Burnout im Kuhstall: Niederbayerische Klinik bestätigt hohe Suizidgefahr in der Landwirtschaft

Drei psychische Zusammenbrüche hatte Landwirt Jürgen Donhauser aus Amberg. Inzwischen ist er vom Schweinemast-Betrieb in die Seelsorge gewechselt und hilft verzweifelten Hofmanagern am seelischen Abgrund. In der Psychosomatischen Fachklinik Simbach lässt sich Oberärztin Karin Hendrix per Handschlag besiegeln, dass die Landwirte bis zum Therapiebeginn am Leben festhalten.
„Landwirte können sich nicht einfach krankschreiben lassen! Sie müssen funktionieren, bis es nicht mehr geht.“ Aus der jungen Informatikerin und Milchviehbäuerin Franziska Aumer sprudelt es am Telefon förmlich heraus, wenn es um das Thema Burnout in der Landwirtschaft geht. Ein heikles Thema, wie sie sagt. Denn ihre Berufskollegen sprechen nicht gerne über psychische Probleme. Schon gar nicht öffentlich.
„Dabei ist es enorm wichtig, ein Bewusstsein zu schaffen.“ Denn während es in Deutschland keine Statistiken gibt, ist aus anderen EU-Ländern bekannt, dass die Suizidrate bei Landwirten 20 Prozent über jeder anderer Berufsgruppe liegt. In Frankreich nimmt sich alle zwei Tage ein Landwirt das Leben. Es sind Verzweiflungstaten.
„Diese Menschen fühlen sich als Versager, weil sie ihrem Betrieb nicht mehr gerecht werden oder ihn aufgeben müssen“, sagt der Amberger Landwirt und Klinikseelsorger Jürgen Donhauser. Er hat selbst drei Mal einen Burnout erlebt. Heute kämpft er dafür, Menschen rechtzeitig vor einer Kurzschlusshandlung zu erreichen: „Wenn sie zu mir kommen, stehen sie bereits vor dem Kontrollverlust.“
Frauen häufiger betroffen
Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, zeigt eine Studie aus dem Jahr 2020. Die Psychologin Maria Roth hat für ihre Masterarbeit an der Hochschule in Salzburg erstmals untersucht, wie hoch das Burnout-Risiko in diesem Berufszweig ist. Die Zahlen, die die aus einem landwirtschaftlichen Betrieb stammende Chamerin in Deutschland und Österreich zusammengetragen hat, sind alarmierend: 46 Prozent der fast 3000 Befragten gelten demnach als psychisch krank.
Bürokratie und Agrarpolitik als größte Belastungsfaktoren
Sie zeigten Symptome von Depressionen, Angstzuständen und/oder Burnout. Frauen deutlich häufiger als Männer. In Milchviehbetrieben ist das Risiko signifikant höher als im Ackerbau. Angst und Depressionen befallen zudem häufiger konventionell arbeitende Landwirte als Kollegen aus der Bio-Branche.
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Die harte körperliche Arbeit führten dabei nur 2,4 Prozent der Befragten als Belastungsfaktor ins Feld, wohingegen die Folgen der Agrarpolitik für die Höfe mit fast 70 Prozent als schwere seelische Bürde empfunden wird. Aber auch der als oft abfällig wahrgenommene Blick der Medien auf die Landwirtschaft (30,7 Prozent) und die Bürokratie (44,5 Prozent) kratzen an der psychischen Verfassung.

Wenn sie zu mir kommen, stehen sie bereits vor dem Kontrollverlust.
Jürgen Donhauser, Landwirt und Diakon
Mit dem ehrenamtlichen Team der „Ackerschwestern“ leistet Franziska Aumer, die ebenfalls aus dem Landkreis Cham stammt und heute mit ihrem Mann einen Milchviehbetrieb nahe Dachau führt, Aufklärungsarbeit. Die Medien würden zwar über Tierquälerei auf Höfen berichten, die Hintergründe aber selten beleuchten, sagt sie.
„Wenn Landwirte ihre Tiere vernachlässigen, dann sind sie meistens selbst schwer krank und schaffen die Versorgung einfach nicht mehr.“ Es sei aber nicht nur die viele Arbeit und der hohe finanzielle Druck. „Wir leiden auch unter dem sehr negativen gesellschaftlichen Bild und politischen Entscheidungen, die auf unserer Arbeit lasten.“ Bei Umweltthemen oder Tierschutz würden Landwirte oft pauschal attackiert. Kritik, die schmerzt.
Vom Landwirt zum Diakon
Jürgen Donhauser hat diese kraftraubenden Momente in seinem Betrieb erlebt. Etwa als ein Hunderttausende Euro teurer – im Sinne des Tierwohls durchdachter – Umbau der Stallungen in seinem Schweinezuchtbetrieb kurz nach der Fertigstellung von einer neuen Tierhaltungsverordnung überrollt wurde und weitere kostspielige Maßnahmen ergriffen werden mussten. „Was das mit der Psyche macht, brauche ich wohl nicht zu sagen. Da bist du als Landwirt gefangen in den Vorschriften und trägst zudem das volle finanzielle Risiko.“
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Die Folgen hat der 58-jährige Donhauser am eigenen Körper erlebt. „Du läufst bis zur letzten Rille. Du willst ja nicht derjenige sein, der den Betrieb nach mehreren Generationen abwickeln muss.“ Die Sorgen, verbunden mit vielen schlaflosen Nächten, brachten ihn schließlich auch an seine körperlichen Grenzen. Inzwischen haben zwei seiner Söhne das Ruder übernommen.
Donhauser hat sich beruflich noch einmal neu orientiert und ein Theologie-Studium absolviert. Er ist heute Diakon und arbeitet seit eineinhalb Jahren als Seelsorger am Klinikum in Amberg. Nebenbei hat er sich auf Coaching spezialisiert, hilft anderen Landwirten, mit schwierigen Situationen umzugehen. „Es sind fast immer die gleichen Schicksale“, sagt er. Sowohl Donhauser als auch Aumer bestätigen, dass sie in ihrem Umfeld erlebt haben, dass sich Landwirte niemandem anvertrauen konnten und nur noch im Tod eine Lösung sahen.

Wenn Landwirte ihre Tiere vernachlässigen, dann sind sie meistens selbst schwer krank und schaffen die Versorgung einfach nicht mehr.
Franziska Aumer, Landwirtin und Informatikerin
„Ich lasse mir beim ersten Telefonat von den Landwirten in die Hand versprechen, dass sie sich nichts antun werden, bis sie bei mir in der Klinik sind“, beschreibt Oberärztin Dr. Karin Hendrix die Ausnahmesituation, in der sich die meisten Betroffenen bereits befinden, wenn sie sich an einen Arzt wenden. In der Psychosomatischen Fachklinik Simbach hat sich Hendrix, die selbst einen landwirtschaftlichen Hintergrund hat, auf die Behandlung von „seelischer Not in der Landwirtschaft“ spezialisiert. „Und darauf bin ich sehr stolz, dass wir hier zusätzliche besondere Angebote machen können.“
Hendrix hat dafür an der Klinik die „grüne Gruppe“ gegründet, eine Gesprächsgruppe, die zweimal wöchentlich zusammenkommt. „Da geht es um die Probleme, die sich aus der Arbeitsbelastung ergeben, um Generationenkonflikte auf den Höfen, um die Verantwortung, die man für die Familie, aber auch die Tiere trägt.“ Und manchmal gehe es auch einfach nur um Anbaumethoden für den Raps.
Niemand ist mit Problemen allein
Wichtig sei, dass die Patienten wahrnehmen, dass sie nicht alleine dastehen mit ihrer psychischen Verfassung. Dass alle in der Gruppe ähnliche Probleme haben. Es erfordere Mut, sich die Lage einzugestehen. Und mit der immer weiter wachsenden Bürokratie sieht die Oberärztin die Gefahr, dass die Patientenzahlen künftig noch weiter steigen werden. Auf die Frage, wann Landwirte den Punkt erreichen, an dem sie dringend Hilfe benötigen, hat die Ärztin eine einfache Formel: „Wenn der Landwirt sich bereits überlegt, dass es womöglich ohne ihn auf dem Hof besser laufen könnte“, dann sei es Zeit, zum Telefon zu greifen.
Hier finden Landwirte Hilfe
• Bayerischer Bauernverband: Das Montagstelefon bietet unter 0800 – 131 131 0 (9 bis 13 Uhr und 16 bis 20 Uhr) die Möglichkeit, mit jemandem über Sorgen und Gedanken zu sprechen.
• SVLFG: Im Rahmen der Kampagne „Mit uns im Gleichgewicht“ bietet der Versicherungsträger Angebote zur Förderung der seelischen Gesundheit. www.svlfg.de/gleichgewicht
• Bauern-in-Not.de: Auf der Plattform können Landwirte Sorgen und Nöte anonym oder persönlich melden. Die Verantwortlichen wollen so Politik und Öffentlichkeit wachrütteln.
• Jürgen Donhauser: Der Diakon und Landwirt arbeitet auch als Coach und Berater für Landwirte in seelischen Notlagen. Weitere Informationen unter www.juergendonhauser.de