80. Jahrestag: Stadt und Kirche gedachten den Opfern des Bombenangriffs – Zeitzeugin erinnert sich

Eine Nacht, die unvergessen bleibt: Am 17. April 1945 flogen 175 britisch-kanadische Flugzeuge über die Stadt Schwandorf und warfen eine Bombenlast von 633 Tonnen ab. Das Inferno begann um 3.52 Uhr und dauerte nur 15 Minuten, doch die Folgen waren verheerend: Über 1250 Menschen verloren in dieser Nacht ihr Leben und Tausende wurden verletzt. Mehr als 6000 suchten Schutz in den Felsenkellern.
Um die Erinnerung an diese schicksalhafte Nacht aufrechtzuerhalten, fanden sich am vergangenen Mittwoch Bürger der Stadt Schwandorf, Vertreter der Kirchen und der Politik zu einem ökumenischen Gottesdienst in der ehemaligen Klosterkirche der Dominikanerinnen ein, um gemeinsam zu gedenken.
Pfarrer Christian Kalis erinnerte in seiner Ansprache an das unfassbare Leid, das die Bombennacht über die Bevölkerung brachte. Der Geistliche sprach sich gegen das Vergessen, für das Miteinander und für den Frieden aus. Im Anschluss legten der stellvertretende Landrat Richard Tischler, Oberbürgermeister Andreas Feller und der 2. Bürgermeister Andreas Wopperer am Ehrenmal in der Fichtlanlage einen Kranz nieder. Die Krieger- und Soldatenkameradschaft Schwandorf stellte eine Ehrenwache.
Der Morgen danach
Gegen das Vergessen ist auch eine Schwandorfer Zeitzeugin. Die Erinnerungen aus der Kindheit bewahrt sie bis heute. Barbara Berger, geborene Baier, denkt noch oft an die Ereignisse vor und nach der Bombardierung zurück. „Der 16. April 1945 war ein ganz normaler Tag, wie jeder andere. Ich ging zur Schule und wieder nach Hause.“ Die damals Achtjährige lebte mit ihrer Familie zu dieser Zeit in der Seelenhausgasse 3, neben der Stettnermühle.
In der Nacht des Angriffs suchte die Familie Baier Schutz im hauseigenen Keller. „Als wir die Christbäume am Himmel sahen, hatten wir große Angst. Die ganze Familie ging in den Keller. Dort waren auch die anderen Bewohner des Hauses, auch zwei Kinder“, erinnert sich Berger. Die bei Nachtangriffen zur Zielmarkierung in Gruppen eingesetzte Leuchtmunition der Pfadfinderflugzeuge bekam von der Bevölkerung den Spitznamen Christbäume.
„Ich weiß nicht wie lange wir dort in der Dunkelheit saßen. Irgendwann klopfte es an der Tür. Die Großmutter wollte niemanden reinlassen. Wir hatten Angst, doch es war eine Spitalschwester“, erinnert sich die Schwandorferin. Als sie ihr die Tür öffneten war es draußen so hell wie am Tag. Die Schwester erzählte ihnen, dass sie zuvor in der Landwirtschaft am Marktplatz Kühe gemolken hat. Da sie wusste, dass es in der Seelenhausgasse Kinder gibt, wollte sie noch die Milch vorbeibringen. Außerdem erwähnte sie, dass der Wind die Christbäume am Himmel weggeweht hat.
An den Bombenangriff selber kann sich Barbara Berger nicht mehr erinnern. Nur an den Morgen danach: „Die Großmutter hatte Angst, dass die Flieger zurückkommen.“ Die Familie packte so schnell es ging das Nötigste und floh nach Prissath zu einem Landwirt. „Wir mussten schnell laufen.“
In Prissath angekommen fragte die Großmutter den Landwirt als erstes, ob er einen weißen Stoff hat und erklärte: „Die Amerikaner kommen. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir Frieden wollen.“ Der Landwirt fand letztendlich ein altes weißes Bettlacken. Mehrere geflüchtete Familien aus Schwandorf blieben aus Angst vor einem weiteren Bombenangriff auf der Landwirtschaft in Prissath für die nächsten drei bis vier Tage und schliefen auf Heuwägen.
Danach kehrten alle nach Schwandorf zurück. Die Familie Baier fand das Haus, in dem sie gewohnt hat unbeschädigt vor, durfte jedoch nicht hinein. „Wir mussten einige Tage in den Felsenkeller, wo viele Schwandorfer Schutz suchten“, berichtet Berger. Dort erfuhr sie auch, dass eine Schulfreundin bei der Bombardierung umgekommen war.
Besonderes Geschenk
Einige Tage später forderten die Amerikaner, dass alle den Felsenkeller verlassen müssen, um Krankheiten und Seuchen zu verhindern. So kehrte auch die Familie Baier in ihre Wohnung zurück. Die Stadt Schwandorf stand nun unter amerikanischer Besatzung und die Bürger musste täglich mit Kontrollen rechnen. Die Seelenhausgasse 3 wurde zunächst verschont, da die amerikanischen Soldaten dachten, dass dieses Haus zur Mühle gehört.
Eines Tages klopften sie dann doch an der Tür und die kleine Barbara versteckte sich aus Angst unter einer Decke. Ein amerikanischer Soldat fand sie und schenkte ihr eine Tafel Schokolade. „Nicht weinen“, sagte er zu ihr. Die damals besondere Süßigkeit wurde bis Weihnachten aufgehoben und für einen Kuchen verwendet, so dass die ganze Familie was davon hatte.
Gemeinsam mit vielen anderen Schwandorfern half Barbara Berger, die Stadt Schwandorf wieder aufzubauen. Ihr Appell an die heutige Generation ist klar: „Wir müssen über diese Ereignisse sprechen. Es wurde viel zu lange geschwiegen.“


