80 Jahre nach Naziterror im KZ Flossenbürg: Viele Lehren für das Jetzt

Von Christine Schröpf · 2. April 2025 um 05:00

Im April 1945 wurde das KZ-Flossenbürg im Landkreis Neustadt an der Waldnaab befreit, kurz davor wurde dort der Theologe Dietrich Bonhoeffer ermordet: Den ganzen Monat über finden in der Gedenkstätte Veranstaltungen statt. Leiter Jörg Skriebeleit rechnet wegen der Weltlage mit hochpolitischen Terminen.

80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers, zum 80. Mal jährt sich auch die Ermordung des evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer im Arresthof: In der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg wird im April an die grausamen Verbrechen des Hitler-Regimes erinnert. Aber auch daran, welche Pflicht daraus für Menschen wächst – gerade in Zeiten, in denen etwa Bonhoeffers Widerstand gegen den NS-Unrechtsstaat von evangelikalen Trump-Anhängern missbraucht wird. Gedenkstellenleiter Jörg Skriebeleit registriert wegen der unsicheren Weltlage bei allen Terminen viel höheres öffentliches Interesse als sonst. „Man kommt sehr bewusst an die Orte, um sich beim Blick in den Höllenschlund zu versichern, was nicht mehr passieren darf“, sagt er.

250 Jugendliche vor Ort

Zentrale Gedenkakte, zwei live im Bayerischen Fernsehen übertragene Gottesdienste, internationale Jugendbegegnungen und eine Fachtagung werden in diesem Monat stattfinden. Zunächst rückt Bonhoeffer in den Mittelpunkt, der am frühen Morgen des 9. April 1945 kurz nach seiner Ankunft in Flossenbürg wie sechs andere Häftlinge an einem Galgen erhängt wurde. Der Theologe hatte sich 1940 dem Widerstand gegen Adolf Hitler angeschlossen, 1943 war er festgenommen und eingesperrt worden.

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Bonhoeffers Leben und Werk steht ab diesem Donnerstag erst bei Jugendbegegnungen im Fokus, in der Woche darauf dann bei einer Fachtagung. Skriebeleit rechnet mit den bisher politischsten Treffen in der Gedenkstätte, auch vor dem Hintergrund der politischen Instrumentalisierung Bonhoeffers, die viele Menschen umtreibe. Das Gedenken 2025 sei nicht allein rückwärtsgewandt, „sondern etwas, was uns auch weiterbringt in der Aushandlung demokratischer Prozesse“.

Zu den Jugendtreffen werden insgesamt 250 Menschen erwartet, darunter Gäste aus Bonhoeffers Geburtsstadt Breslau, aus Schweden und Ungarn. Unter dem Titel „Grenzenlos hoffen – mutig handeln“ gibt es eine Vielzahl von Workhops, etwa zum Bonhoeffer-Zitat „Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit“. Den Gedenk-Gottesdienst am Sonntag um 10 Uhr zelebriert Landesbischof Christian Kopp.

Gedenkandacht mit Regionalbischof Stiegler

Den zweiten Schwerpunkt setzt die Bonhoeffer-Fachtagung von Evangelischer Akademie Tutzing, Gedenkstätte und deutscher Sektion der Bonhoeffer-Gesellschaft am 7. und 8. April. Eine der zentralen Fragen auch dort: „Wie gehen wir mit der autoritären Vereinnahmung seines Erbes um?“ An Bonhoeffers Todestag findet an seinem Hinrichtungsort eine Gedenkandacht mit dem Regensburger Regionalbischof Klaus Stiegler statt. Bonhoeffer fasziniert nach Stieglers Worten junge wie auch ältere Menschen bis heute auch deshalb, weil er bis zu seiner Ermordung unerschütterlich seinen Überzeugungen gefolgt ist. Er habe habe daran festgehalten, grenzenlos zu hoffen, „auch in den abgründigsten Momenten“. Sein Beispiel gebe Kraft, die Welt in Zeiten von Autokratie und Wahnsinn besser zu machen. „Im Geiste Bonhoeffers ist sicherlich, dass Demokratie nichts ist, was sich vererbt oder einfach weitergeht, sondern in jeder Generation neu zu erwerben ist – und zwar mit Wachsamkeit.“

Udo Hahn, Direktor der Evangelischen Akademie, wendet sich energisch gegen die seit Jahren zu beobachtende Okkupation Bonhoeffers durch nationalistische und rechtsextreme Kreise auch in Deutschland. Die Widerstandskämpferin Sophie Scholl sei ebenfalls betroffen. Es würden „historisch falsche Gleichsetzungen zwischen unserer Gegenwart und der Diktatur des Nationalsozialismus behauptet“. Bonhoeffer habe sich jedoch „niemals auch nur in der Nähe rechtsextremer gewalttätiger Bewegungen gesehen“. Im Gegenteil: Er habe „den Geist der Enge, der Unfreiheit und der Ausgrenzung“ entschieden bekämpft.

Sechs Überlebende reisen an

Höhepunkt und Abschluss der Serie von Erinnerungsterminen ist am Ende des Monats: Am 27. April findet die zentrale Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers statt. Sechs Überlebende haben ihr Kommen zugesagt, berichtet Gedenkstellenleiter Skriebeleit. Die Zahl wird von Jahr zu Jahr kleiner, weil der Personenkreis inzwischen hoch betagt ist. Viele, die früher immer dabei waren, sind inzwischen gestorben. Skriebeleit verweist aber auf die fast 300 Angehörigen von Überlebenden, die sich dieses Mal angemeldet haben. Erstmals sind Gäste aus Neuseeland vor Ort. „Die größten Gruppen kommen aus Polen, Belgien und Italien“, sagt er.

Vier Angehörige stünden beim Gedenkakt auf der Rednerliste – und zwar sehr bewusst: „Weil man dadurch sieht, dass es eine Geschichte ist, die nicht vergeht, sondern bis heute in die Familien der Betroffenen hineinwirkt.“