Chamer Karikaturist Daniel Stieglitz räumt bei KOSCA Convention in Seoul vier Preise ab

Daniel Stieglitz reitet auf der Erfolgswelle – und das inzwischen durch mehrere Kontinente. Erst im November gewann der aus Cham stammende Karikaturist in Los Angeles einen der begehrten Nosey-Awards. Seit ein paar Tagen darf er vier weitere Auszeichnungen sein Eigen nennen. Diesmal ging es für Stieglitz nach Seoul.
In der südkoreanischen Hauptstadt mischte sich der 45-Jährige bei der 10. KOSCA Convention unter rund hundert Karikaturisten aus Asien, Europa und den USA. Für Stieglitz war es die erste Teilnahme an diesem Turnier – und zugleich eine besonders erfolgreiche. Gleich vier Auszeichnungen gingen an den deutschen Zeichner: zweiter Platz in der Hauptkategorie „Karikaturist des Jahres“, erster Platz „Beste Idee“, zweiter Platz „Bester Humor“ und zweiter Platz „Beste Körperdarstellung“.
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Der zweite Platz in der Hauptkategorie sei „eine große Ehre – zumal es eine toll gestaltete Trophäe dazu gab“, sagt Stieglitz. Und doch schlägt sein Herz besonders für die Kategorie „Beste Idee“. „Ein erster Platz ist natürlich auch immer etwas ganz Besonderes“, sagt er – vor allem dort, „weil mir Idee, Storytelling und Emotionen sehr am Herzen liegen“. Zeichnerisches Können allein reiche nicht: „Ich bin der Überzeugung, dass neben zeichnerischem Können vor allem Idee, Storytelling und Emotionen wichtig sind.“
Awards sind „das i-Tüpfelchen“
Die Korean Association of Caricature Artists versteht die KOSCA weniger als reine Wettbewerbsschau denn als Plattform für Austausch, Begegnung und gemeinsames Arbeiten. Rund hundert Teilnehmer waren es heuer. Zum Vergleich: Bei Wettbewerben der International Society of Caricature Artists in den USA sind es etwa doppelt so viele, berichtet Stieglitz – „damit ist das der größte und bedeutendste internationale Wettbewerb nach meinen Erfahrungen und Eindrücken“. Seoul habe ihn dennoch gereizt. Nach Japan im Vorjahr habe er „nicht nur Land, Kultur und Leute, sondern vor allem die südkoreanischen zeichnenden Kollegen kennenlernen“ wollen. Die Reise sei „sehr inspirierend“ gewesen – die Awards seien „das i-Tüpfelchen“.

Stieglitz entschied sich bewusst gegen klassische Einzelkarikaturen. Stattdessen entstand ein 200 Mal 40 Zentimeter großes Comic-Panorama, vollständig in Tusche ausgeführt. Erzählt wird eine selbstironische Geschichte, in der der Künstler sich selbst zum Protagonisten macht: Auf einem Markt kauft er einen kleinen, lebendigen Oktopus, um ihn auf traditionelle koreanische Art – Sannakji – zuzubereiten. Doch das Tier entgleitet seinen Stäbchenfertigkeiten und wird zum unkontrollierbaren Mittelpunkt der Erzählung.
Warum kein klassisches Porträt? „Ich bin ein ungeduldiger Typ“, sagt Stieglitz offen. „Mich länger als eine Stunde mit einem Gesicht zu beschäftigen, liegt mir nicht.“ Während andere Kollegen „stundenlang schraffieren, malen und feilen“, habe er sich vor einigen Jahren entschieden, „meine Liebe für Geschichten in Form von aufwendigen Wimmelbildern auszuleben“. Wenn das ohne Dialog funktioniere, sei es „international und universell verständlich und schafft Brücken und verbindet“.

Die Idee mit dem Oktopus entstand nicht am Reißbrett, sondern zwischen Marktständen und Straßenschluchten. Zwei Tage vor Wettbewerbsbeginn streifte Stieglitz durch Seoul, fotografierte, sammelte Eindrücke. „Schnell wurde mir klar, dass das Thema Essen eine große Rolle spielt.“ Auf einem Markt entdeckte er Aquarien mit kleinen, lebendigen Oktopussen – „ein weiteres Puzzleteil ist dazugekommen“. Stück für Stück formte sich die Geschichte.
Reale Szenen fanden unmittelbar Eingang ins Bild: die Gastrednerin Kelly O’Brien auf der Bühne, Kollegen mit kostenlosen Fertignudeln oder die Veranstalter beim koreanischen Barbecue. „Für mich hat es fast Tagebuchqualitäten“, sagt Stieglitz. „Viele Erinnerungen stecken in dem Bild.“

Der Wettbewerb selbst folgt klaren Regeln. Drei Tage Zeit bleiben den Teilnehmern nach dem Startschuss, um ihre Arbeiten zu vollenden. Vorbereitung ist ausgeschlossen: „Man darf nur die Kollegen und Kolleginnen im Raum zeichnen.“ Also werden zu Beginn Fotos gemacht oder Skizzen direkt vor Ort angefertigt. Am Ende hängen die fertigen Bilder unter Startnummern an der Wand, jeder Teilnehmer vergibt Stimmen in den einzelnen Kategorien. „Nachdem die Zeit abgelaufen ist und alle Bilder hängen, darf jeder Teilnehmer in den verschiedenen Kategorien eine Stimme abgeben.“ Dann wird gezählt – und prämiert.
Unter Karikaturisten herrscht immer eine ganz besondere Stimmung. Ohne Humor macht der Beruf keinen Sinn.Daniel Stieglitz, Karikaturist aus Cham
Gibt es Unterschiede im Humor zwischen Ost und West? Stieglitz relativiert. Südkorea wirke „relativ westlich orientiert und fühlt sich an vielen Stellen beinahe europäisch an“. Man habe viel zusammen gelacht. Zwar herrsche etwa in der Straßenbahn „absolute Stille und Respekt“, doch in Restaurants sei es laut und derb. „Unter Karikaturisten herrscht immer eine ganz besondere Stimmung. Ohne Humor macht der Beruf keinen Sinn.“
Künstlerisch beeindruckt habe ihn vor allem der Kontrast der Metropole: gewaltige Wolkenkratzer und hoch technisierte Einkaufszentren neben verwinkelten Gassen mit Patina. „Reduzierter modischer Style auf der einen Seite und auf der anderen Seite knallbunte, zuckersüße Comictierchen überall.“ Auch die koreanischen Schriftzeichen hätten ihn fasziniert.

Die vier Preise von Seoul markieren keinen plötzlichen Durchbruch, sondern eine gewachsene internationale Präsenz. In den vergangenen Jahren wurde Stieglitz mehrfach bei Wettbewerben der International Society of Caricature Artists in den USA ausgezeichnet. In Japan gewann er im Vorjahr einen ersten Preis. Dass er nun bei der KOSCA vor allem für Idee, Humor und Körperdarstellung geehrt wurde, fügt sich in diesen Weg. Seine Arbeiten setzen weniger auf die reine Übertreibung einzelner Gesichtszüge, sondern mehr auf Erzählung, Atmosphäre und ein dichtes Geflecht aus Beobachtungen.
Weiterreise nach Wien zur Eurocature
Viel Zeit zum Innehalten bleibt nicht. In wenigen Tagen reist Stieglitz weiter zur Eurocature nach Wien – diesmal nicht als Teilnehmer, sondern als Gastredner. Der Wettbewerbsteil sei dort nach Pandemie und Ukrainekrieg gestrichen worden. „Es geht ausschließlich darum, sich auszutauschen, voneinander zu lernen, sich inspirieren zu lassen und zusammen eine gute Zeit zu haben.“
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Für ihn sei das eine neue Rolle – und eine entspanntere. „Tatsächlich ist das ein deutlich entspannterer Aufenthalt als in einer Wettbewerbssituation.“ Er freue sich darauf, bekannte Gesichter wiederzusehen, neue Kollegen kennenzulernen und „meine Erfahrung und mein Wissen mit ihnen zu teilen“.