Paradiesvogel überwindet Barrieren: So stärkt ein Künstler den Zusammenhalt in Regensburgs Stadtosten

Von Marion Koller · 21. August 2025 um 11:00

Der Regensburger Jakob Friedl betreibt fast ohne Geld den Kaufladen für Erwachsene als Treffpunkt. Für ein Miteinander der unterschiedlichsten Menschen überwindet er viele Barrieren.

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Das etwas struppige Grün heißt „Vorgartenamt“. Im Kaufladen für Erwachsene kocht Jakob Friedl gern. Die Eingangstür des Kaufladens für Erwachsene in der Guerickestraße steht offen. Die lilafarbenen Bänke und der bunt bemalte Tisch davor laden zum Verweilen ein. Ein Schild im Grün lädt ein: „Trink einen Tee im Kfe.“ Bei Jakob Friedl im Stadtteilprojekt ist jeder willkommen. Kinder laufen rein und schauen, was los ist. Eine Frau holt sich Lebensmittel aus der Food-Sharing-Kiste mit übriggebliebener Ware aus Supermärkten. Ein Mann entdeckt an seinem Wagen einen Strafzettel. Er hat an der Bushaltestelle geparkt. Jetzt fragt er Friedl: „Seit wann ist denn hier eine Haltestelle?“ Die sei wohl wie ein Pilz aus dem Boden gewachsen. Auch Jakob Friedl weiß es nicht. Der 46-Jährige ist so etwas wie die Seele des Regensburger Ostens. Bei ihm ist jeder willkommen.

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„Den Kaufladen für Erwachsene“, ein seit Langem leerstehendes Geschäft, hat ihm die Stadtbau vor zwei Jahren überlassen. Freilich muss der Mietvertrag jährlich verlängert werden. Träger ist Friedls „Förderverein für unter- und überirdische Urbanismus-Forschung“. Er bringt die Anwohner zusammen, kocht mit ihnen. Gruppen können den Projektraum nutzen, Künstler und Autorinnen treten dort auf. Einige Schwarze Schafe leisten beim Verein ihre vom Gericht verhängten Sozialstunden ab.

Auch die Hintertür steht offen

Jakob Friedl, studierter Bildhauer, will den Stadtteil zusammenbringen. Und zwar ehrenamtlich. Im Osten leben Geflüchtete, Menschen, die finanziell kaum über die Runden kommen, aber auch Familien, die sich im Kunstpark Ost eine Immobilie leisten. Zwischen den Sozialwohnungen an der Guerickestraße und den Stadthäusern im Neubauviertel verläuft ein Zaun. Friedl hat es geschafft, dass eine Türe eingebaut wurde.

Tee gibt es für Gäste. - Foto: Koller

Von der Hintertüre des Kaufladens für Erwachsene sind es vielleicht 20 Meter bis zum Zaun. Friedl führt zu der Tür. Wenige Meter weiter hat ein Hausbesitzer vom Kunstpark in den Zaun, der auch sein Grundstück abriegelte, ebenfalls eine Tür einbauen lassen. Jakob freut sich darüber. „Ich arbeite aus einer Perspektive von ganz unten“, sagt der Stadtrat der Ribisl-Partie. „Weil im Förderverein Suchtkranke Sozialstunden leisten.“ Der Verein hat fast kein Geld und will beweisen, wie viel ohne Finanzen möglich ist. Der 46-Jährige und seine Helfer kümmern sich um die Grünflächen zwischen Häusern und Straße. Dort wachsen inzwischen Beerensträucher und Kräuter. Holzkunstwerke ziehen die Blicke auf sich. Und im Igel-Unterschlupf ruhen sich tagsüber die Stacheltiere aus. Eine Frau erntet im Vorbeigehen ein paar Walderdbeeren. „Jetzt habe ich stibitzt“, sagt sie. Das Grün bewässert der Verein mit Regenwasser aus den Dachrinnen der Stadtbauhäuser.

Jakob Friedl hofft, dass ihm die Stadtbau eine Baugenehmigung für ein soziales Café völlig ohne Preise erteilt. „Die Leute freut es, dass wir da sind. Wir leben hier ein sich Kümmern im Stadtraum vor“, sagt er. Gerne würde er mit den Leuten kochen. Eine Fahrrad-Station wird demnächst installiert. Zurzeit befragt der Verein die rund 80 Mieter in den geförderten Wohnungen. „Sie können sich vorstellen, dass wir ein Gewächshaus oder einen Pizzaofen bauen. Dass man die hintere Fassade des Ladens anmalt und Bäume pflanzt.“

Über Helfer freut sich Jakob Friedl immer. - Foto: Koller

Friedl streckt seine Fühler noch weiter aus. In der Außenanlage des Jugend- und Begegnungszentrums Guericke kann er sich einen Lagerfeuerplatz und einen Bauspielplatz vorstellen. Gegenwärtig befänden sich auf der einen Seite viele Zäune und auf der anderen ein Bereich, den man nicht betreten darf. „Wie soll sich da sozialer Zusammenhalt entwickeln?“, fragt sich der Künstler. „Es entsteht so viel im Viertel. Aber überall sind Zäune dazwischen.“ Wo der Straßenstrich gewesen sei, komme eine Schule, sagt der 46-Jährige. Ein paar Hundert Meter weiter wird im ehemaligen Bundeswehr-Haus in der Daimlerstraße auf mehreren Etagen eine Obdachlosen-Unterkunft eingerichtet. Der Sportpark Ost mit Leichtathletikhalle und Hallenbad hat kürzlich eröffnet. Seit März 2024 können Kinder im neuen Verkehrsgarten in der Guerickestraße lernen, wie sie zu Fuß und auf dem Fahrrad sicher ans Ziel kommen. Im nahen Areal der früheren Prinz-Leopold-Kaserne ist der erste Spatenstich für das Wohnbaugebiet für Ende August geplant. In den Erdgeschoßen sollen sich Läden, Dienstleister und Vereine ansiedeln. Darauf ist Friedl gespannt, denn es belebt das Viertel. Während er erzählt, tritt eine Frau ein und füllt den Lebensmittelschrank. Jakob Friedl mahnt an, auch bei den älteren Wohnblocks könne man sich Gedanken über eine Belebung der Erdgeschosse machen.

Die leerstehende frühere Gartenamts-Unterkunft im Ostpark möchte er in einen Ort der Begegnung mit Kiosk umwandeln. Park-Haus soll er heißen. Weil der Wasseranschluss fehlt, habe die Stadt noch nicht zugesagt.

Appell an die Stadt

„Das Absurde ist, dass wir nur das machen wollen, was sowieso das Integrierte Städtebauliche Entwicklungskonzept empfiehlt“, ärgert sich Friedl. „Die Stadt sollte die kleinen Chancen nutzen.“

Sprecherin Juliane von Roenne-Styra versichert, man sei zum Thema Gartenamtsunterkunft Ostpark im laufenden Austausch, um eine Konkretisierung des Projekts zu vereinbaren. „Für die Überlassung des Schlüssels fehlt bis dato noch eine vertragliche Grundlage, die die Nutzung des Gebäudes umfassend regeln muss.“