Knochenfund im Straßengraben bei Schwandorf: Das Rätsel könnte endlich gelöst sein

Wie kamen die menschlichen Überreste in den Straßengraben neben der SAD 22 bei Fronberg (Schwandorf), die im September 2025 bei Bauarbeiten entdeckt wurden? Eine Theorie, die sich lange hielt, wurde erst kürzlich durch ein Gutachten aus Kiel widerlegt. Nun gibt es einen neuen Erklärungsansatz, der nach Recherchen der MZ immer plausibler wird.
Es ist ein Fall, der sowohl die Polizei als auch viele Leser der MZ seit Monaten umtreibt. Im September 2025 hatten Bauarbeiter Skelettteile ans Tageslicht befördert. Sie waren gerade dabei, zwischen Fronberg und dem nahegelegenen Pendlerparkplatz ein neues Starkstromkabel zu verlegen, als plötzlich auf Höhe des Solarparks Knochen zum Vorschein kamen. Rippen, Gelenkköpfe, Reste eines Schädels und ein Kiefer, in dem noch Zähne steckten, wurden nach und nach neben der Kreisstraße SAD 22 freigelegt. Schnell war klar: Es handelt sich um menschliche Überreste.
Nachdem die MZ exklusiv über den Vorfall berichtet hatte, schossen verschiedenste Theorien ins Kraut, wie die Knochen dorthin gelangt sein könnten. Ein Erklärungsansatz beschäftigte sich mit dem nahegelegenen Waldfriedhof, ein anderer mit den Todesmärschen der KZ-Häftlinge, die auch durch Fronberger Flur führten. Gerade letztere Theorie erschien lange plausibel, denn Archäologen hatten zunächst angenommen, dass die Knochen mehrere Jahrzehnte alt, aber nicht älter als 100 Jahre sein dürften.
Vom ehemaligen Friedhof St. Salvator nach Fronberg transportiert?
Ein aktuelles Gutachten des Leibniz-Instituts in Kiel, das die Amberger Kripo in Auftrag gegeben hatte, kam jedoch zu einem anderen Ergebnis. Wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, gehen die Forscher davon aus, dass die Person zwar vor 1953, aber mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zwischen 1700 bis 1800 gelebt hat. „Der Zusammenhang mit dem Todesmarsch, der 1945 über Fronberg stattfand, kann nicht gänzlich, aber eher ausgeschlossen werden“, ordnete Polizeisprecher Jonas Krauß ein.
Damit schien des Rätsels Lösung wieder in weite Ferne gerückt zu sein – bis jetzt. Denn der neueste Artikel der MZ hat wiederum Johann Westiner aus Rauberweiherhaus zum Grübeln gebracht. Dem ein oder anderen dürfte Westiner durch sein jahrelanges Engagement beim THW in Schwandorf bekannt sein. Der 72-Jährige ist sich ziemlich sicher, dass die neben der Kreisstraße bei Fronberg gefundenen Knochen vom ehemaligen Friedhof St. Salvator in der Wackersdorfer Straße in Schwandorf stammen.

Dieser sei in den 50er Jahren umgesetzt worden. Heute steht auf dem Gelände das Arbeitsamt. „Ein Teil des Aushubs wurde damals nach Krondorf gebracht, ein Teil nach Fronberg“, weiß Westiner, der selbst in Krondorf aufgewachsen ist.
In seiner Jugend habe er als „kleiner Lausbub“ viel an der frischen Luft gespielt. Eines Tages seien er und sein Bruder Josef auf menschliche Knochen gestoßen, die freigelegt worden seien, als ein Versorgungsgraben zum Wasserwerk in Krondorf gebaut wurde. Der Graben führte durch eine Böschung, in der zuvor der Erdaushub aus der Arbeitsamtsbaustelle verfüllt worden sei. „Wenn in Krondorf Knochen im Aushub waren, müsste das auch in Fronberg der Fall sein“, sagt Westiner.
Knochen könnten bei Aushubarbeiten übersehen worden sein
Eine Nachfrage bei der Stadt untermauert diese Theorie. Wie Pressesprecher Andreas Hofmeister schildert, sei der ehemalige Friedhof St. Salvator tatsächlich 1950 aufgelöst und umgesetzt worden. „Angehörige konnten ihre Toten auf eigene Kosten exhumieren und umbetten lassen, was in vielen Fällen auch geschah“, so Hofmeister.
Die verbliebenen Gebeine sollten in einem Sammelgrab beigesetzt werden. Dies galt auf Anweisung der Regierung der Oberpfalz auch für die bei Bauarbeiten noch auftauchenden Knochen. Auf dem Grundstück sei laut Hofmeister tatsächlich das Arbeitsamt errichtet worden, laut Baubeginnanzeige ab 1950. „Insofern wäre es durchaus möglich, dass bei Aushubarbeiten menschliche Überreste übersehen wurden“, schildert der städtische Pressesprecher.
Insofern wäre es durchaus möglich, dass bei Aushubarbeiten menschliche Überreste übersehen wurden.Andreas Hofmeister, Sprecher der Stadt Schwandorf
Was mit dem Aushub geschah, ließe sich allerdings nicht mehr so genau zurückverfolgen. Eine Rückfrage beim Stadtarchiv hätte lediglich ergeben, dass die Erde entlang der Garrstraße gelagert worden sei. Der beim späteren Verfüllen nicht mehr benötigte Teil sollte abtransportiert werden. „Leider wird in dem entsprechenden Schreiben nicht erwähnt, wohin“, so Hofmeister.
Doch es ist gut möglich, dass ein Teil des Aushubs, wie auch Johann Westiner erzählt, tatsächlich nach Fronberg gebracht wurde. Denn wie Hans Prechtl, Sprecher des Landratsamts, auf Nachfrage erklärt, sei fast parallel zum Bau des Arbeitsamts, konkret zwischen 1952 und 1959, die Kreisstraße SAD 22 verbreitert und ausgebaut worden. Da erscheint es durchaus plausibel, dass im Zuge des Straßenbaus auch übrig gebliebenes Erdreich aus umliegenden Baustellen verfüllt wurde.
Polizei geht neuestem Hinweis zum Knochenfund nach
Und so könnten die Knochen letztlich im Straßengraben neben der SAD22 gelandet sein, die im September 2025 bei Bauarbeiten ans Tageslicht kamen. Dass diese so lange unentdeckt blieben, ist indes nicht unwahrscheinlich. Im Bereich der Straßenböschung wurde laut Landratsamt vor 2025 lediglich einmal gegraben. 2017 ließ die Telekom entlang der Kreisstraße ein Breitbandkabel verlegen.
Auch bei der Kriminalpolizei Amberg ist die neue Theorie bekannt. Deren Ermittlungen sind mittlerweile aber abgeschlossen, wie es auf Nachfrage heißt. Entscheidend für die Polizei sei gewesen, dass es sich bei dem Knochenfund nicht um einen aktuellen Vermisstenfall handelte. Das konnte durch das jüngste Gutachten aus Kiel ausgeschlossen werden.