Mentale Gesundheit: Jugendliche sehen fast jeden Tag Bilder von Krieg und Gewalt im Netz

Vor allem Jugendliche sind von Leistungsdruck, Mobbing und Essstörungen betroffen. In Neutraubling im Landkreis Regensburg berichteten Experten, Schüler und Eltern von ihren Erfahrungen mit dem Thema. Bei der Diskussion über den Umgang wurde deutlich, wie unterschiedlich die Lösungsansätze sind.
„Mentale Gesundheit ist ein Thema, das insbesondere den unter 30-Jährigen wichtig ist“, erklärte Dr. Simon Meier. Er ist Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Katholischen Jugendfürsorge Regensburg (KJF) und moderierte ein Podiumsgespräch, das sich genau damit befasste: „Mentale Gesundheit im Jugendalter – Problemfelder und Resilienzförderung an weiterführenden Schulen“.
Dazu beantworteten Prof. Dr. Romuald Brunner, Lehrstuhlinhaber für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Universität Regensburg, Oberstudiendirektor Dr. Elmar Singer, Leiter des Neutraublinger Gymnasiums, Barbara Foerster, die für die Eltern sprach, und Maximilian Hammes-Welch, stellvertretend für die Schüler, Fragen. Im Grunde ging es darum, was heute anders ist als früher und was für junge Menschen eine Herausforderung darstellt. Im Anschluss gab es Zeit für Fragen und die Möglichkeit zur gemeinsamen Diskussion
Messbare Veränderungen der Gesundheit
Romuald Brunner stellte zunächst fest, dass es eine Veränderung im Versorgungsangebot gebe. So habe sich die stationäre und ambulante Versorgung im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie verbessert. Laut Statistik seien im Jahr 2021 19 Prozent aller stationären Krankenhausbehandlungen bei Kindern und Jugendlichen aufgrund einer psychischen Erkrankung erfolgt. Besonders betroffen seien Mädchen. Im Verhältnis dazu waren bei den über 18-Jährigen nur sechs Prozent der Krankenhausaufenthalte durch eine psychische Erkrankung bedingt. Eine Veränderung zeige sich auch im Bereich der Essstörungen.

Ein Anstieg sei besonders in der Corona-Pandemie zu verzeichnen gewesen, so Brunner. Seitdem seien die Zahlen auch nicht mehr auf das Vor-Pandemie-Niveau gesunken. „Wir waren wirklich erschüttert, in welchem gesundheitlichen Zustand uns Patienten eingewiesen wurden“, erinnert sich Brunner. In diesem Zusammenhang seien weibliche Patienten nach ihrer Mediennutzung gefragt worden. Dabei habe sich gezeigt, dass sie sich Pandemie-bedingt intensiver mit den Themen Gesundheit und Ernährung befassten. Auch verglichen sie sich mit dem, was sie in den Sozialen Medien sahen.
Wandel an Schulen im Verhältnis zu vorherigen Jahren
Elmar Singer sah einen Wandel an den Schulen beziehungsweise den Schülern im Verhältnis zu den Vorjahren. Durch die Konfrontation mit einer veränderten Welt und aktuellen sowie vorangegangenen Krisensituationen – wie Corona, Kriegen oder der Diskussion um die Rente – hätten die Jugendlichen die Leichtigkeit verloren, fand Singer. Sie würden sich vermehrt sorgen, beispielsweise um ihre Zukunftsperspektive. Dafür sei nicht ein Faktor allein ausschlaggebend, jedoch sehe er den stärksten im Medienkonsum.
„Schule ist ein bisschen zu einem Nebenschauplatz geworden“, fand er. Früher sei Schule ein sicherer Ort gewesen, so Singer. Heute gebe es die virtuelle Welt, Schüler seien schwerer zu erreichen und hätten Konzentrationsschwierigkeiten. Generell seien „Extreme“ deutlich sichtbarer, fand er. So gebe es beispielsweise viele einfühlsame Schüler, die sich besser umeinander kümmern würden. Auf der anderen Seite käme es aber zu stärkeren emotionalen Verletzungen.
In Bezug auf eine verlorene Leichtigkeit ergänzt Brunner, dass die Jugend sehr gut informiert und zugleich belastet sei. Im vergangenen Jahr habe es eine bundesweite repräsentative Befragung von 16- bis 21-Jährigen gegeben. Dabei habe sich gezeigt, dass 60 Prozent ungewollt Kriegs- oder Gewaltvideos sehen, kein Vertrauen haben, dass Krisen gelöst werden und denken, dass sich die Krisensituation weiter verschlechtern wird.
Die Mutter Barbara Foerster zog einen Vergleich zu ihrem Aufwachsen in den 70er Jahren und stellte fest, dass es nun kein „offline“ mehr gebe. „Es ist heutzutage alles jederzeit und sofort verfügbar über Medien“, erklärte sie. Besonders deutlich zeigten sich diese Punkte am Beispiel Mobbing. Früher hätte es nicht jederzeit Mobbing geben können, da man daheim Ruhe hatte und nicht erreichbar war. Das habe sich mittlerweile geändert.
Bewertung der Medien aus Schülersicht
Der 18-jährige Schüler Maximilian Hammes-Welch hatte eine differenzierte Einstellung gegenüber Medien. Zum einen gebe es einen Informationsüberfluss, der sich auf die Psyche und die Aufmerksamkeitsspanne auswirke. Außerdem spiele „fomo“ eine Rolle, also die Angst, etwas zu verpassen. Auf der anderen Seite habe man aufgrund der Medien Zugang zu Wissen und Informationen, was es leichter mache, sich weiterzubilden.
Insbesondere gute Schüler seien gestresst, so der Eindruck von Singer. Es würde die Einstellung herrschen: „Wenn ich jetzt nicht 1,0 habe, dann kann ich nicht Medizin studieren und dann ist mein Leben im Eimer“. Der Notenspiegel habe sich insgesamt verändert, beschrieb er seinen Eindruck. Früher hätte es ein starkes Mittelfeld gegeben, heute gebe es besonders an der Spitze und am Ende des Notenbildes Ausschläge.
Schüler Maximilian Hammes-Welch sieht in Bezug auf schulischen Druck zwar die Eltern in der Pflicht. Jedoch könne seiner Ansicht nach Druck nicht auf einen Faktor allein zurückgeführt werden. So komme der Druck oft von innen heraus. Man vergleiche sich mit anderen und dadurch entstehe der Wunsch, selbst besser zu sein. Er selbst könne sich manchmal auch nicht erklären, woher der Druck komme, den er verspüre.
Verbesserungsvorschläge der Gesprächspartner
Jeder der Redner hatte einen ganz eigenen Ansatz, was jungen Menschen helfen könnte. Schüler Maximilian Hammes-Welch plädierte für ein erweitertes und verbessertes Beratungsangebot. An den Schulen wünsche er sich zudem eine verstärkte Aufklärung, beispielsweise zu Methoden der Stress- und Belastungsbewältigung. Singer sagte, er lege Wert darauf, dass Lehrer die Erzieherrolle verstärkt wahrnehmen und den Schülern den eigenen und gesellschaftlichen Wert vermittelten. Barbara Foerster nahm die Perspektive des Elternteils ein. Sie sehe sich in der Verantwortung und müsse ihren Kindern einen resilienten Umgang mit Situationen vorleben und diese Fähigkeit dann weitergeben. Brunner wollte die Politik in den Blick nehmen. Plattformen mit gewaltvollen Feeds sollten beispielsweise gesperrt werden. Hinsichtlich des Drucks in Bildungsfragen würde er bei den Eltern ansetzen: Sie müssten „Druck“ reduzieren.