatz suchen, appelliert er, nicht aufzugeben. „Meine Sorge ist, dass viele nun denken, sie probieren es erst gar nicht mehr bei einer Praxis mit Kassenzulassung.“ Gerade jetzt sei es aber entscheidend, „überall anzuklopfen, den Bedarf deutlich zu machen und das auch zu dokumentieren.“ Wer mehrmals abgewiesen werde, habe auf diesem Weg auch die Möglichkeit, über eine Privatpraxis einen Therapieplatz mit Kostenerstattung zu erhalten. „Ich halte es für sehr wichtig, sich damit an die Kassen zu wenden. Sonst bekommen sie den großen Bedarf vermutlich gar nicht mit.“

Psychotherapeuten unter großem Druck

Ebenfalls mit Sorge auf den Beschluss blickt die psychologische Psychotherapeutin Kristina Fisser. „Dass uns das individuell trifft, ist das Eine. Vielmehr befürchte ich, dass sich strukturell etwas verändert.“ Fisser arbeitet in einer Praxisgemeinschaft in der Luitpoldstraße und behandelt Erwachsene. „Die Kürzungen könnten dazu führen, dass Psychotherapeuten vermehrt Privatpatienten aufnehmen – obwohl sie das eigentlich nicht möchten. Doch auch wir spüren die Inflation und stehen unter hohem Druck, weil die Kosten stark gestiegen sind.“

Besonders problematisch sei die Entwicklung auch für die Aus- und Weiterbildung junger Kollegen. „Keiner von uns macht den Beruf, um reich zu werden. Aber wenn die Wertschätzung fehlt, stellt sich die Frage, ob überhaupt noch jemand im niedergelassenen Bereich arbeiten möchte.“

Kurzfristig könnten dadurch noch längere Wartezeiten entstehen, langfristig drohen große Versorgungsprobleme durch fehlenden Nachwuchs. „Ist die ambulante Versorgung nicht gesichert, müssen deutlich mehr Patienten stationär aufgenommen werden – und diese Aufenthalte sind erheblich teurer.“

Psychische Erkrankungen nehmen zu

Aus der klinischen Perspektive blickt Prof. Dr. Rainer Rupprecht, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie am Medbo Bezirksklinikum Regensburg und Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, auf den Beschluss. Als Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie hat er die Debatte intensiv mitverfolgt. „Es ist verständlich, dass die ambulanten Kollegen alles andere als erfreut sind“, sagt er. Einschnitte aufgrund der Finanzierungsschwierigkeiten der Kassen beträfen jedoch die gesamte Medizin.

Gleichzeitig widerspreche der Beschluss dem Grundsatz, Patienten möglichst ambulant statt stationär zu behandeln und setze damit auch die stationäre Versorgung unter Druck. „Die Zahl psychischer Erkrankungen nimmt zu. Man kann hier von Volkskrankheiten sprechen“, sagt Rupprecht. Längere Wartezeiten verschärfen die Probleme. „Damit entsteht indirekt auch ein volkswirtschaftliches Risiko. Werden Erkrankungen nicht frühzeitig behandelt, kommt es vermehrt zu längeren Arbeitsausfällen und Frühverrentungen.“

Info: Demonstration in Regensburg geplant

• Demo: Nachdem am Wochenende in München Hunderte Menschen gegen die Kürzung von Psychotherapie-Honoraren demonstriert haben, ist für Freitag ein Protest in Regensburg angekündigt. Das teilen das Aktionsbündnis Psychotherapie, das Frauenkollektiv Regensburg und das Studierendenkollektiv Regensburg auf ihren Instagram-Accounts mit.

• Ort: Die Demonstration beginnt um 16 Uhr auf dem Neupfarrplatz.