Kann die Oberpfalz mit Südamerika konkurrieren? Bauern über Folgen des Mercosur-Deals

Das umfangreiche Freihandelsabkommen zwischen Deutschland und Südamerika ist unterzeichnet. Bayerns Industrie jubelt – doch geht diese Freude auf Kosten der Landwirte? Mast- und Zuckerbetriebe in der Oberpfalz sind besorgt. Experten des Bauernverbands warnen aber vor Populismus und Schwarzmalerei.
Am Samstag reist EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Paraguay und unterzeichnet in Asunción das Freihandelsabkommen mit dem südamerikanischen EU-Gegenstück Mercosur. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang wurde es besprochen, verschoben, verhandelt. Und nun bildet es die Basis für die größte Freihandelszone der Welt.
Die Industrie- und Handelskammer sieht für Bayerns exportstarke Firmen in dem Deal eine gewaltige Chance. Aber geht dieser Enthusiasmus auf Kosten der Landwirte?
Bayerns Bauern sorgen sich
Während europäische Maschinen oder Autos durch wegfallende Zölle günstiger in Südamerika verkauft werden können, können andersherum Agrarprodukte günstiger in Europa verkauft werden.
Bayerns Bauern sorgen sich: „Wir haben aber viel höhere Standards und Produktionskosten. In Summe werden wir nicht konkurrenzfähig sein“, sagt Ely Eibisch, Präsident des Bauernverbands in der Oberpfalz. „Uns in der Oberpfalz trifft es extrem stark, weil wir uns auf Veredelung spezialisiert haben“, sagt er und nennt als Betroffene in diesem Kontext vor allem Schweine- und Rinderhalter sowie Betriebe im Getreide- und Zuckerbereich. Kleinere Höfe könnten preislich nicht mehr mithalten. Und „klein“ wirkt wohl jeder Oberpfälzer Betrieb gegenüber der Konkurrenten in Südamerika.
EU: Hohe Auflagen für Bayerns Bauern und nun Freihandel mit Mercosur?
70 Milchkühe leben im Stall von Landwirt Franz Obeth im kleinen Dorf Albertshofen zwischen Regensburg und Neumarkt. Unter rotem Licht schläft ein frisch geborenes Kalb, eine Kuh reibt ihren Hintern an einer rotierenden Bürste, junge Tiere werfen beim Fressen spielerisch Heu in die Höhe.
Als Obeth den Stall 2007 baute, habe er die Tierwohlstandards weit übertroffen, sagt er. Diese Auflagen seien seitdem nur gewachsen, parallel zur Bürokratie und der Preisvolatilität. Wenn er nun zu den Mega-Mastbetrieben nach Südamerika schaue, die hunderte bis tausende Tiere aufgrund des Klimas ganzjährig draußen in Feedlots halten können, wisse er nicht, wie er damit konkurrieren solle.
„Unter uns Landwirten herrscht sowieso keine Aufbruchstimmung, jeder ist mit Investitionen vorsichtig“, sagt Obeth, der auch BBV-Kreisobmann in Regensburg ist. „Da hält Mercosur manche noch mehr zurück.“ Dennoch: Er ist kein Fan von Schwarzmalerei. Vielleicht könnte das Mercosur-Abkommen ja den Export von Käse befeuern, sagt er vorsichtig hoffnungsvoll. Und Kontingente würden die Auswirkungen auch abmildern. So werden durch den Deal „nur“ 99.000 Tonnen Rindfleischimporte jährlich in die EU zollreduziert – zum Vergleich: Deutschland allein produziert jährlich eine Million Tonnen.

Die Stimmung bleibt dennoch aufgeheizt: Parallel zur Unterzeichnung des Abkommens in Paraguay werden am Samstag Bauern in Straßburg protestieren und auch in Deutschland regte sich in den vergangenen Tagen Widerstand. In Hagelstadt südöstlich von Regensburg zum Beispiel trafen sich am vergangenen Samstag Landwirte zu einem „Mahnfeuer“ auf einem Winterweizenfeld, organisiert vom Verein Landwirtschaft verbindet Bayern (LSV).
„Stirbt der Bauer, stirbt das Land“, stand auf einem Plakat am Traktor eines Teilnehmers. Die Landwirte zeigten sich desillusioniert von der Politik und enttäuscht vom scheinbaren Desinteresse der Bürger, die ihnen 2023/24 bei den Protesten noch zugejubelt hatten.
Hagelstadts Bürgermeister Thomas Scheuerer war zwar nicht beim Protest vor Ort, ist aber auch als Kartoffelbauer im BBV aktiv. Er versteht seine Kollegen, denn frühere Kontakte mit Freihandel seien für viele nicht unbedingt positiv gewesen. Seit der Liberalisierung des EU-Zuckermarktes nach WTO-Verhandlungen seien vor allem Zuckerrübenbauer gebrannte Kinder.
„Da werden Türen aufgemacht, die nicht mehr zugehen“, sagt er. „Die Zuckerbranche in Europa wird ausgehöhlt.“ Diese ist durch gute Ernten und niedrige Preise ohnehin sensibel und auch Verarbeiter wie Südzucker stehen unter Druck. Jede in den Markt fließende Tonne günstig produzierten Rohrzuckers könne da wehtun, sagt Scheuerer.
Landwirt aus Landkreis Regensburg: Ernährungssicherheit mit Geld nicht aufzuwiegen
Trotz dieser Sorgen, sagt er, wolle er nicht, dass Bauern nun als Bremser der Wirtschaft angesehen würden. „Und man muss schauen, dass man durch Populismus nicht alles anheizt. Es gibt einige, die da sehr viel Ängste schüren“, sagt er mit Blick auf so manche radikalere (Online-)Kampagnen. „Sicher wird das jetzt auch politisch ausgenutzt“, sagt Heinrich Promberger, der einen idyllischen Hof an der Schwarzen Laber hat.
Er betont zudem: Wenn er auch deutsche Bauern wohl als nachhaltiger ansehe, hätten südamerikanische Betriebe höhere Qualitätsstandards, als nun manche unken würden. „Und sie werden sie für den Export weiter verbessern, da bin ich sicher.“ Er sehe zudem in den heimischen Qualitätssiegeln einen wichtigen Schutz, meint er optimistisch. „QS und GQ haben so viel erreicht, das müssen wir erhalten.“
Sein Appell, regional zu kaufen, gilt nun ebenso den Bürgern als auch Gastronomie oder Verarbeitern. Am Ende sei die regionale Landwirtschaft mehr als schöne Tradition: „Mit dem Ukrainekrieg haben wir gesehen, wie wichtig Versorgungssicherheit ist. Das war bei der Energie so und ist auch bei unserem Essen so“, sagt er. Bei aller Freude über freien Handel mit der Welt: „Wir dürfen uns bei Lebensmitteln nicht abhängig machen.“
