Immer mehr Erwachsenen wird ADHS diagnostiziert – Betroffene: „Ich habe keine Superkraft“

Von Friederike Klett · 2. März 2025 um 09:31

ADHS ist in den vergangenen zwei Jahren immer präsenter geworden. Im Internet kommt man blitzschnell an vermeidlich medizinische Selbsttests. Das hat Folgen für die Betroffenen und auch für das medizinische System. Auch wenn es früher einige Missverständnisse bei der Diagnose gab – Nicht jeder, der es von sich selbst vermutet, hat tatsächlich ADHS.

„Es ist als hätte ich 300 Affen im Kopf“, sagt Mareike Raillon. Sie wurde vor zwei Jahren – da war sie 37 Jahre alt – mit ADHS diagnostiziert. Den Verdacht hatte sie schon viel länger. „Erstmals habe ich mit 27 eine Diagnose bekommen, damals für Depressionen und Borderline“, erzählt sie am Telefon. Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung, die sich unter anderem durch Schwierigkeiten mit der Emotionsregulierung auszeichnet. An Depressionen leide sie zweifelsohne, sagt Raillon. Aber mit der Borderline-Diagnose konnte sie sich nie wirklich identifizieren. Als sie schließlich vor zwei Jahren in eine psychiatrische Ambulanz ging und einen Test auf ADHS verlangte, war sie bereits Mutter. Die darauf folgende Diagnose war eindeutig: Raillon hat stark ausgeprägtes ADHS.

Mehr und mehr Menschen suchen besonders im Erwachsenenalter nach Erklärungen, warum ihnen manches schwer fällt. Davon kann auch Prof. Berthold Langguth, Chefarzt in der Klinik für Psychiatrie am medbo Bezirksklinikum Regensburg, ein Lied singen. „Wir erleben eine deutliche Zunahme an Menschen, die selbst den Eindruck haben, dass sie ADHS haben und sich an uns wenden“, sagt Langguth. Das ginge auch in den meisten Fällen von den Patienten aus. „Es ist nicht so, dass der Hausarzt ihnen gegenüber die Vermutung äußert, dass das Syndrom vorliegen könnte.“ Aber: Nicht jeder, der mit der Vermutung zu Langguth und seinem Team kommt, hat auch wirklich ADHS. „Bei einem erheblichen Teil, können wir es aber tatsächlich feststellen.“

Trendthema in den sozialen Medien

Warum aber finden immer mehr Menschen Anzeichen des Syndroms bei sich selbst? In den sozialen Medien gibt es seit einigen Jahren eine regelrechte Schwemme an Beiträgen, die mit ADHS zusammenhängen. „Drei Symptome, von denen Du niemals geglaubt hättest, dass sie auf ADHS hinweisen“, „Diese Schwierigkeiten haben Menschen mit ADHS im Sexleben“, „Diese sechs Symptome habe ich alle bei mir selbst beobachtet“ oder „Menschen mit ADHS vermissen nicht“. Diese Videos sind oft von Betroffenen und an andere Betroffene gerichtet – erreichen aber viel mehr.

Mareike Raillon beobachtet diese Schwemme mit großer Skepsis. „Jedes dritte Video, das mir auf Instagram vorgeschlagen wird, hat mit ADHS zu tun.“ Und die verbreiteten Inhalte erwecken bei der Betroffenen den Eindruck, dass es sich mehr um ein Trendthema handele, als um ernst gemeinte Aufklärung. „Ich würde ihnen manchmal gern meine Wohnung zeigen. Ich prokrastiniere nicht, ich vegetiere. Ich bekomme meinen Haushalt nicht geregelt. Ich kann nicht mehr arbeiten gehen.“

Wäre ihr Mann nicht, könne es vorkommen, dass Raillon zwei Wochen lang nicht duscht, einfach weil sie es vergisst. „Meine Blase ist komplett geschädigt – denn auf Toilette zu gehen ist extrem schwierig für mich. Es kommt vor, dass ich Harndrang über acht Stunden ignoriere, bis es eben nicht mehr geht.“ Von solchen Problemen ist auch im Diagnosebogen von Raillon die Rede, der der Mediengruppe Bayern vorliegt. Darin ist auch angemerkt, dass Raillon soziale Probleme hat. „Sie hasse Menschen, weil diese laut sind und nerven“, steht darin. „Das sind keine schönen Dinge, mit denen man gern nach draußen geht“, sagt sie.

Wo liegt die Grenze zur Krankheit?

Aber nicht bei allen Menschen mit ADHS sind die Symptome so stark ausgeprägt wie bei Raillon. Vielmehr sei es schwer, eine klare Trennlinie zwischen Schwierigkeiten im normalen Rahmen und einem Krankheitsbild zu ziehen. „Ich würde es so einordnen, dass es ein Kontinuum ist“, sagt Prof. Langguth. Denn bei ADHS handelt es sich um ein Syndrom. „Darunter versteht man, dass verschiedene Symptome zusammen vorhanden sind. Beim Schweregrad und der Ausprägung besteht aber eine große Vielfalt.“ Denn: Jeder von uns sei ablenkbar. Manche leichter, manche schwerer. „Müde bin ich zum Beispiel leichter ablenkbar als ausgeschlafen. Deswegen bin ich aber noch nicht krank, wenn ich müde bin“, so der Psychiater.

Dadurch, dass die Symptome von ADHS letztendlich – stärker oder weniger stark ausgeprägt – jeden Menschen betreffen, kann schnell ein Verdacht entstehen. Und der lässt sich im Internet schnell bestätigen: Es finden sich raue Mengen an Fragebögen, sogenannten „Selbsttests“, die zur Einschätzung dienen sollen, ob bei einem selbst ADHS vorliegen könnte. „Das sind ehrlicherweise nur Screeningbögen“, sagt Langguth. Das bedeutet, sie können eine Wahrscheinlichkeit herausarbeiten, ob das Syndrom bei einer Person vorliegen könnte, „aber die können niemals sicher feststellen, ob jemand tatsächlich ADHS hat“.

Mareike Raillon ist überzeugt, dass bei den Selbsttests der Schaden den Nutzen überwiegt. „Das sind total allgemeine Fragen, auf die man da antwortet“, sagt sie. Eine echte Diagnose von einem Arzt werde mit anderen – äußerst präzisen – Fragen gestellt. „Wir bitten unsere Patienten für eine Diagnose meist darum, ihre Zeugnisse aus der Grundschule mitzubringen“, erklärt Langguth. Dort stünden dann gewisse Formulierungen, die darauf hinweisen können, dass schon im Kindesalter ADHS vorlag. Ein Aspekt, der laut Raillon bei ihrer Diagnose abgefragt wurden: Ob sie sich als Kind oft eingenässt hat. Das Problem damit, auf die Toilette zu gehen, wird meist im Kindesalter schon deutlich.

Das Lebensumfeld ist entscheidend

Auch der Lebenskontext ist oft entscheidend, ob ADHS bei einer Person als Krankheit und damit als behandlungsbedürftig eingestuft wird, sagt Langguth. Ein Beispiel ist der schweizer Journalist und Kolumnist Constantin Seibt. Er hatte schon lange den Verdacht, dass auch er ADHS haben könnte, ging damit aber nicht zum Arzt. Denn seine Arbeit konnte er auch mit dem Syndrom gut erledigen, seine jeweiligen Chefs akzeptierten gewisse Unzuverlässigkeiten, die damit einhergingen. Erst als er mit 50 beschloss, ein Magazin zu gründen, ließ sich Seibt diagnostizieren und begab sich in Behandlung. Auf einmal hingen mehr Menschen von dem ab, was in seiner Verantwortung lag – darunter eben auch das, was ihm schwer fällt: Bürokratie und anderes Organisatorisches.

Für Langguth zeige das Beispiel, dass der Lebenskontext sehr entscheidend ist, inwiefern eine Behandlung benötigt wird. „Wir haben auch Patienten, die die Medikamente in bestimmten Situationen nehmen – zum Beispiel Studenten, die sich auf eine Prüfung vorbereiten – und in anderen nicht“, erklärt er. Zum Beispiel im Urlaub seien viele glücklich damit, wenn die Gedanken hie und da abdriften. Andere bräuchten die Medikation auch dann, weil sie sich sonst gar nicht strukturieren könnten.

Raillon ist überzeugt, dass ihr eine Therapie besonders helfen würde. „Ich stehe auf sechs Wartelisten und bekomme keinen Platz“, sagt sie. Seit zwei Jahren sind alle Plätze in ihrer Gegend, im Speckgürtel von Köln, belegt. Die 39-Jährige vermutet, dass auch die Schwemme an Menschen, die durch die sozialen Medien vermuten, dass sie ADHS haben, schuld daran ist.

Betroffene sind stärker gefährdet

Und auch die Art und Weise, in der mitunter über ADHS gesprochen wird, stört Mareike Raillon. So auch, dass besonders der Hyperfokus als „Superkraft“ bezeichnet wird. „Ich habe keine Superkraft“, sagt sie. „Ich bin zu 30 Prozent schwerbehindert. Das ist kein Spaß.“ Einige würden sich aber mit einer solchen Diagnose schmücken wollen, etwas besonderes sein. Das schade den Betroffenen, meint Raillon, denn das verzerre das öffentliche Bild der Krankheit.

Dabei stimme es, dass Menschen mit ADHS in manchen Kontexten auch Vorteile haben, ist Langguth sicher. Einige sind besonders kreativ, einige können in sehr stressigen Situationen extrem gut reagieren. „Es wäre aber zu positiv, wenn man sagt, dass Menschen mit ADHS in manchen Dingen Stärken und in anderen Dingen Defizite haben“, ordnet er ein. Denn in vieler Hinsicht sind Menschen mit dem Syndrom eher gefährdet. „Sie haben ein höheres Risiko für Suchterkrankungen, dafür, in der Arbeit zu scheitern – gekündigt zu werden, dafür, dass Beziehungen scheitern und für Unfälle.“

Für viele Menschen mit ADHS ist das Syndrom lebenslang ein Thema, wie auch mögliche Folgeerkrankungen wie Depressionen. „Bei mir wird es mit jedem Jahr schlimmer“, sagt Mareike Raillon. Schon lang sei sie nicht mehr in der Lage zu arbeiten. Und die Krankheit ist erblich. Ihre Tochter, neun Jahre alt, steht gerade auch kurz vor einer Diagnose. Den Leidensweg, den ihre Mutter bis zu einer Diagnose zurückgelegt hat, müsste sie dann aber nicht gehen.

Prof. Berthold Langguth ist Chefarzt in der medbo Psychiatrie in Regensburg. − Foto: medbo KU/Matthias Eckel
Mareike Raillon hat stark ausgeprägtes ADHS. − Foto: Mareike Raillon