Bayerischer Bauernpräsident Günther Felßner im Interview: „Ich muss nicht jedem schmecken“

Vergangenes Jahr rückte Günther Felßner bundesweit in die Schlagzeilen: Auf dem Hof des Präsidenten des Bayerischen Bauernverbands in Mittelfranken protestierten radikale Aktivisten gegen seine mögliche Ernennung zum Bundeslandwirtschaftsminister. Kurz darauf zog der CSU-Politiker seine Kandidatur zurück – wegen Sicherheitsbedenken für seine Familie. Im Interview blickt Felßner darauf zurück und erklärt auch, was ihn am Mercosur-Abkommen stört.
Herr Felßner, was sind aus Ihrer Sicht die drängendsten Probleme der Landwirte?
Günther Felßner: Nach Corona hatten wir rein wirtschaftlich zwei durchaus bessere Jahre. Die gestiegenen Kosten konnten im Fleisch- und Milchbereich über gestiegene Produktpreise aufgefangen werden. Doch die ungelösten politischen Probleme und die immense Bürokratie blieben. Durch den Wechsel der Bundesregierung und auch durch die Bauern-Demos hatten wir zumindest kurzzeitig das Gefühl, endlich von der Politik gehört zu werden. Doch die ganze Situation hat sich schon wieder gedreht. Die Milchpreise sind rückläufig, die Preise für Schweinefleisch und Ackerfrüchte sind deutlich abgestürzt. Die Kosten sind aber hoch geblieben. Gleichzeitig stellen wir fest, dass der EU-Haushalt in den nächsten Jahren immens wachsen soll, doch bei der Landwirtschaft gestrichen werden soll – um 20 Prozent. Gleichzeitig sollen durch Handelsabkommen wie Mercosur die Märkte geöffnet und Waren mit deutlich niedrigeren Standards und Kosten importiert werden. So kann die regionale Landwirtschaft nicht überleben!
... und in der Oberpfalz?
Felßner: Hier in der Oberpfalz steht die Tierhaltung massiv unter Druck – preislich und durch gesellschaftliche Debatten. Deshalb wurde in den letzten Jahren wenig investiert. Das schwächt auch die Region. Dann gibt es natürlich noch die Teichwirtschaft und das Thema Fischotter. Der breitet sich aus, richtet Schaden an und die Betroffenen müssen zuschauen. Der Otter ist nach wie vor geschützt und den Teichwirten sind die Hände gebunden.
Gibt es auch positive Entwicklungen?
Felßner: Die Bedeutung der eigenen Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung ist gestiegen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass es dafür keinen Krieg oder Krisensituationen auf der Welt braucht.
Sie haben es schon angesprochen. Die Märkte werden durch das Mercosur-Abkommen weiter geöffnet. Bei Landwirten ist das Thema umstritten – jetzt wird es nochmal vom Europäischen Gerichtshof überprüft. Haben Sie gejubelt, als diese Entscheidung gefallen ist?
Felßner: Es gibt uns Zeit, unsere Standards zu verteidigen. Insofern finden wir das gut. Wir sind davon überzeugt, dass internationaler Handel wichtig ist. Aber wir Bauern fordern fairen Handel. Ich habe absolut Verständnis dafür, dass Europa in der gesamtpolitischen, wirtschaftspolitischen, geopolitischen Gemengelage neue Partner suchen muss. Der Mercosur-Raum ist ein durchaus guter und interessanter Partner. Aber in Sachen Verbraucherschutz, Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz ist das Niveau dort absolut nicht annehmbar für uns. Deswegen lehnen wir den Vertrag mit den aktuell geplanten Regelungen zur Landwirtschaft ab. Nicht weil wir glauben, dass wir dieses Mercosur-Abkommen nicht brauchen oder dass das falsch ist, sondern weil das Agrarkapitel falsch ist und ein unfairer Wettbewerb entstehen würde.
Haben Sie ein Beispiel?
Felßner: Was mich stört, ist, dass Produktstandards statt Produktionsstandards betrachtet werden. Nötig sind Tierwohl, Umweltschutz – und keine importierten Produkte, die mit Pflanzenschutzmitteln angebaut sind, die bei uns seit 30 Jahren verboten sind.
Kann das nicht der Verbraucher entscheiden?
Felßner: Dann bräuchte man eine verpflichtende Herkunftsangabe und Kennzeichnung. Wenn in Schokolade zum Beispiel Zucker aus Brasilien drin ist, dann steht bei den Inhaltsstoffen Zucker, aber ja nicht, wo der eigentlich her ist und wie er hergestellt wurde.
Den Unmut über das Abkommen haben Landwirte über Proteste gezeigt. In anderen Ländern ging es da teils heftig zu. Wo ist da für Sie die Grenze?
Felßner: Die Grenze des Protests ist der Rahmen unserer Gesetze und Bürgerrechte. Da gehen wir auch nicht drüber hinaus. Wie klasse wir das können – da bin ich heute noch stolz – haben wir vor zwei Jahren in Bayern und ganz Deutschland gezeigt. Natürlich gab es auch Trittbrettfahrer. Der ein oder andere Rechte hat da seine Chance gesehen. Wenn so jemand aufgefallen ist, war er aber sofort raus.
Sie selbst haben Erfahrung damit gemacht, dass die Grenzen von Protest nicht eingehalten werden, als radikale Tierrechtsaktivisten auf das Dach Ihres Rinderstalls geklettert sind, dort ein Transparent befestigt und Bengalo-Feuer gezündet haben. Wie haben Sie diese Situation erlebt?
Felßner: Das muss man sich mal vorstellen: Die waren alle vermummt, kommen mit Feuerwerkskörpern, greifen meine Familie an und zünden fast den Stall an. Die Tiere waren in Todesangst wegen dem Rauch, genau wie meine Frau. Sie hat mich in dieser Situation angerufen. Ich war in Berlin. Daraufhin habe ich versucht, Rettung und so weiter zu organisieren. Das ist auch gelungen. Aber das war der Moment, wo ich innerhalb einer Sekunde gedacht habe: Ende. Ich stehe nicht weiter für das Ministeramt zur Verfügung. Diese persönliche Entscheidung ist akzeptiert worden und ich habe auch viel Unterstützung bekommen.
Wie geht es Ihnen heute damit?
Felßner: Wir als Familie sind Opfer von Kriminellen geworden. Das sind Tiergegner und keine Tierschützer. Ich verurteile das. Für mich sind das Demokratiefeinde und ich habe sie damals auch als Terroristen bezeichnet. Die haben mich angegriffen, weil ich mich als Landwirt und Tierhalter für ein politisches Amt beworben habe. Ich muss nicht jedem schmecken. Aber was nicht geht, ist, dass sie sagen: Der passt uns nicht, wir wenden jetzt Gewalt an, um den wegzuputzen. Das kann nicht sein. Droht dann jedem Bürgermeister, Landrat oder Gemeinderat so etwas, wenn eine Entscheidung nicht passt? Da musste ich was tun. Das bin ich auch allen Tierhaltern und Ehrenamtlern schuldig. Deswegen habe ich Anzeige erstattet und sie sind mit Strafbefehlen verurteilt worden. Ich habe ihnen sogar den Dialog und einen Einblick in den Stall angeboten. Das haben sie abgelehnt.
Zurück zu angenehmeren Themen: 2026 ist ein besonderes Jahr – das UN-Jahr der Landwirtin. Aktuell sind in Bayern zwar viele Frauen in der Landwirtschaft beschäftigt, aber nur etwa neun Prozent sind Betriebsleiterinnen. Warum ist das so?
Felßner: Die tatsächliche Zahl ist höher, weil – das wissen wir alle – in vielen Betrieben schmeißen die Frauen den Hof. Wir haben über 50 Prozent Nebenerwerbsbetriebe und dort läuft vieles ganz wesentlich über die Frauen, nicht nur in der Buchführung, sondern auch im Tagesgeschäft. Auch in Haupt- und Vollerwerbsbetrieben gibt es Betriebsleiterfamilien, in denen beide den Hof führen, offiziell steht aber oft nur der Mann als Betriebsinhaber auf dem Türschild. Wir wollen versuchen, junge Frauen noch besser zu unterstützen. Denn wir wissen: Frauen können das. Nicht umsonst machen sie oft die besten Abschlüsse. Die Landwirtschaft ist auch zu einem wesentlichen Teil weiblich!
Bis 2035 soll die Zahl auf 20 Prozent steigen – wie?
Felßner: Das ist das Ziel. Wir wollen Frauen erreichen und motivieren. Und deswegen setzen wir uns zum Beispiel auch für den Mutterschutz für Selbstständige ein.