Flossenbürg: Noch vier Überlebende sind zum Festakt angereist

Von Marie Campisi · 21. April 2024 um 20:15

Die Zeitzeugen des Holocaust sterben und damit braucht es neue Formen des Erinnerns: Beim 79. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg wird nicht nur darüber diskutiert. Mit dem Granit-Steinbruch gibt es seit Anfang April einen neuen Bereich der Gedenkstätte.

Flossenbürg. Eine dünne Schneeschicht liegt auf den Wiesen der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Es ist kalt und ungemütlich. Den Holocaust-Überlebenden Leon Weintraub erinnert dieses Wetter an etwas. „Bei so einem Wetter wurde ich in Groß-Rosen eingeliefert“, sagt er. Zuvor war er in Auschwitz-Birkenau, aus Groß-Rosen wurde der heute 98-Jährige in das Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz gebracht und schließlich nach Natzweiler. Er ist einer von noch vier Überlebenden, die zum Gedenkakt zum 79. Jahrestag der Befreiung des KZ Flossenbürg angereist sind.

Als die US-Soldaten der 90. Infanteriedivision am 23. April 1945 Flossenbürg erreichten, fanden sie noch etwa 1500 völlig entkräftete Insassen vor. Wenige Tage zuvor wurden 15000 Gefangene auf die Todesmärsche geschickt. Insgesamt wurden hier rund 30000 Menschen ermordet.

650 Gäste beim Festakt

Heute ist das Gelände des Konzentrationslagers zu einem Ort der Erinnerung geworden. Zum Gedenkakt am Sonntag hatten sich über 650 Gäste angemeldet – etwa 150 Personen mehr als in den Vorjahren. Unter ihnen waren zahlreiche Vertreter aus Politik und Gesellschaft. „Man merkt, dass viele Angst haben, dass die Demokratie auf dem Spiel steht“, erklärt sich der Leiter der Gedenkstätte, Jörg Skriebeleit, die vielen interessierten Besucher. Nur die Zeitzeugen werden Jahr für Jahr weniger. Einer von ihnen – Martin Hecht – konnte wegen der aktuellen Lage in Israel nicht nach Deutschland fliegen. Sein Stuhl muss leer bleiben.

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Josef Salomonovic hat Verwandte und Freunde in Israel. Auch der 86-Jährige hat das KZ Flossenbürg überlebt. „Der 7. Oktober war schrecklich“, sagt er über den Angriff der Hamas auf Israel. Er selbst lebt heute in Wien. Junge Gefangene wie Salomonovic mussten in Flossenbürg Zwangsarbeit verrichten. Im Steinbruch, der auf der anderen Straßenseite der Gedenkstätte liegt, wurden sie bis zur völligen körperlichen Erschöpfung ausgebeutet. Der Tod war allgegenwärtig. Anfang April wurde der Steinbruch, in dem Granit für NS-Bauprojekte gewonnen wurde, Teil des Erinnerungsortes. Der Pachtvertrag ist endgültig ausgelaufen. Nun herrscht Ruhe auf dem Gelände, das auch für den Profit steht, den die Nazis aus ihrer Brutalität zogen. Denn ohne den Granit gäbe es, wie Skriebeleit sagt, kein KZ in Flossenbürg.

Und ohne die Überlebenden hätte es vielleicht keine Gedenkstätte gegeben. Erst durch ihren Einsatz wurde in Flossenbürg 1995 mit dem Aufbau begonnen. Für den Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, haben die „steinernen Zeugen der Geschichte“ einen hohen Wert. „Wir brauchen die Gedenkstätten angesichts der massiven Zunahme von Rechtsextremismus und Antisemitismus in unserem Land“, sagt er. Für Bayerns Finanzminister Albert Füracker bedeutet der Tod der letzten Holocaust-Überlebenden vor allem eines: „Dass wir neue Wege finden müssen, diesen wichtigen Zeitzeugen eine Stimme zu geben.“

Menschliche Überreste gefunden

Die Treppen ins Tal des Todes bleiben an diesem Gedenktag geschlossen. Eigentlich hätte eine Urne beigesetzt werden sollen. Denn bei Grabungsarbeiten wurden kürzlich Asche und menschliche Überreste gefunden. Doch wegen des Regens mussten die Gäste in einer Schweigeminute auf dem früheren Appellplatz gedenken.

Leon Weintraub war aus Schweden angereist. „Die Wärme, die einem hier entgegenschlägt, tut gut“, sagt er. Im Café und im Zelt der Begegnung unterhalten sich die Besucher – unter ihnen Angehörige von Holocaust-Opfern, aber auch Flossenbürger. „Erinnerung braucht Offenheit. Erinnerung ist kein leeres Ritual“, sagt Skriebeleit. Er hofft, dass sich die Besucher später auch an diesen Tag und die Gespräche erinnern.

Leon Weintraub ist einer von noch vier Überlebenden, die an der Gedenkfeier teilnehmen.
Der Granit-Steinbruch ist nun Teil des Erinnerungsortes. Der Pachvertrag lief zum 31. März aus.