„Du wirst unterschätzt“: Auf diesen Oberpfälzer Bauernhöfen haben Frauen das Sagen

Chef oder Chefin? Diese Frage stellte sich weder auf dem Kraus-Hof in Untersanding im südlichen Landkreis Regensburg noch auf dem Hof der Familie Eichenseer in Dantersdorf im Landkreis Neumarkt. Denn: Die potenziellen Nachfolger waren allesamt Töchter. Das Sagen haben nun Maria-Theresia Hämmerl (26) und Theresa Eichenseer (29). Die beiden gelten damit als Ausnahme in Bayern – noch.
Wenn Hämmerl als junge Frau mit dem Bulldog fährt, bekommt sie schon mal einen verwunderten Blick ab. Vertreter, die den Hof besuchen, fragen erstmal, wo denn der Chef sei. „Ich kenne persönlich wenig Mädls, die einen Hof übernommen haben, wenn sie einen Bruder hatten“, sagt Hämmerl. Eine landwirtschaftliche Familie mit mehreren Töchtern kenne sie, die jetzt „doch noch den langersehnten Buam“ bekommen hätten, der jetzt Nachfolger werde. Nicht so auf dem Kraus-Hof: Die 26 Jahre alte studierte Landwirtin leitet den Bio-Betrieb in Untersanding mit ihrem Vater und trägt Verantwortung für 65 Milchkühe sowie 120 Hektar Ackerland. „Du wirst einfach unterschätzt als Frau. Du musst dich beweisen.“
Eichenseer verschlug es beruflich zunächst in eine andere Richtung. Nach der Schule hat sie eine Ausbildung zur Elektronikerin für Betriebstechnik gemacht – dann aber gemerkt, dass Landwirtschaft ihr mehr liegt, sagt sie. Die 29-Jährige führt den Betrieb ebenfalls mit ihrem Vater. In Dantersdorf halten sie 70 Milchkühe sowie 60 weibliche Jungtiere.
Viele Betriebsleiter suchen dringend einen Nachfolger
Mit Vorurteilen habe Eichenseer nicht zu kämpfen. Aber als ihr Vater vor rund 25 Jahren einen neuen Milchviehstall ohne Anbindehaltung gebaut hat, sei er „ein bissl schief angeschaut worden“. Schließlich habe er ja drei Mädls – wie soll das überhaupt weitergehen mit dem Hof? Tatsächlich hat es aber nicht nur Eichenseer, sondern auch eine ihrer älteren Schwestern in die Landwirtschaft verschlagen. Allgemein nimmt die 29-Jährige einen Wandel in der Branche wahr. Während Betriebsleiterinnen in der Generation ihrer Eltern Einzelfälle waren, kenne sie mittlerweile in der Oberpfalz einige.

Das macht Hoffnung, denn die Frage nach der Hofnachfolge beschäftigt immer mehr Landwirte. Laut dem Bayerischen Bauernverband (BBV) sind neun Prozent der Betriebsleiter bereits über 65 Jahre alt, mehr als ein Drittel sind zwischen 55 und 64. Nicht selten werden Betriebe aus der Familie gegeben, um weiter zu bestehen.
Das betrifft indirekt nun auch den Kraus-Hof in Untersanding. Der Betrieb muss nach vielen Generationen aus dem Herzen des Dorfs ausziehen, um weiterhin Bio-Milchkühe halten zu dürfen. Der Grund: die 2024 beschlossene Weidepflicht. Durch eine glückliche Fügung wird darum Maria-Theresia Hämmerl einen Hof in Dünzling übernehmen und dort ab April einen nagelneuen Stall für die Milchkühe bauen. Der Bauer dort hat keine Nachfolge und ist heilfroh, in Hämmerl eine Landwirtin gefunden zu haben, die ihn fortführt.
Wenige Höfe in Bayern werden von Frauen geführt
Generell wird die Rolle der Frau immer wichtiger. Noch werden in Bayern lediglich rund neun Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe von Frauen geführt. Das will der BBV ändern – und hat sich ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Bis 2035 sollen es 20 Prozent sein – also jeder fünfte Hof. Die BBV-Landfrauen haben zwar eine Reihe von Forderungen formuliert, um diesem Ziel näher zu kommen, aber die Oberpfälzer Bezirksbäuerin Rita Götz glaubt, dass sich dabei viel selbst regeln wird.
Denn die Aus- und Fortbildungszahlen zeigten deutlich, dass die Zahl der Absolventinnen steigt. Und schon jetzt leisten Frauen oft einen Großteil der Arbeit – auf dem Papier ist aber der Mann der Chef. Doch das dürfe nicht selbstverständlich sein. „Frauen dürfen einfordern, dass ihre Arbeit gesehen wird. Es ist so viel Kompetenz da. Die müssen wir ausschöpfen. Dann haben wir alle gewonnen.“
Was aber eine konkrete Quote für Landwirtinnen betrifft, sind Götz, Hämmerl sowie Eichenseer skeptisch. Wenn nun Frauen bevorzugt behandelt würden, sei das doch mit Blick auf die Gleichberechtigung auch „a bissl a Grampf“, sagt Hämmerl. „Ich halte von einer Quote nichts, die Kompetenz zählt“, findet Götz. „Man muss für den Beruf brennen“, betont Eichenseer.
Bayerischer Bauernverband fordert Mutterschutz für Selbstständige
Um mehr Frauen von einer Betriebsübernahme zu überzeugen, fordern die BBV-Landfrauen, dass die Vereinbarkeit von Familie und Leitung gestärkt wird. Dazu müsse der geplante Mutterschutz für Selbstständige gesetzlich verankert werden, so Götz – am besten noch heuer im UN-Jahr der Landwirtin. Anders als Angestellte haben selbstständige Frauen im Mutterschutz bislang zum Beispiel kein automatisch gesichertes Einkommen. Eichenseer ist bereits Mutter eines zweijährigen Sohnes. Zwar hätte sie die Möglichkeit gehabt, über den örtlichen Maschinenring eine Betriebshilfe zu beantragen, aber das sei durch den Rückhalt ihrer Familie nicht notwendig gewesen. Das ist nicht selbstverständlich – schließlich falle man auch nicht nur ein paar Tage aus. „Und die Arbeit muss trotzdem gemacht werden. “
Die sonstigen Voraussetzungen für eine Betriebsübernahme seien jedoch ähnlich wie für Männer. Als größte Hürde empfindet Eichenseer die fehlende Planungssicherheit. „Die ist ein großes Problem.“ Worauf sich die 29-Jährige aber verlassen kann: ihren Mann. „Ohne ihn geht es nicht.“ Das Gleiche gilt für Hämmerls Mann Lukas. Dass sie die Chefin ist, was so manchen weniger selbstbewussten Mann vielleicht kränken könnte, sei bei den beiden kein Thema – höchstens wenn sie ihn mal im Spaß dran erinnert, wer sozusagen die Hosen anhat.
Die einzige Frau im Kreisvorstand des BBV
Aber nicht nur auf den Höfen sollen Frauen gestärkt werden, auch der BBV will weiblicher werden. Künftig können nicht mehr nur die Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter Mitglied sein, sondern auch deren Partner oder Partnerinnen sowie die auf dem Hof lebenden Kinder – ohne zusätzliche Beiträge. Eichenseer ist als erste Frau Teil des Kreisvorstands in Neumarkt. Wie in vielen Vorständen des BBV sind auch hier die Posten überwiegend mit Männern besetzt, während sich viele Frauen bei den Landfrauen engagieren. „Es dürfen ruhig noch mehr werden. Frauen haben auch was drauf und genauso viel Fachwissen.“
Weitere Infos zum Thema
• EU: Im EU-Schnitt sind rund 32 Prozent der Frauen in landwirtschaftlichen Betrieben in einer Führungsposition tätig. In Deutschland werden nur elf Prozent der Betriebe von Frauen geführt. Die Bundesrepublik zählt damit zu den Schlusslichtern in der EU.
• Forderungen: Die BBV-Landfrauen fordern unter anderem, dass in der Agrarstatistik Frauen, die auf dem Hof einen eigenen Betriebszweig führen, nicht aber den gesamten Betrieb leiten, erfasst werden, um ihre Leistungen sichtbar zu machen. Generell sollen Frauen in der Landwirtschaft mehr gezeigt werden und sich besser durch Kampagnen angesprochen fühlen. Beratungs- und Coachings- sowie Netzwerkangebote sollen erweitert werden. Auch gut ausgestaltete Förderprogramme seien wichtig.