Preußler, Dostojewski, Tolstoi: Wie TikTok junge Menschen zum Lesen bringt

Von Friederike Klett · 29. Mai 2024 um 05:00

Lesen ist wieder cool. Auf der Plattform TikTok empfehlen sich vor allem junge Menschen gegenseitig Bücher – mit Folgen auch für den Handel.

Eine junge Frau auf TikTok schaut schuldbewusst in ihre Handykamera. Sie klingt bedrückt, denn ihre Anhänger werden nun mit weniger Empfehlungen als sonst auskommen müssen, sie hat in diesem Monat nämlich erst sieben Bücher gelesen. In einem anderen Video ruft der sogenannte Creator laut „Krabat“ ins Mikro und fragt dann, wie viele seiner Zuschauer aufgesprungen und an ihre Bücherregale gerannt sind, um diesen Titel dort zu suchen.

Wieder mehr junge Kunden in Buchhandlungen

In sozialen Medien wie TikTok und Instagram liegen Bücher voll im Trend – egal ob neue Werke oder alte Klassiker. Vor allem junge Menschen besprechen dort Literatur. Eine Gruppe, von der ältere Generationen oft denken, sie würde gar nicht mehr lesen. Doch ausgerechnet TikTok, das wegen Datenschutzmängeln in die Kritik geraten ist, hat die Buchszene wiederbelebt – und damit auch Einfluss auf den Handel. Laut TikTok wurde der Hashtag „BookTok“, unter dem sich alle sammeln, die in kurzen Videos Buchrezensionen verbreiten, bereits über 130 Milliarden Mal aufgerufen. Eine unglaubliche Zahl, schließlich ist es noch nicht lange her, dass das Medium Buch totgesagt wurde.

Und die Zuschauer bleiben nicht nur an den Videos hängen. Nina Hugendubel, Geschäftsführerin der deutschlandweit verbreiteten Kette Hugendubel, sagte unserer Zeitung: „Die Präsenz junger Kunden ist in allen Filialen deutschlandweit gestiegen. Das Lesen ist wieder cool geworden.“ Dabei profitieren laut dem Unternehmen besonders Titel aus den Genres Young Adult (Junge Erwachsene) und Romantasy (eine Mischung aus romantischer und fantastischer Literatur).

Auch ältere Titel werden durch TikTok wieder modern

Aber nicht nur Neuerscheinungen und reine Unterhaltungsliteratur schaffen es über die sozialen Medien, die Begeisterung der jungen Generation auf sich zu ziehen. „Wir sind auch von einzelnen Titeln überrascht, die durch die Communities gehypt werden“, sagt Karin Senft, Sprecherin des Regensburger Verlags und der Buchhandelskette Bücher Pustet. Die Überraschungen seien meist positiv. „Aktuelles Beispiel: Hanya Yanagihara, ,Ein wenig Leben‘.“

Der Roman der US-amerikanischen Schriftstellerin aus dem Jahr 2015 erzählt das Leben von Jude und seinen Freunden. Jude ist ein Anwalt in New York, gesundheitlich schwer angeschlagen. Er kämpft mit Traumata aus seiner schrecklichen Kindheit. Yanagiharas Buch behandelt die Frage, ob persönliches Glück nach grausamen Erlebnissen noch möglich ist. Es wird auf TikTok gefeiert. Tausende Videos, wie „Was ich gern gewusst hätte, bevor ich ,Ein wenig Leben‘ gelesen habe“ oder Videos von weinenden jungen Frauen, mit dem Titel „Nach der letzten Seite von ,Ein wenig Leben‘“ finden sich dort.

Es wird „mehr Buch konsumiert als gelesen“

Es ist teilweise ein performativer Akt – immer aktuell zu sein und immer mehr zu lesen. Die Creator übertreffen sich gegenseitig damit, wie viele Bücher sie bereits im laufenden Monat gelesen haben und vergleichen ihre „Subs“ (Stapel ungelesener Bücher). „Ist noch jemand so gestresst von seinem eigenen Sub“, fragt eine junge Frau ihre Anhänger. „Ich bin nämlich komplett überfordert.“

Das kennt auch der BookToker Thomas Sachsenmaier. „Es wird, glaube ich, teilweise mehr Buch konsumiert als gelesen, der sogenannte Sub ist bei vielen meiner Follower hoch“, sagte er der Mediengruppe Bayern. Trotzdem bleibe das verbindende Element in der Szene die Lust am Lesen und der Austausch über subjektive Wahrnehmung.

Debatten über die beste Tolstoi-Übersetzung

Aber nicht jede BookTok-Debatte ist performativ. Man täte der Szene unrecht, sie als Show-Leser abzutun. Eine amerikanische BookTokerin etwa vergleicht in einem Beitrag verschiedene englische Übersetzungen von Leo Tolstoi. Sie nennt zu jeder Vor- und Nachteile, möchte aber keine generelle Empfehlung abgeben, „weil diese Auseinandersetzung schnell hitzig wird“. Es müsse am Ende jeder die richtige Übersetzung für sich selbst finden.

Andere stellen die Frage, mit welchem Buch man anfangen sollte, wenn man in das Werk von Fjodor Dostojewski einsteigen will – „mit ,Der Idiot‘ beginnen, wenn einem das zu lang ist, zuerst ,Notizen aus dem Untergrund‘ lesen“. „Schuld und Sühne“ steht auf TikTok ebenfalls hoch im Kurs. Eine Creatorin sagt, dass seit diesem Buch Literatur für sie versaut sei, weil sie nie wieder etwas so berühren werde. Der russische Autor des 19. Jahrhunderts bekommt von vielen fünf von fünf möglichen Sternen.

BookToker: „Ich wusste nicht, dass das so ein Ding ist“

Thomas Sachsenmaiers Videos können in der Mitte dieser beiden Extreme verortet werden. Er rede teilweise über Titel, die gerade im Trend liegen, also auf vielen Accounts besprochen werden; aber in den meisten Fällen bleibe er bei dem, was er privat gern liest, erzählt er. „Ich wusste lange nicht, dass BookTok und Bookstagram so ein Ding sind.“ Dann habe er sich aber mehr mit der Szene auseinandergesetzt und vor etwa sechs Monaten begonnen, selbst Videos zu produzieren. „Ich dachte mir: Komm, probier’s mal aus – vielleicht hört dir ja jemand zu.“

Sachsenmaiers Videos behandeln Hochliteratur wie Jane Austens „Stolz und Vorurteil“, immer wieder die Werke seines Idols Stephen King, aber auch hin und wieder einen Liebesroman. Er kommt hörbar aus Schwaben und sitzt in seinen Videos meist auf einem geblümten Ohrensessel. Ein Buch, das er nicht empfiehlt, schmeißt er in Denis-Scheck-Manier hinter sich. Wenn ihm etwas sehr gefällt, dann wird er aufgeregt, singt fast.

Literaturbranche geht auf Szene ein

Auch die Literaturbranche versucht vermehrt, auf die Szene einzugehen. Ein extra Ausstelltisch in Buchhandlungen, in denen es der Platz erlaubt, ist mittlerweile Standard geworden. Dort liegen dann die aktuellen TikTok-Trends. Ketten, wie beispielsweise Thalia oder Hugendubel, unterhalten Kanäle, auf denen sie Empfehlungen geben oder ankündigen, welche Titel bald in deutschen Übersetzungen erscheinen. „Dort sichtbare Titel werden von jungen Kunden vermehrt nachgefragt“, sagt Christina Herrmann, Pressesprecher von Hugendubel. Bücher Pustet produziere bereits Inhalte für einen TikTok-Account, der soll in den nächsten zwei Wochen online gehen.

Die klassischen Medien und kleinere Buchhandlungen reagieren auch. Der Bayerische Rundfunk etwa betreibt den Kanal „Literally“, auf dem die beiden Kulturredakteure Miriam Fendt und Knut Cordsen abwechselnd Videos zu alten und neuen Büchern machen. Der Instagram-Account des 83-jährigen Antiquariatsbesitzers Klaus Willbrand erreicht mit seinen Videos über Proust oder die wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts über 63000 Follower. Die Rückkehr der Belletristik hat viele Profiteure. In erster Linie aber die Literatur.

Thomas Sachsenmaier empfiehlt auf TikTok und Instagram Literatur. Insgesamt folgen ihm etwa 30 000 Menschen. − Foto: Sachsenmaier