Zwischen Trümmern, Not und Hoffnung – So war Weihnachten 1945 in Schwandorf

Von Xenia Wilk · 24. Dezember 2025 um 17:00

Still, bescheiden und von tiefen Wunden gezeichnet: Als sich das Jahr 1945 seinem Ende näherte, stand Schwandorf vor einem der schwersten Winter seiner Geschichte. Die Bombennacht am 17. April hatte tiefe Spuren hinterlassen. Ganze Straßenzüge waren zerstört oder beschädigt, viele Wohnungen unbewohnbar.

Zahlreiche Familien hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Männer galten als vermisst oder befanden sich noch in Kriegsgefangenschaft, Frauen waren zu Witwen geworden, Kinder zu Waisen. Ausgebombte Schwandorfer lebten mit Flüchtlingen in behelfsmäßigen Unterkünften, bei Verwandten oder in notdürftig hergerichteten Räumen. Weihnachten rückte näher – doch an festliche Vorfreude war für viele kaum zu denken.

In dieser schwierigen Zeit wurden erste Schritte unternommen, um der Stadt wieder eine geordnete Verwaltung zu geben. Am 5. Oktober 1945 ernannte die Militärregierung den Obermüller Franz Sichler zum kommissarischen Bürgermeister. Unter Aufsicht der amerikanischen Besatzungsmacht sollte er Ordnung in Verwaltung und Versorgung bringen. Die Ausgangslage war schwierig: Die finanziellen Mittel der Stadt waren nahezu erschöpft, zahlreiche öffentliche Einrichtungen beschädigt oder nur eingeschränkt nutzbar.

Der Alltag der Bevölkerung blieb von Mangel und Improvisation geprägt. Ab November 1945 erhielt jeder Einwohner ein Stück Waschseife, Männer über 18 Jahren zusätzlich etwas Rasierseife. Diese Zuteilungen wurden als kleine Erleichterung empfunden, machten jedoch zugleich deutlich, wie knapp selbst die einfachen Dinge geworden waren.

Wie das Schwandorfer Hilfswerk entstand

Besonders schwer wog der Mangel an Brennmaterial. Viele Wohnungen konnten kaum beheizt werden, an warmer Kleidung und festem Schuhwerk fehlte es ebenfalls. Bis Mitte November war zudem das durch Bombenschäden stark beeinträchtigte städtische Kanalnetz nur teilweise instand gesetzt – eine zusätzliche Belastung in den kalten Wintermonaten.

Angesichts dieser Lage wandte sich Bürgermeister Sichler am 3. November 1945 mit einem eindringlichen Appell an die Bevölkerung: „Schwandorfer! Mit großer Sorge sehen wir alle den kommenden Winter entgegen. Das Hitler-Regime hat uns nur Not, Elend und leere Kassen hinterlassen. Das Volk wurde in einen wahnsinnigen aussichtslosen Krieg geführt. Darum ist es unsere Aufgabe, allen zu helfen, die unschuldig in Not und Elend geraten sind.“ In der Folge nahm das Schwandorfer Hilfswerk seine Arbeit auf und unterstützte insbesondere Flüchtlinge, ausgebombte Familien und heimgekehrte Soldaten. Ein sichtbares Zeichen dieser Solidarität war eine Kleidersammlung Ende November, bei der viele Schwandorfer trotz eigener Entbehrungen Kleidungsstücke spendeten.

Ein Stück Normalität kehrte am 26. November 1945 zurück, als die Schulen in Schwandorf feierlich wieder eröffnet wurden. Für die Kinder bedeutete dies nicht nur Unterricht, sondern auch Halt, Struktur und ein Stück Alltag nach Monaten der Unsicherheit. Wenige Tage später berichtete die Mittelbayerische Zeitung, dass die Militärregierung das Brauverbot für den zivilen Sektor in Bayern aufgehoben habe. Ab dem 1. Dezember 1945 durften die Brauereien wieder mit der Mälzerei beginnen – ein vorsichtiger Hoffnungsschimmer für Wirtschaft und Handwerk in Schwandorf. Gleichzeitig wurde bekanntgegeben, dass es zu Weihnachten Sonderrationen an Mehl und Zucker geben solle, sodass viele Familien zumindest ein einfaches Weihnachtsgebäck zubereiten konnten.

Besondere Aufmerksamkeit galt in der Vorweihnachtszeit den Kindern, die durch Bombardierung und Flucht besonders belastet waren. Im November stellte Roman Stich bei der Stadt einen Gewerbeantrag für ein Malatelier. Da es an Material mangelte, fertigte nahezu die gesamte Familie selbst gemachte Puppen und Kasperltheater-Figuren aus Stoffresten an. Diese Spielsachen sollten den Kindern zu Weihnachten eine kleine Freude bereiten – und für einen Moment die Sorgen vergessen lassen.

Hilfsbereitschaft zeigte sich auch über die Stadtgrenzen hinaus: Die Belegschaft der Braunkohlenbetriebsanlage in Wackersdorf legte am Sonntag der zweiten Dezemberwoche 1945 eine Sonderschicht ein. Der Ertrag kam Flüchtlingen und ausgebombten Bürgern Schwandorfs zugute.

Kurz vor Weihnachten erreichten die Stadt Schwandorf erneut belastende Nachrichten: Am 20. Dezember 1945 wurde Bürgermeister Franz Sichler vom damaligen Landrat Dr. Winkler wegen unklarer wirtschaftlicher Entscheidungen und einer kurzzeitigen Mitgliedschaft in der NSDAP seines Amtes enthoben. Die Anschuldigungen erwiesen sich später als nicht zutreffend.

Statt Jubel nur ein leiser Trost

Und dann kam der 24. Dezember 1945: Ein nasskalter Montag, grau und ohne Schnee. Über der Stadt Schwandorf lag kein Lichterglanz, sondern Stille. In den zerstörten Straßenzügen brannten nur wenige Kerzen, oft auf einfachen Tischen, manchmal auf umgedrehten Kisten. Die Christbäume waren klein oder fehlten ganz, der Festschmaus bescheiden.

Doch in vielen Wohnungen und Notquartieren saßen Familien zusammen, teilten das Wenige, was sie hatten, und dachten an jene, die fehlten. In dieser stillen, verletzlichen Weihnacht lag kein Jubel – aber ein leiser Trost. Und die Hoffnung, dass es trotz allem weitergehen würde.

Das sind die verwendeten Quellen für diesen Text:

• Die Stadtführung: Die Informationen zu Roman Stich verdankt die Autorin der Stadtführung „Starke Frauen in Schwandorf – hilfsbereit, mutig, weltoffen!“.

• Das Buch: Der überwiegende Teil des Textes geht auf das Buch „Schwandorf 1945. Leben in einer zerstörten Stadt“ von Stadtarchivar Josef Fischer und Erich Zweck zurück.