Zwei vergessene Namen: Ihre große Leistung für die Todesmarschtoten rund um Roding kennen nur Experten

August Schober und Dr. Tadeusz Wolanski sind zwei Namen, die im Landkreis Cham kaum einer kennt. Dabei haben sie mit einfachsten Mitteln, medizinischen Kenntnissen, großer detektivischer Leistung und manchmal sogar geheimdienstlich anmutenden Methoden vor über 70 Jahren rund um Roding etwas geleistet, was heute noch Respekt abnötigt. Sie haben in der unmittelbaren Nachkriegszeit Hunderten von unbekannten, verscharrten Leichen wieder einen Namen gegeben.
Wie schwer das noch heute ist, machen aktuelle Krimiserien deutlich. Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs mussten teilweise die Methoden erst entwickelt werden und es gab politische und gesellschaftliche Interessen, die der schnellen Identifikation von KZ-Opfern, die auf einem der vielen Todesmärsche umkamen, entgegenstanden. Welche Leistung das war, lässt ein Artikel von Robert Werner unter Regensburg-digital anklingen. Darin heißt es: „Von den 597 exhumierten und auf dem Wetterfelder KZ-Friedhof umgebetteten Toten bekamen somit 236 einen Namen und einen Sterbeort zugeordnet. Eine beispiellose Leistung, die kein anderer KZ-Ehrenfriedhof in der damaligen US-Zone vorweisen kann! “
Sprechen wir zunächst über Dr. Tadeusz Wolanski. Der polnische Arzt und Leiter der Exhumierungskommission bei Wetterfeld war selbst KZ-Häftling und auch auf dem Todesmarsch vom 20. bis zum 23. April 1945 von Flossenbürg nach Wetterfeld dabei. So schreibt er jedenfalls mit fünf anderen Ärzten und Protokolanten in der Schlussformel des Exhumierungsprotokolls für 313 Tote zwischen Diebersried und Wetterfeld, die im KZ Friedhof begraben wurden.
Deren beeindruckende Dokumentation visualisiert die Fundorte auf einer Landkarte, differenziert Todesursachen und gibt auf knapp 600 Einzelprotokollen Identifikationsmöglichkeiten an Hand von Nummern, Kleidungsstücken und Habseligkeiten der Toten im Detail. Ähnlich gründliche Dokumentationen, einschließlich der detaillierten Protokolle, die auch angeben, was bei den Toten noch in den Tasche gefunden wurde, sind für die Todesmärsche selten und daher für die Forschung heute besonders wertvoll. Wolanski, Schober und weitere Männer waren auch an vielen anderen Orten im Altlandkreis Roding tätig, um Überreste von Todesmarschopfern zu bergen, um sie später in Wetterfeld beerdigen zu können.
Nur um keine Zweifel darüber aufkommen zu lassen, wie die 597 in Wetterfeld beerdigten KZ-Häftlinge zu Tode kamen, zitieren wir aus dem Abschlussprotokoll von Wolanski: „Erschossen 364; Ermordet durch Kolbenschläge 44, Erstickt durch Erdverschüttung mit Gewissheit festgestellt 24; Wahrscheinlich erstickt durch Erdverschüttung 8; Allgemeine Körperschwäche 19; Nicht festgestellt 138. “
Doch was waren die Todesmärsche? Einfach beschrieben die Folge der Auflösung der verschiedenen Konzentrationslager im Zuge des Zusammenbruchs des Dritten Reichs. Leslie Kleinmann, ein ungarischer Jude, der bei Stamsried befreit wurde, erzählte beispielsweise bei einem Überlebendentreffen 2015, dass sein Todesmarsch in Auschwitz begonnen hatte und Flossenbürg für ihn nur eine Zwischenstation war.
Was der Zweck dieser Märsche war, ist durchaus wissenschaftlich umstritten. Die pragmatische Darstellung, dass die Märsche einfach die letzte Möglichkeit zum Vertuschen des Lagersystems und dem gleichzeitigen Erhalt der Arbeitssklaven war, ist wohl zu kurz gegriffen. Man kann sie auch als die letzte systematische Möglichkeit zur Vernichtung der KZ-Häftlinge sehen vor dem Hintergrund des Vorrückens der alliierten und der russischen Armeen. Die Todesmärsche aus dem KZ Flossenbürg sind nur ein Bruchteil dieser Evakuierungsmärsche, wie sie zeitgenössisch bezeichnet wurden.
Ein außergewöhnlicher Friedhofswärter
Und wer war August Schober? Der 1904 in Wien geborene Mann war wegen seiner Homosexualität im April 41 in den KZ-Kosmos geraten. Er wurde mehrfach verlegt: Von Dachau nach Buchenwald und von dort nach Flossenbürg. Als einer der Befreiten des Todesmarsches scheint er schon in der direkten Nachkriegszeit mit Wolanski an den Exhumierungen der Toten und der Umbettung nach Wetterfeld im Auftrag der US-Armee beteiligt gewesen zu sein. In dieser Zeit wird er auch der Friedhofswärter auf dem Ehrenfriedhof in Wetterfeld. 1947 schreibt er in einem Bericht an die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration, die Hilfsorganisation der UNO): „Auf Vorschlag des polnischen Arztes Dr. med Tadeusz Wolanski, der selbst KZ-ler war, und im Auftrag der amerikanischen Militärregierung wurde im Landkreis Roding in Wetterfeld ein Ehrenfriedhof für alle im Landkreis ermordeten und verstorbenen KZ-Häftlinge errichtet. Er umfasst 600 Tote.“
Jeder Name zählt bei der KZ-Opfern
Was später Grundlage der Arbeit von Schober für die Identifizierung war, beschreibt er gleich darauf: „Die vorgefundenen KZ-Nummern und Gegenstände bei den Toten sind in Tüten verwahrt und in die Obhut der Verwaltung des Friedhofs genommen.“ Sein künftiges Ziel nennt Schober auch: „Die Hauptaugenmerke werden von der Verwaltung des Friedhofes darauf gelegt, die namentliche Feststellung der Toten zu ermitteln.“
Doch kurz nach dem Krieg waren die Identifikationen alles andere als einfach. Frustriert schreibt der damit befasste August Schober 1947: „Die Ergebnisse sind bis jetzt nicht sehr befriedigend.“ Schober betreute den KZ-Friedhof in Wetterfeld und kümmerte sich für die UNRRA (eine Hilfsorganisation der UNO) um die Aufklärung von Vermisstenfällen.
Zwar konnten bei den Exhumierungen teilweise die KZ-Nummern bei den Toten gesichert werden, aber es gab drei grundsätzliche Probleme. Zum einen hatten die Toten manchmal Kleidung mit verschiedenen Nummern an. Arbeitshypothese damals soll gewesen sein, die unterste Kleidungsschicht wird die „richtige“ Nummer tragen. Zum anderen waren aus den Nummern nur dann Namen zu machen, wenn man auf die entsprechenden Nummernbücher aus den jeweiligen KZ-Lagern zugreifen konnte. Ein Problem dass Schober besonders herausforderte.
Entsetzen auf dem Friedhof
Ein drittes Problem war, es gab etliche gleiche Nummern, denn jedes Lager hatte sein eigenes Zählsystem und teilweise z.B. im KZ Buchenwald wurden die gleichen Nummern mehrfach vergeben. Man muss sich das Entsetzen eines Mitarbeiters am KZ-Friedhof in Wetterfeld vor Augen führen, als er bei einem Toten seine eigene Nummer entdeckt. Das Schreiben an seine Vorgesetzten ist noch im Staatsarchiv Amberg erhalten. Der Mann versucht zu erklären, wie das sein kann, und bittet inständig „diese Nummer besonders zu beachten“. Vermutlich um als Überlebender nicht noch nachträglich zu den Toten gezählt zu werden.
Welche Probleme die gleichen Nummern bereiten, ist aus einem Briefwechsel einer UNRRA-Mitarbeiterin in Ansbach und Schober zum Jahreswechsel 46/47 herauszulesen. Die Frau mit englischen Namen schreibt Schober: „Ich habe noch niemanden gefunden, der mir sagen konnte, wie man erfährt, zu welchen Lagern diese Nummern gehören.“ Seine Expertise erklärt Schober so: „Über Ihre Anfrage, wieso wir erkennen können, aus welchen Lagern die Toten stammen, wollen wir Ihnen mitteilen, dass sowohl ich sowie andere Kameraden, die hier mitarbeiten, in verschiedenen KZ.-Lagern waren und daher die Formen der Nummern, wenigstens von den großen Lagern, wie Dachau, Buchenwald, Flossenbürger, Großrosen etc. unterscheiden können.“
Wie kommt Schober an die Nummernbücher der KZs
Größtes Problem ist es für Schober aber aus den Nummern, zu denen die Nazis die Menschen im Lagersystem machten, wieder Menschen mit Namen zu machen. Dazu bräuchte er die jeweiligen Nummernbücher, aber die sind zur damaligen Zeit nicht greifbar. Aus zwei Gründen. In der US-Zone bereiten die War Crime Groups die Kriegsverbrecher-Prozesse in Dachau vor. Die Namenslisten werden dafür gebraucht und die Unterlagen sollen zunächst nicht herausgegeben werden. Schober nutzt hier die Kontakte zu einem Überlebenden des KZs Flossenbürg, Karl Josef Gautsch, der für die War Crime Group tätig ist und offensichtlich Zugang zu eigenen Listen hat.
Noch schwieriger ist für Schober der Abgleich der Nummern aus Buchenwald. Auch hier kommt er über Kontakte zu Ex-Häftlingen zunächst zu einer inoffiziellen Teilabschrift. Die kann er aber nicht für die dringend benötigten Totenscheine nutzen, wie sich mehrfach gegenüber Vorgesetzten Behörden beklagt. Seine Versuche offiziell an solche Namenslisten zu kommen scheitern, an den politischen Verhältnissen im beginnenden Kalten Krieg. Das Ministerium für Arbeit in der Sowjetischen Zone teilt Schober schnoddrig mit, er solle sich an die US-Armee wenden, „da die Amerikaner bei ihrem Abzug aus Thüringen die beiden wertvollen Namenskarteien des KZ-Buchenwald mitgenommen haben. “
1947 kann Schober als ehemaliger Häftling Weimar anlässlich der Einweihung des Buchenwald-Denkmals besuchen. Bei diesem Besuch erhält er den Kontakt zur Holländischen Militärmission und kann dort die dortigen Listen abschreiben und vergleichen. Und über Gautsch kann er eine Teilliste aus dem KZ Flossenbürg erlangen.
Wetterfelder KZ-Friedhof war ein wichtiger Ort
Für wie wichtig Schober die Arbeit der Wetterfelder Dienststelle hält, schreibt er 1947 an Gautsch: „Eine ähnliche Dienststelle wie die hiesige gibt es nicht. Die KZ-Friedhofverwaltung Wetterfeld ist zugleich die Bearbeitungsstelle aller errichteten und zu errichtenden KZ.-Friedhöfe von Niederbayern und der Oberpfalz. Auch der KZ-Friedhof Rettenbach, Lkr. Regensburg, sowie die geplanten KZ-Friedhöfe in Neunburg vorm Wald, Kelheim etc. sollen von hier im Auftrag des Staatskommissariats durchgeführt werden.“
Ob es sich dabei um ein Wunschbild Schobers handelte, oder ob es tatsächlich diese Pläne gab, war nicht zu klären. Dass die Auffassung Schobers nicht aus der Luft gegriffen war, zeigt die Größenordnung der Einweihungsfeier des Friedhofs in Wetterfeld am 1. November 1947. So gab es eine Verpflegungszuteilung für 500 Gäste und eingeladen waren als Ehrengäste Ministeriumsvertreter und Militärs.
Trotz dieser Einschätzung, zehn Jahre später waren die rund 500 KZ-Friedhöfe in Bayern Geschichte. Die Toten wurden in Ehrenfriedhöfe in Dachau und Flossenbürg umgebettet. Genutzt wurde dabei der Einsatz eines französischen Exhumierungsdienstes, der die französischen Toten nach Frankreich zurückführte. Sie exhumierten auch alle anderen Toten und brachten sie in die Gedenkstätten.
Treppenwitz der Geschichte
Es klingt wie ein Treppenwitz der Geschichte, dass im Ergebnis dieser Aktion die ursprünglichen Kontexte der Verbrechen und viele Identifizierungen verloren gingen, um die sich Schober so bemüht hatte. Heute können manchmal nur noch die Grabreihen, aber nicht mehr die exakte Grablage lokalisiert werden, erklärt ein Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Das soll jetzt durch ein Forschungsprojekt zum Ehrenfriedhof und den Todesmärschen angegangen werden, um so möglichst viele dieser „Cold Cases“ künftig doch noch klären zu können.
Das Grab von Dr. Tadeusz Wolanski
Dr. Tadeusz Wolanski war der einzige, der auf dem KZ-Friedhof in Wetterfeld beerdigt wurde, obwohl er nicht beim Todesmarsch umkam. Er hatte mit dafür gesorgt, dass dieser Friedhof überhaupt entstand. Bei den Umbettungen der entlang der Todesmarschstrecke verscharrten Opfer nach Wetterfeld schuf er durch seine genaue Arbeit die Grundlagen für eine Identifizierung der Leichen.
Der 1906 in Warschau geborene Wolanski verstarb im August 1947 bei einem Badeunfall in der Donau. Was nach der Auflösung des Friedhofes 1957 mit den sterblichen Überresten von Wolanski geschah, ist nicht genau zu klären. Im Gegensatz zu den Todesmarschtoten scheint er nicht auf den Ehrenfriedhof nach Flossenbürg umgebettet worden zu sein.
Das Stadtarchiv in Roding besitzt ein Schreiben der für die KZ-Friedhöfe zuständigen Schlösser und Seen-Verwaltung an die Witwe von Wolanski, in der es ihr erlaubt wird, die Leiche auf den Friedhof Pösing umzubetten. Ob das tatsächlich geschehen ist, war bislang nicht zu ermitteln.
Die Quellen der Information
Die Grundlagen zu diesem Artikel stammen zu großen Teilen aus dem Staatsarchiv Amberg, dem Archiv der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg und der Unterstützung durch den Gedenkstättenmitarbeiter René Bienert. Genutzt wurden auch das Archiv in Bad Arolsen und die Archive in Roding und Pösing.
Die historischen Aufnahmen stammen vom Jüdischen Museum in Sydney.
Der Autor bedankt sich für die weitreichende Unterstützung dieser Stellen.


