Am Küchentisch und beim Rappen – Wie die Parteien auf TikTok um junge Wähler kämpfen

Von Friederike Klett · 28. Januar 2025 um 05:00

Robert Habeck (Grüne) sitzt bei den Bürgern in der Küche und hört sehr aufmerksam zu, Caren Lay (Linke) rappt auf Shirin Davids Sommerhit „Bauch Beine Po“ für Gleichberechtigung und Alice Weidel (AfD) zeigt sich in Einigkeit mit Milliardär Elon Musk. Der Schnellwahlkampf zur Bundestagswahl hat TikTok übernommen.

Noch zur Europawahl im vergangenen Jahr haben sich die meisten Parteien auf dem sozialen Medium TikTok stark zurückgehalten. Einzig die AfD hatte sich bereits eine Art Heimvorteil auf der Plattform erarbeitet, der sich auch deutlich bei den Wählerstimmen in der jüngeren Altersklasse zeigte. Nun, zur Bundestagswahl, kristallisieren sich bei den jeweiligen Kanzlerkandidaten verschiedene Strategien heraus.

TikTok war lange Zeit in Verruf im politischen Betrieb. Die chinesische App des Konzerns Bytedance wird nämlich für ihren Umgang mit Datenschutz kritisiert und steht auch immer wieder unter Spionageverdacht. Das ist auch der Grund dafür, dass TikTok am 19. Januar in den USA abgeschaltet wurde, nur um am nächsten Tag wieder da zu sein.

Bundeskanzler-Account: Dreht sich nicht mehr um Aktentaschen

Bei Union und SPD wird TikTok bespielt wie jede andere Plattform, auf der die Parteien Wahlkampf führen. Besonders die CDU scheint die Wichtigkeit des sozialen Netzwerkes noch zu unterschätzen. Friedrich Merz (CDU) wird allerhöchstens beim Händeschütteln gesehen, in den meisten Videos steht er an einem Pult und hält eine Rede. In wenigen Videos richtet er sich direkt an die Kamera, begrüßt die Zuschauer – sehr unüblich für die Plattform – mit „liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger“. Auch die Kommentare lassen darauf schließen, dass Merz – der mit seiner Partei die Umfragen anführt – keine große Anhängerschaft auf der App hat.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sitzt zumindest mit Handy in der Hand im Kanzleramt und reagiert auf Kommentare. „Olaf Scholz“, schreit ein junger App-Nutzer in sein Handy. „Mach die Preise runter!“ Scholz antwortet darauf, wie er in den vergangenen Jahren immer aufgetreten ist. Im besten Falle als Besonnenheit, im schlimmsten Falle als Langeweile ausgelegt, erklärt er, dass die Bundesregierung nicht dazu in der Lage ist, die Preise in der Privatwirtschaft zu regulieren.

Doch die Phase, in der alle dachten, dass sich der TikTok-Account von Olaf Scholz nun vorrangig um kultige Videos über seine Aktentasche drehen würde, ist vorbei. Zwischendurch zeigt er sich zwar in etwas anderen Situationen: Als Gast in der beliebten Internet-Show „World Wide Wohnzimmer“ oder mit einem Kinderreporter des Kinderkanals. Allerdings sieht, aber hört man den Bundeskanzler dabei nicht. Es werden ihm Fragen gestellt und er lacht in die Kamera – die Antworten wurden anscheinend von seinem Social Media Team herausgeschnitten.

Weidel und Habeck haben begeisterte Anhängerschaft

Auch Alice Weidel, Kanzlerkandidatin der AfD, scheint auf den ersten Blick nicht viel Innovation in ihren TikTok-Account gesteckt zu haben. Wie bei Merz werden meist kurze Auszüge aus ihren Reden gezeigt. Ein Ausreißer: Die AfD-Kandidatin hat auf ihrem Profil auch einige Clips aus ihrem Gespräch mit Elon Musk, reichstem Mann der Welt und Vertrauten des US-Präsidenten Donald Trump. Die beiden zeigen sich in Einigkeit beim Reden über Deutschland und ihren Schlüssen daraus, wie beispielsweise über die politisch linke Ausrichtung von Adolf Hitler. Aber vor allem eines unterscheidet Weidel von Merz: Die AfD-Kandidatin hat eine andere Schlagkraft als der Christdemokrat. Die liegt in der Plattform selbst, deren Algorithmus die AfD bevorzugt. Denn auf TikTok war die AfD lange Zeit die einzige Partei war, die sich überhaupt die Mühe gemacht hat, ihre Inhalte zu verbreiten. Außerdem will die App, dass die Nutzer möglichst viel Zeit mit den Videos verbringen und das funktioniert am besten mit polarisierenden Inhalten. Auch das ist ein Vorteil für die AfD.

Blaue Herzen in den Kommentarspalten und viele Fürsprecher dienen dem Wahlkampf der AfD. „Ich möchte, dass Alice Weidel Kanzlerin wird“, sagt eine junge Frau in die Kamera. Das Video wurde etwa 220.000 Mal mit einem Herzen markiert. „Außerdem passt sie doch eh perfekt ins Bild“, fährt die Creatorin fort. „Frau, lesbisch, mit einer Dunkelhäutigen verheiratet – Was wollt ihr Woken mehr?“ Solche Videos von rechtsgerichteten jungen Menschen gibt es zahlreich. Und ihre Unterstützung hat meist Alice Weidel.

Es ist ein Experiment: Was sind die ersten Videos, die auf einem vollkommen neuen Account angezeigt werden, wenn der Algorithmus noch nichts von den Vorlieben des Nutzers weiß? Lang scrollt man durch Videos von AfD-Anhängern, in denen beschworen wird, dass die Partei am rechten Rand Deutschland retten sollte.

Der einzige Kandidat, der neben Alice Weidel den Effekt der kämpferischen Fan-Videos hat, ist Robert Habeck – auch wenn die weniger geteilt und mit „Gefällt mir“ markiert sind als bei Alice Weidel. Es gibt den Account „Robrathq“ – eine Anspielung auf das Pop-Album „Brat“ der Sängerin Charli XCX aus dem Sommer und auf den US-Wahlkampf der demokratischen Kandidatin Kamala Harris. Harris hieß über ihren Wahlkampf hinweg Kamala Brat HQ auf TikTok, nachdem sie von der Sängerin dadurch ausgezeichnet wurde, „Brat“ genannt zu werden.

Robert Habeck flätzt an Küchentischen und hört zu

Schon bei der Verkündung seiner Kanzlerkandidatur hatte Habeck – wenn auch über X (ehemals Twitter) – sich am US-Wahlkampf bedient. Auch der Grünenkandidat gab sich – wie in Amerika üblich – betont popkulturell. Einerseits trug er ein selbst gebasteltes Armband, wie sie bei den Konzerten der Sängerin Taylor Swift unter Fans getauscht werden. Darauf stand auch noch „Kanzler-Era“. Als die „Eras“ bezeichnet Swift ihre verschiedenen Schaffensphasen, die immer mit einem Album und einer neuen Ästhetik daherkommen. Außerdem summt Habeck „Zeit, dass sich was dreht“ von Herbert Grönemeyer – kurz darauf hat der Sänger ihm und allen anderen Parteien verboten, den Song weiter zu benutzen.

Mittlerweile sitzt Habeck auf seinem eigenen Kanal meist an den Küchentischen beliebiger Bürger. Dort hört er in Videos, die für die Plattform sehr lang sind, vor allem zu. Bei einem Paar sitzt er betont gemütlich in der Wohnung, es wird sich geduzt. „Mir geht es darum, einen gesellschaftlichen Raum aufzumachen, wo Leute miteinander normal reden, ohne sich anzubrüllen, ohne sich zu belehren“, sagt Habeck mit dem Kopf im Arm gestützt, fast flätzend.

Eine weitere Gemeinsamkeit – neben den engagierten Unterstützern – zwischen Habeck und Weidel fällt auf: Die Kommentare sind von scheinbaren Anhängern geflutet. „Robert Habeck ist der einzige Kandidat, der Politik nicht nur für Menschen, sondern vor allem mit den Menschen gestalten möchte“, schreibt ein Nutzer. Unter einem Video von Alice Weidel stehen Kommentare wie „Alice, rette unser Land“ oder „Was für eine tolle Rede“.

Gregor Gysi als Weihnachtsmann und Miethaie als Fischstäbchen

Aus dem Rahmen fällt vor allem eine Partei, die allerdings keinen Kanzlerkandidaten stellt: Die Linke verfolgt eine TikTok-Strategie mit Rap und Gesang. Vor allem die Bundestagsabgeordnete Caren Lay dichtet Lieder wie „Bauch Beine Po“ von Shirin David, „Mietfrei“ von Ski Aggu oder den Weihnachtsklassiker „Santa Baby“ um. „Du bist schlau, du bist stark, du bist supermegahot. Du glaubst, du kannst nicht? Glaub mir du kannst“, rappt sie den Zuschauern in einem Musikvideo im Bundestag vor.

Gregor Gysi wird von ihr als Weihnachtsmann angesungen, von dem sich Lay einen Mietendeckel wünscht. In einem anderen Video geht es um Miethaie, die endlich zu Fischstäbchen verarbeitet werden sollen. Dabei hat die Strategie der Linken auch ein anderes Ziel als die der übrigen Parteien. Sie will keine Regierungsbeteiligung, sondern überhaupt in den Bundestag einziehen.