„Ein unerfüllter Kinderwunsch macht einsam“: Regensburgerin gründet Selbsthilfegruppe

Zwischen unbedachten Fragen, ungewollten Ratschlägen und unzähligen Arztterminen fällt es Betroffenen mit unerfülltem Kinderwunsch oft schwer, ihre Ängste und Sorgen zu teilen. Aus diesem Grund hat eine 34-jährige Regensburgerin die Selbsthilfegruppe „Everyone but us“ ins Leben gerufen.
Seit rund drei Jahren versuchen Hanna Müller und ihr Ehemann, eine Familie zu gründen. Anfang des Jahres hatte es zunächst geklappt mit einer Schwangerschaft. Doch dann erlitt die 34-Jährige eine Fehlgeburt. „Im ersten Moment scheint es so, dass es niemanden gibt, dem es ähnlich geht“, sagt sie über diese Zeit. „Auch von medizinischer Seite habe ich danach wenig Betreuung erhalten, die mich hätte auffangen können.“
Hanna Müller heißt eigentlich anders. Ihren echten Namen möchte sie aber nicht in der Zeitung lesen. „Ein unerfüllter Kinderwunsch ist immer noch ein Tabuthema“, sagt sie. Selbst in der Kinderwunschklinik, in der sie in Behandlung ist, würde man nicht mit anderen Betroffenen ins Gespräch kommen. „Das ist eigentlich absurd“, sagt sie. „Aber natürlich ist das für viele eine angespannte Situation. Der Gang dorthin kostet Überwindung.“
Selbsthilfegruppe für unerfüllten Kinderwunsch: „Alle außer uns“
Um über ihre Sorgen und Ängste zu sprechen, aber einfach auch, um Erfahrungen auszutauschen, hat Müller deshalb über KISS – die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe in Stadt und Landkreis Regensburg – die Selbsthilfegruppe „Everyone but us“ gegründet. Zu dem Namen – zu Deutsch: „Alle außer uns“ – hat sie eine schwedische Fernsehserie inspiriert. „Es geht darin um ein junges Paar, das ungewollt kinderlos ist – und obwohl es viele traurige Momente gibt, wird die Geschichte mit viel Leichtigkeit erzählt. Deshalb fand ich diesen Titel so passend.“
Willkommen sind in der neugegründeten Gruppe jedoch nicht nur Paare, die sich in einer Kinderwunschbehandlung befinden. „Manche Frauen werden zwar schwanger, können die Schwangerschaften aber nicht halten und haben Fehlgeburten. Andere Paare haben sich entschieden, mit der Thematik abzuschließen.“ Wichtig sei ihr, die Gefühle von Betroffenen jeden Alters anzuerkennen. „Mit dem Alter steigt der Druck natürlich noch einmal. Aber auch mit 28 Jahren muss man ungewollte Kinderlosigkeit ernst nehmen.“ Auch Betroffene, die bereits ein Kind haben und einen weiteren unerfüllten Kinderwunsch haben, dürfen sich angesprochen fühlen, betont sie.
Austausch mit anderen Betroffenen tut gut
Anfang Mai hat das erste Treffen stattgefunden – erst einmal ein reiner Erfahrungsaustausch. „Die Gruppe ist aktuell noch ganz frisch“, sagt Müller. Schon bei diesem Termin habe sie aber gemerkt, wie gut es tue, mit anderen Betroffenen zu sprechen. „Man muss nicht ganz von vorne anfangen und alles erklären.“ Denn in der Gesellschaft, so erlebt es die 34-Jährige, werde häufig sehr unsensibel mit dem Thema Kinderwunsch umgegangen. „Fragen wie ‚Möchtet ihr keine Kinder?‘ oder ‚Wann ist es bei euch soweit?‘ sind verletzend, wenn man zum Beispiel eine Fehlgeburt erlitten hat.“
Selbst von Ärzte-Seite habe ich schon gehört, dass wir uns weniger Druck machen und doch einfach mal in den Urlaub fahren sollen.
Die Gründerin der Selbsthilfegruppe
Auch gut gemeinte Ratschläge, etwa aus dem Familien- oder Freundeskreis, können auf Dauer zur Belastung werden. „Selbst von Ärzte-Seite habe ich schon gehört, dass wir uns weniger Druck machen und doch einfach mal in den Urlaub fahren sollen. Wenn man so etwas hört, fühlt man sich nicht ernst genommen.“
Psychische und körperliche Herausforderung
Für Müller selbst ist es nicht allein die Behandlung in der Klinik, die psychisch und körperlich herausfordernd ist. „Das Thema hat Auswirkungen auf die Beziehung und auf die Sexualität“, sagt sie. „Eigentlich beeinflusst es das ganze Leben.“ Denn auch mit dem Beruf seien die häufigen und streng terminierten Arzttermine nicht immer einfach zu vereinbaren. „Ich habe es in der Arbeit bislang für mich behalten. Wenn man Vollzeit berufstätig ist, ist das gar nicht so leicht“, erklärt sie.
Da eine reproduktionsmedizinische Behandlung auch finanziell belastend sei, würde sie sich außerdem wünschen, dass es von staatlicher Seite mehr Unterstützung gebe. Zahlen des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend zufolge, sei in Deutschland immerhin fast jedes zehnte Paar zwischen 25 und 59 Jahren ungewollt kinderlos. „Eigentlich ist es paradox. In unserer Gesellschaft gibt es immer weniger Kinder – aber wenn der Wunsch da ist, gibt es sehr wenig Rückhalt.“
Ein unerfüllter Kinderwunsch macht manchmal einsam. Das muss aber nicht sein.
Die Gründerin der Selbsthilfegruppe
Aus all diesen Gründen ist sie froh, nun einen Raum zum Erzählen und Zuhören zu haben – frei von Bewertung und ungewollten Ratschlägen. „Ein unerfüllter Kinderwunsch macht manchmal einsam“, sagt sie. „Das muss aber nicht sein.“
Kontakt zur Gruppe „Everyone but us“
• Gruppe: Die Selbsthilfegruppe „Everyone but us“ ist für Betroffene, die schon länger an ihrem Kinderwunsch arbeiten, kurz vor oder mitten in einer Kinderwunschbehandlung stehen, sekundäre Sterilität erleben oder eine oder mehrere Fehlgeburten erlitten haben.
• Treffen: Die Treffen finden jeweils 14-tägig am Montag statt. Der nächste Termin ist der 26. Mai. Abwechselnd handelt es sich dabei um eine reine Frauenrunde und ein Treffen, das allen offensteht.
• Anmeldung: Interessenten werden gebeten, sich vorab per E-Mail an everyonebutus@gmx.de oder telefonisch bei KISS unter (09 41) 5 99 38 86 10 zu melden.