Eine Nervensäge macht weiter: Regensburgs etwas anderer Stadtrat Jakob Friedl tritt wieder an

Von Rainer Wendl · 9. Januar 2026 um 11:00

Er ist der ungewöhnlichste der 50 Regensburger Stadträte. Sechs Jahre Lokalpolitik haben an Jakob Friedl gezehrt – nach langem Überlegen hat er sich nun zu einer erneuten Kandidatur entschieden.

„Ja klar geh ich zum Neujahrsempfang!“ Jakob Friedl lässt keinen Zweifel daran, dass er heute mit dabei ist, wenn die Oberbürgermeisterin und 300 Gäste im Historischen Reichssaal des Alten Rathauses den offiziellen 2026er-Auftakt der Stadt zelebrieren. Der Einzel-Stadtrat der Liste Ribisl lädt anschließend an drei Samstagen hintereinander zu eigenen Neujahrsempfängen, bei denen er über seine kulturellen und sozialen Aktivitäten, sechs Jahre Stadtratsarbeit und ein stockendes Lieblingsprojekt von ihm berichten wird. Wieder danach, zwischen dem 30. Januar und dem Tag der Kommunalwahl, wird er an 24 Infoständen um Stimmen werben.

Ja klar? Nein, gar nicht. Denn bis vor Kurzem war noch offen, ob Friedl sein politisches Amt überhaupt verteidigen will. „Ich bin ausgelaugt nach diesen sechs Jahren. Ich hatte während der ganzen Zeit keinen Urlaub. Eigentlich bräuchte ich jetzt einen ganzen Monat davon und keinen Wahlkampf“, räumt er offen ein.

Nebenbei Sozialarbeiter

Dabei weiß der studierte Künstler sehr gut, dass er an dieser Erschöpfung weitgehend selber schuld ist. Er hat seit 2020 an nahezu jeder Ausschusssitzung des Stadtrats teilgenommen – wenn nicht als Mitglied, dann zumindest als Besucher. Rund 160 Anträge und Anfragen sind daraus erwachsen. „Ich glaube, dass das gut überdurchschnittlich ist“, untertreibt Friedl.

Doch weniger Engagement kommt für ihn nicht in Frage. Er wäre dann vielleicht weniger ausgelaugt, aber das widerspräche seinem Selbstverständnis als Lokalpolitiker. Er hat den Anspruch, sich tief in verschiedenste Themen einzuarbeiten, immer wieder nachzubohren und damit notfalls auch als Nervensäge zu gelten. Weil es sich oft lohnt, wie er glaubt: „Dass bei dem Areal der Prinz-Leopold-Kaserne eine kulturelle Zwischennutzung möglich wurde, hat ganz viel mit mir zu tun“, nennt er ein Beispiel.

ie Stadt will grüner, artenreicher, klimaresilienter und sozialer werden - all diese Themen setzen wir hier um, und das fast ohne Kohle.Jakob Friedl, Stadtrat

Quartiersentwicklung ist ohnehin sein Steckenpferd. Als selbst ernannter Leiter des „Vorgartenamts“ hat Friedl mit seinem „Kaufladen für Erwachsene“ in der Guerickestraße einen Treffpunkt geschaffen, der zahlreiche gesellschaftspolitische Themen im Viertel abdeckt. „Ich mache hier Sozialarbeit, obwohl ich das gar nicht gelernt habe“, sagt er. Ein weiteres Dilemma: Bei seinem Einstieg als Stadtrat war er ansonsten „nur“ Künstler, hatte also Zeit – jetzt binden ihn die Projekte in der Guerickestraße und ihrer Umgebung mehr als 40 Stunden in der Woche.

Das „Parkhaus“-Projekt im Ostpark wartet auf Fortschritte. - Foto: Wendl

Zusammen mit Anwohnern und zu Sozialstunden verdonnerten Helfern legt Friedl hier Grünbereiche an und pflegt sie, sammelt und verteilt Lebensmittel, betreut den Sofa-Frühstückstreff oder plant den Umbau der früheren Gartenamtsunterkunft im Ostpark zum gemeinnützigen „Parkhaus“. „Die Stadt will grüner, artenreicher, klimaresilienter und sozialer werden - all diese Themen setzen wir hier um, und das fast ohne Kohle“, betont er.

Stadtratsliste mit 30 Kandidaten steht

Die Wertschätzung ist jedoch überschaubar. So liegt für den Kaufladen nach wie vor kein dauerhafter Mietvertrag vor, den „Parkhaus“-Bau hat die Stadt erst für 2028/29 vorgesehen. „Dabei wären wir seit vier Jahren startklar. Das geht alles so langsam, wenn keiner für Druck sorgt“, ärgert sich Friedl.

Deshalb will er eben doch weitermachen im Stadtrat. Von seinen bunten Wahlplakaten hängen zwar erst sieben, doch die fallen auf. Und er ist nicht allein. Seit wenigen Tagen steht die Ribisl-Stadtratsliste mit 30 Bewerbern. „Vom Tagelöhner bis zur Volljuristin ist alles dabei, quer durch alle Schichten“, freut sich der Spitzenkandidat. Bei aller Müdigkeit kann er die Lust auf weitere sechs Jahre Stadtpolitik nicht verbergen.

Ein Neujahrsempfang an jedem der nächsten drei Samstage

• 10. Januar: Von 15 bis 19 Uhr findet im „Kaufladen für Erwachsene im Vorgartenamt“ in der Guerickestraße der „Permanente Neujahrsempfang“ statt. Dabei gibt es am Nachmittag die Möglichkeit zum Kennenlernen der Projekte, Musik von Uli Teichmann und verschiedene Gratis-Spezialitäten wie frisch gebackenes kurdisches Brot. Zum Ausklang spielt um 19 Uhr die Krautrockband Tranquilized Housewives.

• 17. Januar: Beim „Andauernden Neujahrsempfang“ der Ribisl-Partie im Ribisl-Haus am Minoritenweg 23 wird von 16 bis 21 Uhr über sechs Jahre Stadtratsarbeit informiert. Zudem stehen Jazz, die Vorstellung der Wahlplakate und ein Vortrag über Donaldismus auf dem Programm.

• 24. Januar: Um 15 Uhr ist Treffpunkt beim „Parkhaus“ im Ostpark. Das Motto lautet „Stillstand-Neujahrsempfang“.