Die Exhumierungen rund um Wetterfeld sind ein einzigartiges Beispiel für die Forschung

Die Todesmärsche rücken immer mehr in den Fokus der wissenschaftlichen Forschung. Auch der von Wetterfeld und damit der bis 1957 dort bestehende KZ-Friedhof. Vor kurzem fand in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ein Treffen von Forschenden zu diesem Thema statt, bei der der Gedenkstättenmitarbeiter René Bienert über den ehemaligen KZ-Friedhof in Wetterfeld berichtete. Anlass war ein jüngst gestartetes Forschungsprojekt, in dem sein Kollege Maximilian Schulz sich in den nächsten Jahren mit den Todesmärschen aus dem Lagerkomplex des KZ Flossenbürg und dem Ehrenfriedhof in der heutigen Gedenkstätte auseinandersetzen wird.
Herr Bienert, wie wichtig ist heute noch die Identifikation von Todesmarschopfern und die Kenntnis der Grablagen?
Extrem wichtig. Viele denken ja immer, das ist jetzt schon lange vorbei. Aber das stimmt nicht. Mindestens alle zwei Monate gibt es eine Anfrage von Angehörigen zu einem Vermissten. Mittlerweile von Enkeln und Urenkeln der Vermissten. Die Angehörigen haben oft keine Ahnung von den Umständen des Todes und vor allem keinen Ort zu trauern. 80 Jahre später können wir ihnen oft sagen, wo die Überreste ihres Angehörigen liegen. Zumindest ein Gräberfeld. Dann haben sie endlich Gewissheit und einen Ort zu trauern. Das ist für die Angehörigen enorm wichtig, um abschließen zu können.
Und wie wichtig war es nach 45, als Dr. Tadeusz Wolanski , August Schober und andere versucht haben, die Todesmarschopfer rund um Wetterfeld zu identifizieren. Wirklich nur das amtliche Bedürfnis, Totenscheine ausstellen zu können, um Angehörigen Entschädigungen zu ermöglichen?
Das würde ich eher weiter hinten anstellen. Ich glaube, dass Wolanski, Schober und andere vor allem ihren Kameraden einen letzte Liebesdienst erweisen wollten, ihnen eine würdevolle Ruhestätte zu schaffen. (Anm. d. Red.: Der Arzt Wolanski und der KZ-Friedhofswärter Schober waren selbst KZ-Häftlinge und Überlebende der Todesmärsche gewesen) Aber auch die Klärung von Schicksalen war natürlich ein wichtiges Thema. Rauszufinden, wer lebt noch, und wer nicht mehr. Ein weiterer Punkt waren Beweise für die frühen KZ-Prozesse. Immerhin war das halbe Land durch die Todesmärsche zu einem Killing-Field geworden. Man wollte die Verbrechen dokumentieren und aufklären.
Und warum lassen diese frühen Bestrebungen zur Identifikation schon bald so stark nach. Ist das eine Schlussstrich-Mentalität?
Da kann ich nur Vermutungen anstellen. Zum einen will man tatsächlich vergessen, vor allem seit den 1950er Jahren, da kommt von deutscher Seite schon auch der Wunsch nach einem Schlussstrich. Selbst Überlebende wollen bald vor allem nach vorn schauen, um ein neues Leben beginnen zu können. Es gab aber auch ganz pragmatische Gründe, warum die rund 500 KZ-Friedhöfe in Bayern aufgelöst werden und die Toten 1957 in Dachau und Flossenbürg auf Ehrenfriedhöfe kommen. Zum einen gab es einen Skandal um ungepflegte KZ-Friedhöfe, zum anderen war es eine Kostenfrage. Die Bayerische Schlösser- und Seenverwaltung hat den Ehrenfriedhof in Flossenbürg wie einen Park angelegt. Mit Springbrunnen und ähnlichem. Was ja auch in den Geist der Zeit passt. Es war eine Sonntags-Spaziergangs-Idylle für die Umgebung. Ein Zusammenhang zu den mehr als 5500 Todesmarsch-Toten war nicht mehr ersichtlich (Anm. d. Red:. Die heutige KZ-Gedenkstätte mit Dokumentationscenter entstand erst Anfang der 2000er Jahre.)
Wie schätzen Sie aus heutiger Sicht die Identifikationen von Wolanski und Schober ein?
Angesichts dessen, dass heute von den insgesamt mehr als 5500 Todesmarschopfern auf dem Ehrenfriedhof in Flossenbürg kaum mehr als 1400 identifiziert sind, kann die Identifizierungsarbeit, mithin der Verdienst von Akteuren wie Schober und Wolanski, gar nicht hoch genug geschätzt werden. Sie ist extrem professionell und vorbildhaft. Allein die damals erstellte Karte der früheren ursprünglichen Grablagen an der Straße zwischen Diebersried und Wetterfeld mit den Exhumierungsprotokollen ist eine selten konkrete Visualisierung eines Todesmarschgeschehens. Vor allem aber die Exhumierungsprotokolle sind bemerkenswert, nicht nur weil von Überlebenden der Todesmärsche selbst erstellt, die wussten, worauf es bei der Beschreibung und Identifizierung ankommt, wie bspw. die Zuordnung der verschiedenen Häftlingsnummern auf der Kleidung der Toten. Aufgeführt ist zum Beispiel auch, was die verscharrten Häftlinge in den Taschen hatten. Das ist die einzige uns bekannte Quelle darüber, was Häftlinge nach teils Jahren der KZ-Haft noch bei sich hatten, Das gibt es sonst nicht und ist zum Teil sehr berührend, aber auch wissenschaftlich sehr wertvoll. Die Überlebendeninitiative plante sogar, diese Habseligkeiten in einer Art Mausoleum am Wetterfelder Friedhof in Glaskästen auszustellen, damit sie Angehörigen und Freunden auch auf diesem Weg bei der Identifikation helfen können. Das Denkmal ist allerdings nie zur Ausführung gekommen.
Trotzdem wurden bei der Umbettung der Toten von Wetterfeld nach Flossenbürg durch französische Exhumierungsspezialisten Ende der 1950er Jahre die erreichten Identifizierungen nicht berücksichtigt oder sind im Lauf der Zeit verloren gegangen?
Ja. Wir wissen heute oft nur, in welcher Reihe die aus einem konkreten Ort nach Flossenbürg umgebetteten Toten liegen, aber nicht immer genau, welcher Tote in welchem Grab liegt. Zudem sind viele als „unbekannt“ vermerkt, obwohl eigentlich nach 1945 schon einmal identifiziert. Das hoffen wir im Projekt ganz aktuell durch die Suche in belgischen und französischen Archiven zu rekonstruieren und so – auch durch gezielte Recherchen in anderen Archiven und weitere Forschung – den einen oder anderen „Cold Case“ künftig doch noch lösen zu können.
Eine letzte Frage: Am 21. April wurde die Befreiung des KZ Flossenbürg gefeiert. Das galt bislang auch als Überlebendentreffen. Geht das überhaupt noch? Die Menschen müssen doch alle deutlich älter als 90 sein.
Heuer kommt noch einmal eine Handvoll Überlebender. Inzwischen kommen aber auch schon länger immer mehr Angehörige der Überlebenden zu den Treffen, viele inzwischen als Freunde.