Skelett bei Fronberg: Sind die Knochen ein Relikt von den Todesmärschen?

Von Philipp Breu · 14. November 2025 um 19:00

Noch immer ist dieses Rätsel ungelöst: Mitte September fanden Bauarbeiter menschliche Skelettteile, die neben der Kreisstraße SAD22 beim Schwandorfer Ortsteil Fronberg, auf Höhe des Solarfeldes, im Erdreich schlummerten. Seitdem schossen viele Theorien ins Kraut, wie die sterblichen Überreste dort hingelangt sein könnten. Ein Heimatforscher aus Schwandorf liefert nun neue Erklärungsansätze – und auch die Staatsanwaltschaft will es jetzt genauer wissen.

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Wie viele der MZ-Leser hat dieser Fall auch Michael Fleischmann zum Grübeln gebracht. Er hat per E-Mail Kontakt mit der Redaktion aufgenommen. Der Schwandorfer stellt sich als Heimatforscher vor. Er habe die Geschichte der Gefallenen, Vermissten und der Opfer des Nationalsozialismus aus der Region intensiv erforscht und in seinem Buch mit dem Titel „Ich hatt’ einen Kameraden“ festgehalten.

„Der Fall lässt mich nicht los, da der Fundort der Knochen zu historischen Beschreibungen von (möglichen) Vermissten- bzw. Todesfällen in den letzten Kriegstagen 1945 passt, welche noch nicht durch den Volksbund Deutsche Kriegsgräber bzw. der KZ-Ehrenstätte Flossenbürg umgebettet wurden“, schreibt Fleischmann.

Geschwächt und Kriegsmüde

Nachdem er in der Mittelbayerischen Zeitung gelesen hatte, dass die gefundenen Knochen bei Fronberg nicht älter als 100 Jahre sind, „würde der Zeitraum theoretisch passen, sodass mich dies noch mehr beschäftigte“, so der Heimatforscher. Das bringt den Schwandorfer auch zu einer ersten Theorie, wie die Knochen in den Straßengraben bei Fronberg gelangt sein könnten – Stichwort: Todesmärsche.

Rückblick in eine dunkle Zeit: Vor rund 80 Jahren kamen die Amerikaner in den Landkreis Schwandorf, unter anderem nach Neunburg vorm Wald. Die Alliierten erfuhren von verscharrten KZ-Häftlingen eines Todesmarsches aus Flossenbürg, ordneten ihre Exhumierung durch die Neunburger an und organisierten einen Trauerzug durch die Stadt. - Foto: Schwarzachtaler Heimatmuseum

Vor ungefähr 80 Jahren trieben Hitlers skrupellose Handlanger mehr als 40.000 Häftlinge des Konzentrationslagers Flossenbürg (Landkreis Neustadt/Waldnaab) auf lange Fußmärsche in Richtung Süden – also auch in den Landkreis Schwandorf. Eine der Routen, die sogenannte Todesmarschroute „F“ führte laut Fleischmann entlang der Gemeindefluren von Fronberg.

Die Wege waren weit, die kriegsgebeutelten Menschen extrem geschwächt. Auf diesem Marsch soll mindestens ein KZ-Häftling in den Fronberger Gemeindefluren verstorben sein. Dieser sei auch aktenkundig dokumentiert worden – und sei der bislang einzig bekannte Todesfall in diesem Bereich. „Trotz allem ist es durchaus möglich, dass in den Fronberger Fluren noch weitere unentdeckte Opfer des Nationalsozialismus ruhen“, schreibt der Heimatforscher.

Tausende Soldaten zogen durch die Oberpfalz

Doch das ist nicht die einzige Theorie zum Knochenfund in Fronberg, die Michael Fleischmann für möglich hält. Die menschlichen Überreste könnten auch von einem Opfer des Kriegsgefangenenlagers in Fronberg stammen.

Denn noch in den letzten Kriegstagen zogen tausende Wehrmachtssoldaten, aber auch ungarische Soldaten der Waffen-SS durch die Oberpfalz, die oftmals von den schnell vorrückenden US-Truppen überrannt und gefangen genommen wurden.

„Aufgrund der überraschend hohen Anzahl an Kriegsgefangenen musste die US-Army jede Möglichkeit zur Unterbringung der deutschen Kriegsgefangenen nutzen“, so Fleischmann. Nur drei Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner in Fronberg, also am 26. April 1945, errichteten die US-Soldaten in aller Eile an der „Roderkurve“ – in der Nähe der Auffahrt der jetzigen SAD 22 auf die B 85 von Fronberg kommend – ein Kriegsgefangenenlager.

Die Gefangenen seien damals der Kälte sowie Wind und Wetter schutzlos ausgeliefert gewesen. Außerdem hätten die Amerikaner die entkräfteten Soldaten mit Waffen an einer Flucht gehindert. Dass diese Umstände dem ein oder anderen ehemaligen Wehrmachtssoldaten das Leben gekostet hatten, sei laut Fleischmann sehr wahrscheinlich.

DNA-Analyse beauftragt

„Kriegsbezogen könnten noch viele weitere Theorien zu tragen kommen“, konstatiert der Heimatforscher und nennt Beispiele wie die durchziehenden Flüchtlingsströme mit vielen Alten und Kranken, den Bombenangriff auf Schwandorf, das Teillazarett in Fronberg, das kurze Gefecht zwischen der SS und den US-Soldaten auf Höhe Asbach/Lindenlohe, die erschossenen Wehrmachtssoldaten bei Fronberg oder die erbarmungslose Zeit nach dem Krieg. Alles sei nicht ohne Opfer geblieben. Beweisen lassen sich diese Theorien freilich nicht, wie Michael Fleischmann abschließend hinterher schiebt. Dennoch lieferten sie denkbare Erklärungen.

Die Knochen waren gut erhalten. Auch ein Kiefer kam ans Tageslicht. In ihm steckten noch Zähne (r.). - Foto: Martin Kellermeier

Auch Polizei und Staatsanwaltschaft versuchen indes, weiter Licht ins Dunkel zu bringen. Wie Melanie Bäumler, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Oberpfalz auf MZ-Nachfrage schildert, seien weitere Untersuchungen in Auftrag gegeben worden. „Die Knochen werden in den kommenden Tagen in die Rechtsmedizin nach München gebracht. Dort sollen mit einer speziellen Untersuchungsmethode das Geschlecht und das Alter der Person durch die DNA bestimmt werden“, so Bäumler.

Die Kosten dieser Untersuchung würden im vierstelligen Bereich liegen. Mit den Ergebnissen könne frühestens Mitte Dezember gerechnet werden. Polizei und Staatsanwaltschaft erhoffen sich dadurch, die Person identifizieren zu können – und so das Rätsel endlich zu lösen.