80 Jahre nach Kriegsende bergen Schüler in Obertraubling verlorenes Wissen zu den Todesmärschen

Vor 80 Jahren starben Tausende KZ-Häftlinge kurz vor Kriegsende. Mancherorts wurde die Erinnerung rasch verdrängt. Jetzt tritt die Enkelgeneration auf den Plan und gestaltet neue Erinnerungsorte – wie in Obertraubling im Landkreis Regensburg. In Bruck im Landkreis Schwandorf sorgte eine Entdeckung für Entsetzen.
Blau, orange, gelb und immer wieder schwarz: Hoffnung und Hoffnungslosigkeit kleben Scheibe an Scheibe. Den Seelenraum haben 13 Schüler der 10d der Realschule Obertraubling (Lkr. Regensburg) mit Künstlerin Katja Barinsky entworfen. Das Mahnmal, Herzstück einer Figur aus Flossenbürger Granit, steht seit Freitag unweit der Schule und erinnert an die Greueltaten der Nazis in Obertraubling. An anderen Orten tut man sich dagegen schwer mit der Erinnerungskultur.
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Zeitsprung in den April 1945: Als die alliierten Streitkräfte immer näher rückten, wurde ab dem 8. April das Konzentrationslager Flossenbürg samt Außenlagern geräumt. In dieser Zeit waren dort laut dem Historischen Lexikon Bayern fast 46 000 Menschen interniert. Und diese schwer gezeichneten, abgemagerten und ausgemergelten Gefangenen sollten keinesfalls den Alliierten in die Hände fallen. Deshalb gab SS-Reichsführer Heinrich Himmler den Befehl: „Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen.“ Auf verschiedenen Routen sollten die Häftlinge – streng bewacht von der SS – zum KZ Dachau gebracht werden. Mindestens 5000 Gefangene starben dabei. Wer nicht mehr konnte, versuchte zu fliehen oder um Essen bettelte, wurde erschossen. Und selbst für jene, die befreit werden konnten, gab es oft keine Rettung. Sie hatten keine Kraft mehr.
50 Tote und keine Erinnerung
Bruck (Lkr. Schwandorf): Bei der Bundestagswahl hat die AfD hier fast 33 Prozent erreicht. Jene Partei, deren Ehrenvorsitzender Alexander Gauland die Herrschaft der Nationalsozialisten als „Vogelschiss der Geschichte“ eingeordnet hatte. Was in den letzten Kriegstagen im Ort passiert war, ist längst vergessen. Deshalb forderten Bürger alten Gerüchten nachzugehen, dass auch durch Bruck KZ-Häftlinge getrieben worden waren. Ortsheimatpfleger Alois Wittmann begann zu recherchieren. Er legte offen, dass nicht nur die Todesmärsche an drei aufeinanderfolgenden Tagen durch Bruck führten, sondern auch 50 Häftlinge hier starben. Und kein Gedenkort erinnerte daran. „Das ist leider die Realität. Das Schreckliche, das in Bruck geschah, wurde zu Tode geschwiegen“, sagt er. Wittmann fand auch heraus, dass US-Militärs die Ansässigen zwangen, die Leichen zu bergen und würdig auf dem Friedhof beizusetzen. Später wurden die Toten, von denen 30 identifiziert werden konnten, auf den KZ-Friedhof Wetterfeld umgebettet und in den 1950er Jahren auf den Ehrenfriedhof Flossenbürg. An der Mittelschule Bruck arbeiten inzwischen Schüler an der Umsetzung eines Mahnmals und führen Zeitzeugengespräche. Der Ortsheimatpfleger schreibt an einem Buch.
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Der Ehrenfriedhof in Wetterfeld (Lkr. Cham), damals einer der größten in Bayern, ist längst verschwunden. Dort, wo nach Kriegsende 597 Opfer der Todesmärsche bestattet wurden, donnern heute die Autos durch eine Unterführung der B 85. Die Gedenkstätte mit ihren drei Kreuzen wurde 1972 auf eine Anhöhe verlegt. 2015 wurde zudem ein Gedenkstein am Gemeindehölzl aufgestellt, wo 50 marschunfähige Menschen von der SS erschossen worden waren.
Über 100 Anfragen pro Jahr in Flossenbürg
In Wetterfeld gab es unmittelbar nach dem Krieg viel Engagement, wie Wissenschaftler der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg recherchiert haben, auch hinsichtlich der Identifizierung der Opfer. Eine Überlebenden-Initiative plante sogar, die Habseligkeiten umgekommener Häftlinge in einer Art Mausoleum am Wetterfelder Friedhof in Glaskästen auszustellen, damit sie Angehörigen bei der Identifikation helfen können. Das Denkmal wurde nie umgesetzt und die heutige Gedenkstätte liefert keine Auskünfte zu Personen. Dabei, so heißt es aus der Gedenkstätte Flossenbürg, gibt es weiter Nachforschungen zu Schicksalen, inzwischen aus der Enkel-Generation. „Es sind über 1000 Anfragen pro Jahr“, sagt wissenschaftlicher Mitarbeiter Dr. Timo Saalmann.
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Den Todesmarsch aus dem Regensburger KZ-Außenlager Colosseum haben nur knapp 50 von 500 Häftlingen überlebt. Er wurde am 1. Mai 1945 in Laufen/Salzach befreit. Auch hier lässt das Bemühen um die regionale Erinnerungskultur nach. Die Studentin Lena Thurnhausstatter hat deshalb eine Initiative gestartet. „Viele Erinnerungszeichen in Laufen werden kaum noch wahrgenommen. Zum Teil wachsen Pflanzen darüber, man kann die Texte nicht mehr gut lesen oder es liegen nur zu speziellen Anlässen Kränze, Blumen oder Kerzen dort.“ Das will Thurnhausstatter ändern und vor allem auch Denkanstöße liefern, wie nachfolgenden Generationen das damalige Geschehen nachhaltig vermittelt werden kann. Mahnmale und Vorträge allein werden nicht reichen, ist sie überzeugt. „Man wird die sozialen Medien noch viel mehr nutzen müssen.“
„Hat mich stutzig gemacht“
Auch Lisa Pütz, Stadtarchivarin in Dingolfing, treibt der Kampf gegen das Vergessen um. In Frauenbiburg (Lkr. Dingolfing-Landau) starben mindestens 15 Menschen bei den Todesmärschen. „Was mich wirklich stutzig gemacht hat, ist, dass es auf dem Friedhof keinerlei Hinweis mehr auf diese Ereignisse gibt, nicht mal mehr eine Gedenkplatte oder eine Inschrift irgendwo.“ Saalmann erläutert, dass das Gedenken nach dem Krieg pauschalisiert wurde. „Einzelschicksale sollten nicht im Vordergrund stehen.“ Auch so geriet das Wissen um diese Taten mancherorts verloren.
In Obertraubling werden die Schüler am 8. Mai den neuen Gedenkort, betitelt „Achte meine Seele“, einweihen. „Der Blick in die Gegenwart und Zukunft war uns ein besonderes Anliegen. Jetzt zu erkennen, wo ein guter Weg ist und ihn zu gehen, das müssen unsere Jugendlichen schaffen“, sagt Künstlerin Barinsky. 80 Jahre nach dem Krieg sind solche Initiativen wohl wichtiger denn je.

