Bauernpräsident Rukwied beklagt „Preiskampf auf dem Rücken der Bauern“

Von Gernot Heller · 2. Januar 2026 um 05:01

Bauernpräsident Joachim Rukwied fordert im Interview der Mediengruppe Bayern von der Bundesregierung mehr Entlastung für die landwirtschaftlichen Betriebe. Der Verbandschef sieht viele Baustellen, um die sich die Koalition kümmern muss – darunter den Bürokratieabbau und die Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung.

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Das Interview im Wortlaut:

Herr Rukwied, gibt es im Bauernverband ein Umdenken hinsichtlich des Umgangs mit der AfD?

Joachim Rukwied: Nein, wir halten unsere bisherige Linie bei und beschränken den Umgang auf das protokollarisch gebotene Mindestmaß. Unsere wichtigsten Ansprechpartner sind weiterhin die Regierungsparteien in Bund und Ländern.

Haben die steigenden Lebensmittelpreise die Einkommenssituation der Landwirte entspannt?

Rukwied: Im Gegenteil. Zuletzt sind die Preise beispielsweise für Butter und Milch dramatisch gesunken – auch die Erzeugerpreise für Getreide und Schweinefleisch sind im Keller. Der harte Preiskampf im Lebensmitteleinzelhandel in der Weihnachtszeit wird am Ende auf dem Rücken unserer Bauern ausgetragen. Diese massiven Preissenkungen dürfen nicht an unsere Milchbauern weitergegeben werden. Wer die Butter für 99 Cent verramscht, entwertet dieses hochwertige, heimische Lebensmittel.

Was ist die größte Baustelle, der sich die staatliche Agrarpolitik widmen muss?

Rukwied: Es gibt viele Baustellen, um die sich die Regierung kümmern muss. Der seit langem angestoßene und gesellschaftlich gewünschte Umbau der Tierhaltung muss finanziert werden, der Bürokratieabbau muss jetzt endlich spürbar umgesetzt werden, und um dem Klimawandel zu begegnen, brauchen wir Zugang zu sicheren und wirksamen Pflanzenschutzmitteln. Um weiterhin die Versorgung mit sicheren, heimischen Lebensmitteln zu gewährleisten, muss unsere Landwirtschaft wieder wettbewerbsfähig gemacht werden. Diese Baustellen sind dringend anzugehen und dulden keinen Aufschub.

Wie fällt die Bilanz ihres Verbands für das erste Jahr der schwarz-roten Bundesregierung aus?

Rukwied: Ich würde sagen: durchwachsen. Die Bundesregierung ist uns zwar mit einigen Maßnahmen, wie etwa der Wiedereinführung des Agrardiesels, der Streichung der Stoffstrombilanz oder der Senkung der Stromsteuer entgegengekommen. Angesichts der hohen Kosten, der massiven Belastungen durch Bürokratie oder des steigenden Mindestlohns muss der Regierung jedoch bewusst sein, dass das bei Weitem nicht ausreichend ist und sie noch deutlich mehr Entlastung für die Betriebe schaffen muss. Entscheidend ist es, dass die Wettbewerbsfähigkeit unserer heimischen Landwirtschaft in Europa wiederhergestellt wird. Um das zu erreichen, führt an dem von Bundeskanzler Merz im Wahlkampf angekündigten umfassenden Politikwechsel kein Weg vorbei.

Ist aufgrund von Wetter- und Klimaeinflüssen in Zukunft mit geringeren Ernten zu rechnen?

Rukwied: Extremwetterereignisse wie Hagel, Dürre und Starkregen gefährden zunehmend die Ernten. Wir Bauern brauchen daher wirksame Instrumente zur Risikovorsorge. Eine bundeseinheitliche Mehrgefahrenversicherung ist längst überfällig und würde die Kosten für die Landwirte, Verwaltung und Versicherungen deutlich senken. Eine Lösung könnte die Finanzierung aus der Gemeinschaftsaufgabe Agrarstruktur und Küstenschutz sein. Darüber hinaus braucht es dringend eine steuerliche Risikoausgleichsrücklage. Beide Maßnahmen sind im Koalitionsvertrag vereinbart und müssen zwingend umgesetzt werden. Zudem brauchen wir, um Ernten absichern zu können, schnellere Zulassungsverfahren bei Pflanzenschutzmitteln und Zugang zu modernen Züchtungstechniken.

Ist der Beruf des Landwirts angesichts steigender Kosten noch attraktiv genug?

Rukwied: Unser Beruf ist nach wie vor einer der schönsten, und das Interesse an einer Ausbildung in den grünen Berufen bleibt nach wie vor hoch. Das zeigt die Attraktivität und Qualität unserer Berufsausbildung, die entscheidend für die Zukunft der Branche ist. Dennoch dürfen wir nicht nachlassen, den landwirtschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Die Sicherung des Fachkräftenachwuchses bleibt eine zentrale Aufgabe, gerade im Wettbewerb mit anderen Branchen und angesichts des demografischen Wandels. Wenn man uns Bauern auch noch die entsprechenden Rahmenbedingungen gibt, damit gutes Geld zu verdienen, bietet der Beruf des Landwirts sicher auch in Zukunft großartige Chancen und Attraktivität für unseren Nachwuchs. Denn regional erzeugte Lebensmittel brauchen wir alle.