Netflix-Serie „Adolescence“: Regensburger Psychologe über Gefahren im Internet

Wer heute aufwächst, für den sind Internet und soziale Medien eine Selbstverständlichkeit. Damit treten auch neue Fragen in der Erziehung auf: Wie frei sollte der Zugang sein und wann sind Jugendliche zu viel online? Welche Seiten und Medien bergen Gefahren für Heranwachsende? Der Regensburger Kinder- und Jugendpsychologe Dr. Stefan Hetterich gibt Entwarnung: Was Kinder von ihren Eltern brauchen, sei nicht anders als vor dem digitalen Zeitalter.
„Kinder sind in Fantasiewelten zu Hause“, sagt Hetterich. Und dafür hat das Internet eine Fülle von Angeboten: Spiele, soziale Medien oder Foren können eine in sich geschlossene Welt mit eigenen Regeln sein. „Viele dieser Welten sind stark gamifiziert“, meint der Psychologe. Das bedeutet: Viele Schauplätze online sind nach der Logik von Spielen aufgebaut. Sie locken mit schnellen und wiederkehrenden Erfolgserlebnissen. Erfolge, die in der echten Welt oft schwieriger zu erreichen sind. Der Knackpunkt liegt laut dem Psychologen nicht darin, dass diese Mechanismen für Kinder attraktiv sind. Die Unterscheidung muss allerdings klar bleiben.
Was passiert, wenn die Welten nicht mehr unterschieden werden, zeigt sich gerade auf dem Streaming-Giganten Netflix. Ungefähr einmal im Quartal kommt eine Serie auf den Plan, die Streaming-Rekorde bricht. Zuletzt war das der britische Vierteiler „Adolescence“, der von einem 13-Jährigen handelt, der so tief in einer Online-Subkultur verschwunden ist, dass er eine Mitschülerin aus Frauenhass ermordet. Die Geschichte legt den Finger in die Wunde vieler Eltern: Was machen die Kinder eigentlich den ganzen Tag im Internet? Die fiktiven Eltern der Serie stellen sich diese Frage reichlich spät, nämlich als auf der Polizeistation das Video abgespielt wird, auf dem der Sohn ein Mädchen ersticht.
Bindung zwischen Eltern und Kind ist entscheidend
Dass ein Kind so sehr in einer Online-Welt gefangen ist, wie die Hauptfigur Jamie aus der Netflix-Serie „Adolescence“, sei ein seltener Extremfall. „Es muss schon vorher etwas im Leben fehlen, damit der Transfer zwischen der Scheinwelt und der echten Welt nicht mehr funktioniert“, ist Hetterich überzeugt. Der Junge in der Serie ist Teil der Incel-Kultur. Incels („Involuntary Celibate“, zu Deutsch „unfreiwilliges Zöllibat“) sind überzeugt, dass Männer in der heutigen Welt mehr Schwierigkeiten haben als Frauen. Auch rechte Anschläge waren in der Vergangenheit mitunter von dieser Ideologie beeinflusst, so bezogen sich der Attentäter von Christchurch und der Attentäter von Halle auf Schriften aus der Incel-Szene.

Am Ende sei aber vor allem die Bindung zwischen Eltern und Kind entscheidend. Ist die vorhanden, sei es auch nicht entscheidend für Eltern, den Slang zu verstehen oder wie das eigene Kind auf der neuesten App aktiv zu sein. „Es ist ganz normal, dass sich Jugendliche abgrenzen wollen“, sagt Hetterich. Das zu verhindern, sei nicht die Aufgabe der Eltern. „Das, was früher die Bushaltestelle war, an der heimlich geraucht wurde, ist heute eine neue App.“
Das, was früher die Bushaltestelle war, an der heimlich geraucht wurde, ist heute eine neue App.
Dr. Stefan Hetterich, Kinder- und Jugendpsychologe

Vielmehr sollten Eltern Interesse an dem zeigen, wofür sich die Kinder interessieren. So könne man nachfragen, womit sie sich online beschäftigten, was sie an einem Spiel oder einer bestimmten Community beeindrucke. „Eltern werden auf diese Fragen zunächst keine Antwort bekommen, aber darum geht es auch nicht. Es geht vielmehr darum, dass die Frage in den Kindern arbeitet.“ Der Eindruck, dass sie sich auch an die Eltern wenden können, wenn es Schwierigkeiten gibt, sei viel entscheidender als eine für die Eltern befriedigende Antwort.
Die Identitätssuche steht im Mittelpunkt
Handlungsbedarf bestehe, wenn sich Entwicklungsschritte verzögerten, die Schule, die sozialen Kontakte leideten oder kein respektvoller Umgangston mehr in der Familie gewahrt werden könne. „Dann ist der erste Schritt, den Eltern angehen sollten, das Gespräch zu suchen.“ Später könnten auch Konsequenzen, wie eine zeitweise Einschränkung des Internetzugangs ergriffen werden. „Man kann zum Beispiel sagen, dass die Internetzeit bis zur nächsten Schulaufgabe eingeschränkt ist.“
„Je älter Jugendliche werden, desto wichtiger werden Gleichaltrige für sie“, erklärt Hetterich. Die Identitätssuche stehe dann im Mittelpunkt. Besonders die Frage, wer man in Beziehung zu anderen Jugendlichen ist. Das habe sich durch die technischen Möglichkeiten nicht verändert. Ebenso habe sich nicht verändert, was Kinder und Jugendliche von ihren Eltern brauchen. „Das sind Interesse, offene Augen und Ohren und eine gute Bindung.“ So wie es auch vor dem Internet war.