Radikalisierung: Salafisten predigen im Netz – In Schulen hakt es am Islamischen Unterricht

Von Friederike Klett · 8. April 2025 um 18:39

Die Moscheen in Deutschland stehen schon seit Jahren unter Beobachtung. Immer wieder wird die Frage gestellt, ob sich dort eine Radikalisierung, oft junger Männer, Bahn brechen kann, von der der Rest der Gesellschaft nichts ahnt. Auch in den sozialen Medien werden Botschaften verbreitet, die sich gegen das demokratische System richten. Können 160 Lehrkräfte in Bayern dieses Problem lösen?

Schauplatz TikTok: Oft stehen Konvertiten, deutsch aussehende bärtige Männer oder Frauen im Niqab, vor der Kamera. Sie reden so konservativ, wie es sonst eher der Generation ihrer Großeltern zugeschrieben wird. Dort betreiben sie „Da‘wa“, also Werbung für die ihrer Auffassung nach einzig richtige Ausrichtung des Islam – meist den Salafismus. Sie haben hunderttausende Zuschauer im deutschsprachigen Raum.

Eine Vertreterin der islamistischen Szene in den sozialen Medien ist Hanna Hansen – mit knapp 150.000 Followern eine der größten in Deutschland. Sie war bereits als Model und DJane tätig und Weltmeisterin im Kickboxen. Nach einer Verletzung beendete sie ihre Karriere, konvertierte zum Islam und ist seitdem Predigerin in der salafistischen Szene.

Angst vor der Hölle und Beamten

Hansen spricht in ihren Videos auf TikTok direkt zu ihren Zuschauern und rät ihnen, nicht zu lang mit einer Konversion zu warten, die sie auch als „Ticket ins Paradies“ bezeichnet. Eine schöne junge Frau erzählt ihren Zuschauern Schauergeschichten vor „Dschahannam“, der Hölle in der islamischen Lehre. Die Rettung davor ist, eine strenge Ausrichtung des Islam zu leben. Keine Verfehlungen sind akzeptabel. Natürlich soll man auch neue Mitglieder missionieren.

In einem seiner Videos beschwert sich Suhraib Hoffmann über eine Frage aus dem Einbürgerungstest. „Ein Muslim in Deutschland will die Staatsbürgerschaft und wird von den Beamten gefragt, ob es ein Kalifat in Deutschland geben sollte.“ Der Staat wolle Muslime zwingen „von ihrem islamischen Standpunkt abzulassen und sich von ihren islamischen Überzeugungen zu entfernen“. Er ist ein Aushängeschild der islamistischen Bewegung Hizb ut-Tahrir (HuT) in Deutschland. Ihr Ziel ist die Errichtung eines globalen Kalifatstaates.

Kein Religionsunterricht für muslimische Schüler

Die Videos von Hoffmann und Hansen richten sich vor allem an eine Gruppe: junge Muslime. Sie erklären die Gebetspraxis und interpretieren Koransuren. Sie erklären, welche Fehler ein Gebet ungültig machen würden und ordnen das aktuelle politische Geschehen aus ihrer Sicht ein. Kurzum die Kanäle der Islamisten übernehmen eine Aufgabe, die eigentlich dem Schulunterricht zufallen sollte.

Der Religionsunterricht ist in Bayern in der Verfassung verankert. Vor allem christliche – aber auch jüdische – Schüler haben ein Recht darauf, in der Schule auch über ihre Religion zu lernen. Für den Stoff sind die Kirchen oder die jeweilige jüdische Gemeinde zuständig, wie auch das Kultusministerium. Für muslimische Kinder gilt das alles nicht. Das liegt daran, dass keine muslimische Gemeinde bisher die Voraussetzungen dafür erfüllt. Denn um den Religionsunterricht an staatlichen Schulen verantworten zu können, muss die Gemeinde eine Körperschaft öffentlichen Rechts sein.

Die Folge von dieser Lücke kann Orientierungslosigkeit sein, auf die Influencer wie Hoffmann, Hansen und die HuT vermeidliche Lösungen haben. Auf der HuT-Website kalifat.com finden sich viele Schriften, die kostenlos zum Download zur Verfügung stehen. Darunter beispielsweise ein Buch mit dem Namen „Die Demokratie ist ein System des Unglaubens – Ihre Übernahme, Anwendung oder Propagierung ist verboten“.

Eine Alternative hat der Lehrstuhl für Islamische Religionslehre/-pädagogik an der Universität Erlangen geschaffen. Der Lehrstuhlinhaber Prof. Tarek Badawia verantwortet das bayerische Konzept, für einen religionswissenschaftlichen Islamischen Unterrichts an den Schulen. „Der Unterricht, den wir machen, ist nicht konfessionell, sondern religionskundlich“, erklärt er. Denn das wäre rechtlich wegen der fehlenden Gemeinde nicht möglich. „Aber wir denken rein pädagogisch. Uns geht es um die Kinder.“

Das bedeute: „Die Inhalte, die unterrichtet werden, sind zwar muslimisch, unsere Herangehensweise ist es aber nicht“, erklärt Badawia. Das gebe ihnen auch die Möglichkeit mitunter islamkritische Inhalte einzubeziehen. Außerdem orientiert sich das Fach so nicht an einer bestimmten Strömung. „Alle konfessionellen Zugehörigkeiten, die die Kinder mitbringen, sind willkommen“, sagt er.

Kultusministerium: „Moderater Ausbau“ geplant

Vielmehr sei der Schwerpunkt des Unterrichtsfaches Demokratisierung und Pluralismus zu unterrichten. Und damit ginge auch Prävention vor Radikalisierung einher. „Alles findet auf Deutsch statt, das ist ganz zentral.“ Damit steht der Islamische Unterricht an den Schulen dem in den Moscheen gegenüber, der meist auf Arabisch, Türkisch oder Persisch stattfindet. Die Grenzen der Sprache werden auch die Grenzen der eigenen Gemeinde. Gleichzeitig bildet er damit auch einen Gegensatz zu den Videos in den sozialen Medien, die immer gespickt sind mit arabischen Phrasen und leicht übersetzbaren Worten. „Wir wollen den Schülern zeigen, dass es diesen Platz für sie gibt in der Gesellschaft“, sagt Badawia. Salafistische Influencer machen eher den Anschein, als wollten sie ihre Zuschauer von der deutschen Gesellschaft entfernen.

Seit etwa zwei Jahren ist der Islamische Unterricht nun Wahlpflichtfach an bayerischen Schulen. Allerdings bei weitem nicht überall: Laut dem Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus wurde der Unterricht im Schuljahr 2024/25, wie er in Erlangen entwickelt wurde, an 406 Schulen angeboten. In Oberbayern waren es 134, in Niederbayern 33 und in der Oberpfalz 30. Nicht in den Zahlen enthalten sind Berufsschulen, an denen das Angebot auch immer weiter ausgeweitet wird. Der Ausbau solle laut Ministerium „moderat“ weitergeführt werden. „Das hängt von den zur Verfügung stehenden Stellen, der Nachfrage an den Schulen und den verfügbaren Lehrkräften ab“, so das Kultusministerium auf Nachfrage. Eine Zielstellung, an wie vielen Orten der Unterricht noch ausgebaut werden soll, gebe es nicht. Und die wäre ohnehin schwer realisierbar: Es gibt bayernweit nur 160 Lehrkräfte.

Dabei ist der Islamische Unterricht an staatlichen Schulen eine einzigartige Möglichkeit, wie es Tarek Badawia erklärt. „Diesen Treffpunkt muslimischer Vielfalt gibt es nur in der Schule“, sagt der Professor. Nur über diesen Weg könne man tatsächlich die große Mehrheit der muslimischen Schüler erreichen – und das über Jahre und meist wöchentlich. Solche Möglichkeiten bietet kein anderer gesellschaftlicher Raum. Und noch etwas: Man würde fragwürdigen Personen im Internet nicht die Hoheit der Wissensvermittlung überlassen und Radikalisierung damit den Weg freiräumen.