Adipositas und Krebs: Neue Studie der Uni Regensburg zeigt Zusammenhang

Von Marion Neumann · 27. Mai 2025 um 15:00

Ein Wert zwischen 18,5 und 24,9 bedeutet Normalgewicht, ab der Zahl 25 leiden Erwachsene an Übergewicht – und ab einem Wert von 30 handelt es sich um Adipositas, also starkes Übergewicht: Lange galt der Body-Mass-Index, kurz BMI, als Maßstab, um den Körperfettanteil abschätzen zu können. Forschende der Universität Regensburg haben nun erstmals ein neues Klassifizierungssystem verwendet und damit den Zusammenhang zwischen Adispositas und Krebs untersucht.

„Der Vorteil des Body-Mass-Index liegt in seiner einfachen Anwendung“, sagt Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann vom Institut für Epidemiologie und Präventivmedizin der Universität Regensburg. „Allerdings berücksichtigt er nicht, wie das Fett im Körper verteilt ist.“

Denn mit der weit verbreiteten Methode, bei der das Körpergewicht in ein Verhältnis zur Körpergröße gesetzt wird, könne etwa nicht eingeordnet werden, ob es sich bei einer Person um einen Bodybuilder mit viel Muskelmasse handelt oder eine unsportliche, übergewichtige Person mit hohem Körperfettanteil.

Forscher arbeiten mit neuem Klassifizierungssystem

„In der Gesundheitsforschung wurde der BMI bislang genutzt, um das Risiko für bestimmte Erkrankungen zu erfassen. Doch die Aussagekraft ist begrenzt“, so der Mediziner. Ob bereits Störungen des Stoffwechsels oder der Organfunktion vorliegen, könne anhand des Wertes nicht ermittelt werden.

Aus diesem Grund haben Forschende der Universität Regensburg bei einer Studie nun erstmals ein alternatives Klassifikationssystem verwendet – das der Lancet Diabetes & Endocrinology Commission. Es unterscheidet nicht anhand des BMI, sondern nimmt eine Unterscheidung zwischen „präklinischer Adipositas“ und „klinischer Adipositas“ vor. Während bei präklinischer Adipositas zwar ein Überschuss an Körperfett besteht, jedoch keine nachweisbaren Funktionsstörungen des Stoffwechsels oder der Organe vorliegen, handelt es sich bei der klinischen Adipositas um Personen, die an starkem Übergewicht in Kombination mit Stoffwechsel- oder Organfunktionsstörungen leiden.

„Signifikant höheres Krebsrisiko“

Angewendet wurde das neue Klassifikationssystem an der Universität für die Erforschung des Zusammenhangs zwischen Adipositas und Krebs. „Wir haben uns häufige Krebserkrankungen, beispielsweise Lungenkrebs, angesehen und Fälle aus einer sehr großen Datenbank mit Informationen von mehr als 450 000 Erwachsenen analysiert“, sagt Leitzmann zum Vorgehen.

Heraus kam, dass bereits bei präklinischer Adipositas „ein signifikant erhöhtes Krebsrisiko“ bestand. Noch höher fiel das Risiko bei den Personen mit klinischer Adipositas aus. „Insgesamt war präklinische Adipositas für schätzungsweise 5,5 Prozent und klinische Adipositas für 4,3 Prozent der Adipositas-assoziierten Krebsfälle verantwortlich“, heißt es in einer Pressemitteilung zur Studie.

Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann vom Lehrstuhl für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg - Foto: Universität Regensburg

Zahl der Menschen mit Adipositas zeigt weiter an

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sowohl starkes Übergewicht als auch Folgestörungen von Stoffwechsel und Organen zur Entstehung von Krebs beitragen können. „Die Erkenntnisse sind für viele Bereiche relevant, von der Hausarztpraxis bis zur Klinik“, so Leitzmann. „Es ist entscheidend zu wissen, das beispielsweise eine Person mit Adipositas und zusätzlich bestehendem Bluthochdruck einem anderen Risikoprofil zugeordnet werden muss als eine Person mit Adipositas, aber ohne Begleiterkrankungen.“

Die Erkenntnisse sind für viele Bereiche relevant, von der Hausarztpraxis bis zur Klinik.

Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann, Erstautor der Studie

Von Bedeutung seien diese Erkenntnisse auch, da die Zahl an Menschen mit starkem Übergewicht weiter ansteigt. „Das beginnt oft schon im Kindesalter. Wenn sich Übergewicht früh manifestiert, ist es später besonders schwer, es wieder abzubauen.“

Generell müssten Menschen mehr Bewegung in den Alltag integrieren. „Das beginnt bereits damit, häufiger auf das Auto zu verzichten und stattdessen zu Fuß zu gehen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Auch in der Berufswelt habe körperliche Aktivität stark abgenommen. „Hinzu kommt ein stetig wachsendes Angebot an hochkalorischen Lebensmitteln und Getränken. Viele Menschen nehmen dauerhaft mehr Energie auf, als sie verbrauchen.“

Genetische Veranlagung spielt eine Rolle

Dass überschüssige Kalorien nicht einfach ungenutzt bleiben, sondern im Körper gespeichert werden, liegt auch an unserer genetischen Veranlagung. „Früher war es überlebenswichtig, Energie für Notzeiten speichern zu können. Heute brauchen wir das nicht mehr – aber diese Fähigkeit ist in unserem Körper weiterhin angelegt.“

Um dem Anstieg von Adipositas entgegenzusteuern, braucht es laut dem Mediziner sowohl individuelle Verantwortung als auch gesellschaftspolitische Maßnahmen. „In England etwa wurde eine Zuckersteuer auf bestimmte zuckerhaltige Getränke eingeführt. Natürlich kann und soll darüber diskutiert werden, inwiefern solche Maßnahmen die persönliche Freiheit einschränken. Aber man muss auch anerkennen, dass es den Einzelnen schwer ist, sich in einer Umgebung mit ständigem Zugang zu hochkalorischen Lebensmitteln und Getränken gesund zu verhalten.“

Info: Adipositas gilt als eigenständige Krankheit

• Definition: Adipositas ist eine chronische Krankheit, die laut der Deutschen Adipositas Gesellschaft definiert ist als eine „über das Normalmaß hinausgehende Vermehrung des Körperfetts“. Berechnungsgrundlage für die Gewichtsklassifikation war bislang der Body-Mass-Index. Der BMI ist der Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat.

• Betroffene: Erhebungen des Robert-Koch-Instituts zufolge, wiesen 2019 fast ein Fünftel der Erwachsenen in Deutschland eine Adipositas auf. Laut Selbstangaben von Betroffenen lag bei insgesamt 53,5 Prozent der Erwachsenen Übergewicht (einschließlich Adipositas) vor.

• Folgen: Erwachsene mit Adipositas haben eine niedrigere Lebenserwartung und ein erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten. „Adipositas ist also nicht ‚nur‘ ein kosmetisches Problem“, so die Deutsche Adipositas Gesellschaft. Das Risiko steigt, Diabetes mellitus oder Bluthochdruck zu entwickeln oder einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden.