Rücken, Atemwege, Psyche: Regensburger sind drei Wochen im Jahr krank

Drei Erkrankungsgruppen sorgen für viele Fehltage im Job. Im Vorjahr gab es aber auch mehrere Infektionswellen in Regensburg. Und die Krisenzeit macht die Menschen anfälliger.
Die Zahl der Krankmeldungen in der Domstadt bleibt weiterhin hoch. Durchschnittlich 20 Kalendertage sind Beschäftigte 2024 ausgefallen. Die wichtigsten Gründe dafür sind Muskel- und Skelett-Probleme, Atemwegsinfekte und psychische Leiden. Das hat der Regensburger AOK-Direktor Gerhard Lindner bekanntgegeben. Die Daten beziehen sich auf Mitglieder der größten gesetzlichen Krankenkasse in Bayern. Laut Lindner beträgt der Anstieg der Regensburger Krankmeldungen im Vergleich zum Jahr davor knapp zwei Prozent.
Muskel- und Skelett-Erkrankungen verursachen im Schnitt fünf Ausfalltage. Die Haupttreiber sind nach Erfahrung des Orthopäden Dr. Thomas Katzhammer degenerative Erkrankungen, etwa an der Wirbelsäule. „Den meisten Menschen fehlt es an Bewegung“, sagt er. „Oft sitzen sie auch im Homeoffice stundenlang an ungeeigneten Büromöbeln.“ Lohnende Pausen mit ausgleichenden Bewegungsübungen könnten hier bereits gut Abhilfe schaffen.
Ebenso würden viele psychische Belastungen durch hohen Leistungsdruck und Angst vor Jobverlust als psychosomatische Krankheitsbilder auf die Wirbelsäule projiziert. Der Volksmund weise darauf hin mit den Sprichwort „Mir sitzt etwas im Nacken“. Der Facharzt des Orthopädie Regensburg MVZ im Gewerbepark appelliert an die Patienten, sich regelmäßig zu bewegen. Nordic Walking, Schwimmen, Auspowern auf dem Crosstrainer eigneten sich als gelenkschonende Sportarten besonders gut. „Aber egal, was Sie machen, Hauptsache, Sie machen was“, betont er.
Grippe, Keuchhusten und Co.
Wegen Atemwegserkrankungen sind Regensburger 2024 durchschnittlich gut viereinhalb Arbeitstage ausgefallen. Auch die Praxis von Dr. Stefan Semmler, Hausarzt in Lappersdorf und Oberpfälzer Bezirkschef des Bayerischen Hausärzteverbands, suchen zahlreiche Patienten mit diesen Erkrankungen auf. Die hohen Zahlen bei den Atemwegsproblemen führt der Internist auf die Erkältungswelle ab September 2024 und den ersten Anstieg bei den Corona-Infektionen zurück. „Gegen Grippe und Corona kann man sich impfen lassen.“
Über 60-Jährige sollten sich auch vor Lungenentzündung (Pneumokokken) schützen lassen, empfiehlt Semmler. Vor allem Betagte sollten eine RSV-Immunisierung in Betracht ziehen, weil sie besonders gefährdet sind. Beim RSV handelt es sich um das Respiratorische Synzytialvirus, das die Atemwege befällt. Aber auch bei Berufstätigen mittleren Alters hat Dr. Stefan Semmler RSV-Infektionen erlebt. „Die waren 14 Tage arbeitsunfähig.“ Ein Regensburger Lungenarzt erinnert sich an ein durchgehend hohes Aufkommen von Atemwegsinfektionen im Vorjahr, besonders bei Jüngeren. Ein wichtiges Thema in der Praxis war die Keuchhustenwelle. Auch eine Reihe von Lungenentzündungen, ebenfalls besonders bei Jüngeren, hat die Praxis beschäftigt.
Mehr als durchschnittlich drei Krankheitstage sind 2024 auf das Konto von psychischen Leiden gegangen. Professor Dr. Thomas Loew, Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin am Universitätsklinikum, gibt zu bedenken, dass wir in einer Krisenzeit mit Ukraine-Krieg und schwieriger Wirtschaftslage leben. „Die Menschen haben mehr Sorgen als früher.“
Außerdem leben mehr Leute alleine. Regensburg ist die Single-Hauptstadt Deutschlands. Viele fühlen sich einsam. „Das sind Risikofaktoren für Depression“, sagt Loew, der auch die Klinik für Psychosomatische Medizin am Donaustaufer Caritas-Krankenhaus St. Maria leitet. Ein weiterer Grund für die häufigen psychischen Leiden: Man könne sich heute leichter dazu bekennen. Patienten, denen es psychisch schlecht geht, rät der Psychiater, sich viel zu bewegen und aufzustehen, wenn es hell wird.
Die Industrie- und Handelskammer Regensburg für Oberpfalz/Kelheim (IHK) hört branchenübergreifend Klagen der Unternehmen über hohe Krankenstände. Wenn Mitarbeiter ausfallen, steigt die Belastung der übrigen Belegschaft. Viele Arbeitgeber hätten erkannt, wie wichtig Prävention ist, und schafften ein gesundes Arbeitsumfeld, beobachtet Karen Fisher, IHK-Referentin für Fachkräftesicherung. Das bestätigt Dr. Semmler für große Arbeitgeber wie Krones und BMW.
Einsamkeit ist ein Risikofaktor
Bei den DAK-Versicherten in Bayern waren ebenfalls Erkrankungen der Atemwege, von Muskeln und Skelett sowie der Psyche die Hauptgründe für Fehltage. Im Schnitt waren DAK-Versicherte laut Landeschef Rainer Blasutto 2024 bayernweit an 17 Tagen krankgeschrieben.
Nach Einführung der elektronischen Krankschreibung 2021, seit der Arzt-Atteste zur Arbeitsunfähigkeit automatisch bei den Krankenkassen eingehen, stieg die Zahl der Fehltage sprunghaft an.
Die DAK hat in einer Studie vom Januar herausgefunden, dass es sich vor allem um einen statistischen Effekt handelte. Die Einführung hat zu einer vollständigeren Erfassung geführt. Ein Übriges haben verstärkte Erkältungswellen und auch Corona-Infektionen getan.