Haben plötzlich alle ADHS und Autismus? Immer mehr Erwachsene lassen Symptome abklären

Fehlende Konzentration oder die Unfähigkeit, Dinge zu Ende zu bringen: In den sozialen Medien werden diese Symptome häufig mit ADHS, teilweise auch in Verbindung mit Autismus, in Zusammenhang gebracht. Doch leiden tatsächlich immer mehr Erwachsene unter diesen Erkrankungen? Prof. Dr. Berthold Langguth, Chefarzt am medbo Bezirksklinikum Regensburg, erklärt, warum er das nicht als „Modediagnosen“ abtut.
Wieder die Frist für die Steuererklärung verpasst oder die Deadline für das Arbeitsprojekt gerissen: Könnte dahinter eine Erkrankung stecken? Zumindest in den sozialen Medien ist in Zusammenhang mit fehlender Konzentration, Reizüberflutung und der Unfähigkeit, Dinge zu Ende zu bringen, derzeit häufig von ADHS die Rede, teilweise auch in Verbindung mit Autismus.
Handelt es sich dabei um Aufklärung von Betroffenen – oder werden psychische Störungen damit zu Modediagnosen, die plötzlich einen großen Teil der Erwachsenen zu betreffen scheinen? Prof. Dr. Berthold Langguth, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie und Chefarzt am medbo Bezirksklinikum Regensburg, hat dazu eine differenzierte Meinung.
Engpässe bei der Diagnose
„Noch vor 20 Jahren gab es große Diskussionen darüber, ob ADHS überhaupt existiert – oder ob es sich dabei nicht um eine Erfindung der Pharmaindustrie handelt“, so der Mediziner. Heute bestehe daran kein Zweifel mehr.
„Als ich vor 25 Jahren in der Psychiatrie angefangen habe, gab es viele Bemühungen, diesen Bereich zu entstigmatisieren“, erklärt er. Insofern sei es eine gute Entwicklung, dass Menschen, denen es nicht gut geht, über ihre Erkrankungen sprechen würden. „Allerdings haben wir mittlerweile in einigen Bereichen eine Situation erreicht, in der die Schwelle sehr niedrig geworden ist – vielleicht zu niedrig“, gibt er zu bedenken.
Generell spreche nichts dagegen, Symptome abklären zu lassen. „Tatsächlich hat die Menge an Menschen, die sich mit dieser Bitte an uns wendet, enorm zugenommen“, sagt er. Da die Diagnostik aufwendig sei und das Thema ADHS manchen Psychiatern und Psychotherapeuten nicht so geläufig sei wie etwa Depressionen, würde es zu Engpässen kommen. „Wir stoßen teilweise an Kapazitätsgrenzen.“
Äußern sich Symptome bei Mädchen anders?
Ein im Internet zudem sehr häufig thematisierter Punkt ist, dass sich ADHS bei Mädchen anders zeigen würde als bei Jungen. Aus diesem Grund würden Frauen zum Teil auch erst später – wenn überhaupt – eine Diagnose erhalten. „Es spricht sehr viel dafür, dass sich die Symptome bei Mädchen anders äußern“, sagt Langguth dazu.
„Man denkt da etwa zurück an den Struwwelpeter. Die Geschichte vom Zappel-Philipp wird häufig mit ADHS in Verbindung gebracht. Das wäre der Junge, der nicht still sitzen kann. Es gibt in dem Buch aber auch den Hanns Guck-in-die-Luft, bei dem die Hyperaktivität nicht im Vordergrund steht, aber bei dem man trotzdem sagen könnte, dass ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom besteht.“
„Bereits im Kindesalter vorhanden“
Dass die Symptome nicht erst im Erwachsenenalter auftreten, trifft im Übrigen sowohl bei ADHS als auch bei Autismus zu. „Das sind Erkrankungen, die bereits im Kindesalter vorhanden gewesen sein müssen.“ Ähnlich sei auch, dass es ein sogenanntes Spektrum gebe. „Menschen können autistische Züge oder Symptome haben, ohne Autismus zu haben – etwa ein hohes Bedürfnis nach Ordnung und Struktur oder ein Faible für Zahlen und abstrakte Dinge.“
Im Gegensatz zu ADHS seien die psychotherapeutischen Einflussmöglichkeiten für Menschen mit Autismus allerdings relativ gering. Auch Medikamente gebe es keine. „Die Lösung besteht eher darin, eine passende Umgebung zu schaffen, mit wenig unerwarteten Dingen und Überraschungen.“

Doch ob Autismus oder ADHS: Dass eine Diagnose für Betroffene eine große Erleichterung darstellt, erlebt der Mediziner häufig. Bei ADHS sei es jedoch so, dass es oft auch vom Kontext abhänge, wann etwas zum Problem werde. „Ich habe einen Patienten mit stark ausgeprägtem ADHS, der in der Qualitätssicherung arbeitet. Dass er immer das gleiche machen und sehr zuverlässig sein muss, ist für ihn die Hölle. In seinem vorherigen Job im Verkauf war er dagegen super erfolgreich.“
„Selbstwirksamkeit“ darf nicht verloren gehen
Der Übergang zwischen Gesundheit und Krankheit sei fließend – so wie bei sehr vielen anderen psychischen Erkrankungen auch, betont er. „Wir sagen, dass etwas krankheitswertig wird, wenn jemand darunter leidet.“
Ein Leben lang Medikamente zu nehmen, sei auch mit einer ADHS-Diagnose nicht zwingend notwendig. Neben Medikation und Psychotherapie sei es sinnvoll, das Leben so zu organisieren, dass die eigenen Schwächen nicht im Vordergrund stehen. Was nicht verloren gehen dürfe, sei etwas, was in der Psychiatrie als „Selbstwirksamkeit“ bezeichnet wird. „Wenn immer sofort der Reflex da ist, dass mir jemand helfen muss oder ich ein Medikament brauche, mache ich nicht mehr die Erfahrung, Dinge auch selber zu schaffen“, sagt er.