Reales Elend und fiktives Drama in Schwandorf: Nürnbergerin schreibt historische Romane

Von Selina Schaefer · 12. April 2026 um 17:00

Ferkel und Hühner mitten auf dem Marktplatz in Schwandorf sind heute schwer vorstellbar. Früher war das anders: „Der Markt war voll – jeden Samstag“, erinnert sich Anita Tränkl. „Mein Vater hat auch noch mit dem Pferdewagen Kohle ausgefahren.“ Das war in den 1950er Jahren. Ihre Erfahrungen in der von Armut und Krieg gebeutelten Stadt will die Autorin in einer Familien-Saga erzählen. Die ersten zwei Bücher über die Zeit von 1850 bis circa 1910 sind nun erschienen.

Schwandorf nach dem Krieg habe sie weniger schön in Erinnerung, sagt die heute 76-Jährige. Geboren wurde Tränkl 1949 in dem damals noch ländlich geprägten Ort als ältestes Kind der Familie Gebhard. „Da war noch nicht alles wieder aufgebaut und die Wirtschaft noch nicht wieder angekurbelt“, betont sie und ruft in Erinnerung, dass rund Dreiviertel der Stadt im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren.

Mit 14 Jahren ging sie für eine Arbeitsstelle nach Nürnberg

Aufgewachsen ist sie unter schwierigen Bedingungen. Der Vater Hilfsarbeiter, die Mutter mit den acht Kindern überfordert. Die Familie habe in einem der schnell nach dem Krieg hochgezogenen Häuser für kinderreiche Familien am Weinberg gewohnt, erzählt Tränkl. Auf engstem Raum lebten sie mit einer weiteren Frau mit zwei Kindern zusammen. Und: „Wir haben gehungert, weil mittags nichts zum Essen da war.“ Teils mussten sie Abfallwurst vom Metzger holen: „Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen. Dass wir überlebt haben, ist ein Wunder.“

Als sie mit 14 Jahren die Volksschule abschließt, entscheidet sich Tränkl, Schwandorf den Rücken zu kehren: Da es hier unmöglich gewesen sei, eine Lehrstelle zu finden, begleitet Tränkl eine Freundin nach Nürnberg zu einer Firma und nimmt dort für einige Monate eine Anstellung an. Aber die Arbeitsbedingungen waren gänzlich andere als heute. Ihren ersten Lohn über 40 Mark habe sie erst nach fünf Monaten erhalten. Einer von mehreren Gründen, die Anstellung zu wechseln und eine Ausbildung zur Konditoreiverkäuferin anzufangen.

Wie um 1965 nicht ungewöhnlich, lebte sie bei ihrem Arbeitgeber, bekam Kost und Logis. „Drei Jahre lang musste ich um 21 Uhr daheim sein“, weiß sie noch. Denn das konnte der Hausherr bestimmen. „Die Lehrherren waren auch nicht ganz einfach, die haben auch mal geschlagen.“

In Nürnberg gründete sie eine Familie, bildete sich zur Stenotypistin und zwei Jahre später zur Sekretärin weiter und absolvierte Abendrealschule und Abendgymnasium. „Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal das Abitur mache“, sagt sie rückblickend. Das Fränkische hört man ihr nach all den Jahren auch an.

Mit 55 begann sie sogar Soziale Arbeit zu studieren, erzählt sie. Wegen ihrer Arbeit in der Einsatzzentrale der Polizei musste sie das jedoch abbrechen – es war zeitlich nicht unter einen Hut zu bringen. Ganz los ließ sie die Idee vom Studium nicht: Seit 2025 macht sie an der Laudius-Akademie ein Studium für Autoren.

Was als Hausaufgaben für ihr Studium begann, wuchs sich auch auf Anraten ihres Uni-Betreuers zu dem nun veröffentlichten Roman aus. Bereits zuvor hatte Tränkl ein bisschen für sich und ihre Nachkommen geschrieben: „Es war schon immer meine Intention, dass ich einmal mein ganzes Leben aufschreibe.“ Schwandorf und wie es war, dort aufzuwachsen, das habe sie nie vergessen. Dann sei ein bisschen die Fantasie mit ihr durchgegangen, so viel Spaß mache ihr das Schreiben.

Erzählungen aus der Familie und Recherchen fließen in die Romane ein

Daher setzt ihr Romanzyklus auch vor ihrer Zeit an, nämlich ab ungefähr 1850. Er beschreibt fiktiv das Leben des Ehepaares Matthias und Anna Süss mit ihren Töchtern Magdalena, Barbara und Johanna. Die Schwandorfer Familie hofft mit Erschließung des Eisenbahnnetzes auf eine bessere Zukunft in einer recht armen Region. Doch ein Mord erschüttert die Protagonisten.

Auch wenn die Geschichte weit vor Tränkls Geburt spielt, schöpft sie bereits aus der eigenen Familienerfahrung: Geschichten ihrer Großmutter Barbara, die ihr von den damaligen Lebensumständen erzählt hatte, flossen schon in „Leben und Lieben in Schwandorf“ Band I und II ein, wenn auch vieles „sehr, sehr dramatisiert“ sei. Schließlich wolle der Leser ja unterhalten werden, sagt die Autorin.

Mit dem Voranschreiten der Geschichte und Bände möchte sie sich dann ihrer eigenen Zeit annähern – autobiographisch werde es dennoch nicht. Zusätzlich recherchiert die Wahl-Nürnbergerin über das Internet, Heimatvereine und das Schwandorfer Stadtarchiv.

Wegen der Fülle ihrer Ideen habe sie den ersten Teil ihrer Reihe auch in zwei Bände splitten müssen – beide sind vor kurzem im Selbstverlag erschienen. Als sie das erste Buch in der fertigen Version in den Händen gehalten habe, sei sie sehr zufrieden gewesen. Und Anita Tränkl weiß schon, wie es weiter geht, wenn alles gut läuft: Die weiteren Teile sollen „Leben und Leiden“ sowie „Leben und Sterben in Schwandorf“ heißen.

Weitere Informationen zu Roman und Stadthistorie

• Roman: „Leben und Lieben in Schwandorf“ Band I gibt es online auf Amazon für 18,90 Euro. Band II kann bei den Buchhandlungen online für 17,99 Euro gekauft werden.

• Zur Stadtgeschichte: Einen Überblick über die Geschichte Schwandorfs gibt es auf www.schwandorf.de/Bürger-Stadt/Unsere-Stadt/Stadtgeschichte/