„Selbsthilfegruppen-Boom“: In Regensburg gibt es so viele neue Gruppen wie noch nie

Ob Trauma, Parkinson, der Umgang mit ungewollter Kinderlosigkeit oder ein Austausch für Angehörige von Krebskranken: Zu all diesen Themen haben sich seit Anfang des Jahres in Regensburg Selbsthilfegruppen gegründet. „Wir erleben gerade einen regelrechten Selbsthilfe-Boom“, sagt Lisbeth Wagner von KISS, der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe für die Stadt und den Landkreis Regensburg.
Dass seit Beginn des Jahres bereits zwölf Gruppen entstanden sind und sich weitere in Planung befinden, erstaunt die pädagogische Mitarbeiterin selbst. „Ich kann mich nicht erinnern, sonst in den ersten vier Monaten des Jahres schon so viele Menschen beraten zu haben“, sagt sie. Das große Interesse sieht die Selbsthilfeberaterin als eine sehr positive Entwicklung. „Einer der Gründe dafür ist wohl, dass man sich schneller Hilfe holt als früher. Man wird aktiv und glaubt an die eigene Selbstwirksamkeit.“
Nicht nur die jüngere Generation, sondern gerade auch die Babyboomer, die nun in Rente gehen, wünschen sich für ihre Themen einen Ort zum Austausch. „Das ist die Generation der Selbstorganisation. Sie wissen, wie wichtig soziale Gemeinschaften sind und haben sich schon bei der Gründung von Sportvereinen engagiert.“
Nachwirkung der Corona-Pandemie
Wagner glaubt außerdem, dass auch die Corona-Zeit bei dem Selbsthilfe-Boom eine Rolle spielt. „Ich denke, dass es eine verzögerte Reaktion darauf ist.“ So hätten viele Menschen nach den Erfahrungen während der Pandemie wiederentdeckt, dass die Gemeinschaft eine wichtige Ressource ist. „Wir sind soziale Wesen. In Krisen suchen wir nach anderen Menschen, die uns Sicherheit bieten.“

Wer darüber nachdenkt, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, tauscht sich zuerst einmal mit den Mitarbeitern von KISS aus. Für die Gruppen gelten Leitlinien, die unter anderem auf Basis der Demokratie beruhen. „Nicht jeder, den ich in einem Gespräch berate, wird dann tatsächlich zum Gründer – und manchmal müssen Ideen auch sehr lange reifen. Aber das ist das Gute an der Selbsthilfe: Es gibt viel Gestaltungsfreiraum und es kommt nicht auf die Zugriffs- oder Teilnehmerzahlen von Gruppen an.“
Kein Ersatz für medizinische Behandlung
Dass Selbsthilfe gerade in Bezug auf psychische Krankheiten und Suchterkrankungen eine lange Tradition hat, weiß Prof. Berthold Langguth. Der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Neurologie und Chefarzt in der Psychiatrie am medbo Bezirksklinikum Regensburg erklärt: „Es gibt viele Belege, dass die Gruppen aus diesem Bereich hilfreich sind – etwa, um dauerhaft abstinent zu bleiben.“
Nicht immer müsste es bei den Treffen nur um die Erkrankung oder das Problem gehen. „Man kann darüber auch Kontakte knüpfen, sich vielleicht sogar einen Freundeskreis aufbauen.“ Auch seiner Ansicht nach sei es eine sehr gute Entwicklung, wenn sich mehr Menschen in Selbsthilfegruppen austauschen und so einen guten Umgang mit Erkrankungen oder Problemen finden. Medizinische oder therapeutische Behandlungen ersetzen könnte das jedoch nicht. „Im Idealfall sollte Selbsthilfe eine Ergänzung zur Behandlung darstellen. Man hat einen professionellen Ansprechpartner – und in der Gruppe ist Raum für Austausch.“
Einfluss nehmen auf Politik und Gesellschaft
Durch Selbsthilfe könnten Betroffene aber auch Einfluss auf Gesellschaft und Politik nehmen. „Das ist ein sehr wichtiger Punkt. In den Gruppen organisieren sich Betroffene, die die Entwicklung von Hilfsangeboten vorantreiben können.“ Als gelungenes Beispiel für diese Art der Einflussnahme in der Psychiatrie nennt Langguth etwa die Etablierung des Krisendienstes. „Dass es einen flächendeckenden Dienst gibt, der rund um die Uhr erreichbar ist und helfen kann, ist maßgeblich von den Betroffenen- und Angehörigenverbänden ausgegangen.“

Kritisch hinterfragen sollten Betroffene allerdings, wenn in einer Selbsthilfegruppe eine bestimmte Ansicht oder Behandlungsmethode dogmatisch vertreten wird. „Wenn dort mit Absolutheit vermittelt wird, dass es nur den einen richtigen Weg gibt, sollte man vorsichtig sein und sich noch andere Meinungen einholen“, so der Mediziner.
Info: KISS Regensburg bei bundesweiter Aktionswoche „Wir hilft“
• Termin: Unter dem Motto „Wir hilft“ findet aktuell eine bundesweite Aktionswoche zum Thema Selbsthilfe statt. Das gesamte Programm ist unter www.wir-hilft.de zu finden. In Regensburg beteiligt sich KISS am Donnerstag, 22. Mai, mit einem „Walk & Talk“, einem gemeinsamen Spaziergang, bei dem Interessierte und Aktive ins Gespräch kommen können. Start ist um 18 Uhr am Haus der Parität (Landshuter Straße 19). Eine Anmeldung ist erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich.
• Neugründungen: Aktuell sind in der Region Gruppen zu den Themen Stottern, Aktiv sein trotz Krebs, Polyneuropathie, Histamintoleranz, Singlefrauen mit Familienwunsch, DBT-Übungsgruppe für Menschen mit emotional instabiler Persönlichkeit, Umwelterkrankungen, Burnout oder Alzheimer im Frühstadium in Planung.
• Studierende: In Zusammenarbeit mit den Studierendenvertretungen gibt es an der OTH laut KISS schon seit vielen Semestern Gesprächs- und Austauschgruppen. An der Universität sind derzeit sieben Pilotgruppen in der Findungsphase. Themen wie Neurodiversität, Depression, pflegende Angehörige oder chronische Erkrankungen stehen im Fokus.
• Kontakt: Erreichbar ist KISS Regensburg unter Tel. (09 41) 5 99 38 86 10 oder per E-Mail an kiss.regensburg@paritaet-bayern.de.